ZEIT Wissen: Zumindest am Anfang vertreten Populisten ja immer eine Minderheit. Wie schaffen sie es, sich trotzdem als Vertreter des Volkes darzustellen?

Müller: Dazu gehört in gewisser Weise ein Taschenspielertrick: Zunächst sagen sie, es gebe einen einzig wahren Volkswillen, der sich gar nicht irren könne. Dann behaupten sie, dass dieser Wille bisher von den Eliten unterdrückt und nicht gehört worden sei. Und schließlich, dass sie selbst nichts weiter täten, als diesen Willen zur Geltung zu bringen. Sie setzten nur um, wozu ihnen das Volk den Auftrag gebe.

ZEIT Wissen: Und warum wirkt das immer wieder so überzeugend?

Müller: Populisten fangen oft nicht so radikal an, wie sie enden. Nehmen wir zum Beispiel Erdoğan. Was er am Anfang gesagt hat, war ja nicht falsch: Es gibt in der Türkei viele, die nicht dem kemalistischen Idealbild entsprechen, zu religiös und zu ländlich sind, sich diesem ganzen Modernisierungsprozess nicht unterworfen haben – diese sogenannten schwarzen Türken sind de facto vom politischen Prozess ausgeschlossen gewesen. Mit der Kritik daran hatte Erdoğan recht und hatte so schon sehr viele Leute für sich gewonnen. Aber irgendwann kam der Umschwung. Es hieß plötzlich nicht mehr, wir sind auch das Volk. Es hieß, wir sind das Volk, und die anderen gehören gar nicht dazu. Populismus baut sich über eine längere Zeit auf, in der die Anhänger bei der Stange bleiben. Die meisten sagen nicht irgendwann: Erdoğan war nur mein Vertreter, solange er den Pluralismus akzeptiert hat.

ZEIT Wissen: Wie kommt es zur Ablehnung von Pluralismus?

Müller: Zunächst einmal ist Pluralismus nur eine Kurzformel dafür, dass wir in einer modernen Demokratie damit zurechtkommen müssen, als freie und gleiche Bürger auf einigermaßen faire Weise mit Leuten zusammenzuleben, die zum Teil ganz anders sind als wir. Wir müssen akzeptieren, dass auch Menschen, deren Lebensstil uns nicht immer gefällt, Teil der Gesellschaft sind und mitbestimmen können. Hinzu kommt, dass Gesellschaften immer vielfältiger geworden sind und zum Beispiel Minderheiten und Frauenrechte anerkennen. Manche wollen das nicht.

ZEIT Wissen: Dabei tut Vielfalt einer Gesellschaft doch gut, macht sie robuster und interessanter.

Müller: Es geht hier um ganz reale Machtverluste. Beispiel USA: Ein weißer Mann hatte in der patriarchalischen Welt der fünfziger und sechziger Jahre auch als nicht besonders gut ausgebildeter Mensch eine gewisse Macht. Die hat er so heute sehr wahrscheinlich nicht mehr. Wenn nun jemand kommt und sagt, ich kann das alles wieder so machen, wie es schon mal war, ihr habt im Grunde recht, es war völlig falsch, dass wir uns auf eine Gesellschaft zubewegen, in der Weiße eines Tages nicht mehr die Mehrheit sind – dann ist das für manche Bürger ein attraktives Politikangebot.

ZEIT Wissen: Gerade frustrierte weiße Männer scheinen im Internet allgegenwärtig zu sein. Befeuert das Internet den Populismus?

Müller: Es scheint mir ein Phänomen zu verstärken, das man mit dem auf den ersten Blick paradoxen Konzept der direkten Repräsentation beschreiben könnte: Man hat die Illusion, mit dem wahren Vertreter des authentischen Volkswillens direkt in Kontakt zu stehen. Denken Sie an Trumps Twitter-Nachrichten, er beschreibt sich ja inzwischen als den "Hemingway der 140 Zeichen", und eine gewisse Effektivität kann man seinen Tweets nicht absprechen. Oder nehmen Sie Beppe Grillo, den Chef der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung, die aus seinem Blog entstanden ist. Grillo behauptet: "Ihr sagt, was los ist, und ich bin der Lautsprecher, ich bin der Verstärker." Und das Gefühl "Wir sind das wahre Volk und uns wirklich einig" wird dadurch verstärkt, dass andere Wortmeldungen immer wieder die eigenen Ansichten bestätigen.

ZEIT Wissen: Sprechen Populisten anders als andere?

Müller: Sie verwenden keine anderen Wörter. Auf den ersten Blick nutzen sie die Sprache der Demokratie, und darum ist Populismus auch so gefährlich. Marine Le Pen, die Vorsitzende des französischen Front National, kommt, anders als ihr Vater, längst ohne Holocaust-Leugnung aus. Populisten wie sie sagen heute: Wir wollen die Kontrolle zurück. Und Kontrolle heißt doch nationalstaatliche Demokratie.

ZEIT Wissen: Was ist daran gefährlich?

Müller: Populisten klingen häufig so, als wären sie für mehr Volksbefragungen und Referenden, damit das Volk endlich selber sprechen könne. Das kann man auch alles diskutieren. Nur leiten sie letztlich ihre Vorstellungen von dem, was das Volk wirklich will, gar nicht aus empirischen Ergebnissen ab. Sondern aus einer symbolischen Form von Repräsentation: Wir, die wahren Vertreter, wissen, was das Volk will. Sie wollen keinen ergebnisoffenen Willensbildungsprozess, wie dies bei einem Referendum der Fall sein sollte.