Jan-Werner Müller ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Princeton, einer der ältesten und renommiertesten Hochschulen in den USA. In der Woche, in der wir ihn zum Gespräch treffen, wählen die Republikaner in Cleveland Donald Trump zu ihrem Präsidentschaftskandidaten, und in Deutschland verkündet Pegida-Chef Lutz Bachmann, er habe eine Partei gegründet. Kurz zuvor haben sich die Briten gegen die EU entschieden und die Österreicher beinahe einen rechtspopulistischen Bundespräsidenten gewählt. Marine Le Pen in Frankreich, Viktor Orbán in Ungarn, Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei – viel Arbeit für einen Populismusforscher. Jan-Werner Müller ist gerade für ein Forschungsjahr nach Wien gezogen. Es ist ein heißer Tag, wir trinken fünf Flaschen Wasser, der Schweiß läuft. Ein Gespräch über Macht, Demokratie und frustrierte weiße Männer.

ZEIT Wissen: Professor Müller, was hat Populismus mit Verführung zu tun?

Jan-Werner Müller: Ich wehre mich immer gegen diese psychologisierende Perspektive. Man ist sehr schnell mit allen möglichen Gefühlen bei der Hand, die man den Populismusopfern zuschreibt: Sie werden verführt, sind alle ressentiment- oder wutgeladen, sind die Frustrierten, die Verängstigten.

ZEIT Wissen: Stimmt das denn nicht?

Müller: Ich will nicht in Abrede stellen, dass das auch der Fall sein kann. Aber wir sagen damit indirekt, die Leute können nicht selber denken, die sind den falschen Versprechen oder eigenen Wutausbrüchen ausgeliefert. Wenn wir "die Masse der Verführten" als Opfer von Demagogen behandeln, sind wir auf einer abschüssigen Bahn. Wir werden selber verführt von Annahmen, die typisch sind für die Massenpsychologie des 19. Jahrhunderts und die Modernisierungstheorie der fünfziger Jahre: Die Masse ist angeblich irrational und hat Angst vor der Moderne. Diese Sicht ist heute sehr weit verbreitet. So schrieb Tony Blair einmal, viele Leute könnten die moderne Welt schlicht nicht verstehen. Da wäre ich vorsichtig.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

ZEIT Wissen: Woran erkennt man einen Populisten, wenn nicht an seinen Verführungstricks?

Müller: Daran, dass jemand behauptet, er und nur er beziehungsweise nur er und seine Partei seien die einzig legitimen Vertreter des wahren Volkes. Entscheidend ist nicht die antielitäre Haltung, denn Eliten kritisieren wir alle ständig. Entscheidend ist eine antipluralistische Haltung.

ZEIT Wissen: Können Sie ein Beispiel nennen?

Müller: Donald Trump hat im Mai auf einer Wahlkampfveranstaltung etwas gesagt, das kaum beachtet worden ist, weil er ja ständig sehr anstößige Sachen von sich gibt, aber es zeigt diese Haltung deutlich. Er sagte: "The only thing that matters is the unification of the people, and all the other people don’t matter."

ZEIT Wissen: "Das Einzige, was zählt, ist die Einheit des Volkes" – klingt eher harmlos.

Müller: Der zweite Teil des Satzes ist entscheidend: "All die anderen Menschen, die zählen nicht." Es gibt also ein wahres Volk und einen einzigen wahren Vertreter dieses Volkes – ihn. Wer gegen ihn ist, ist automatisch nicht Teil des wahren Volkes und zählt damit moralisch und vor allem auch politisch nicht.

ZEIT Wissen: Populismus ist für Sie in erster Linie eine Haltung und nicht mit bestimmten Themen verbunden?

Müller: Das Entscheidende ist der moralische und dann auch politische Ausschluss aufgrund des eigenen Alleinvertretungsanspruchs. Wer den nicht vollzieht, ist für mich kein Populist. Da kann er noch so viele Dinge sagen, die einem aufstoßen oder die man strikt ablehnen muss, wie Fremdenfeindliches und Rassistisches.