ZEIT Wissen: An wen denken Sie dabei?

Müller: So ist zum Beispiel Thilo Sarrazin aufgetreten. Das ist sehr effektiv. Einerseits erhält man den Verfolgte-Minderheit-Komplex aufrecht, andererseits ist man omnipräsent.

ZEIT Wissen: Ist Populismus mit Populismus zu schlagen?

Müller: Wenn man Populismus als eine bestimmte Umgangsform versteht, als einfachere Sprechart oder auch als Bereitschaft zur Aggressivität, könnte man dieser Meinung sein. Darin steckt aber auch wieder so eine Haltung von oben herab, nach dem Motto: Unsere ein bisschen einfacheren Mitbürger verstehen das alles nicht, wenn wir nicht ein bisschen volksnäher sprechen.

ZEIT Wissen: Wie wird man gegen Populismus immun?

Müller: Populismus ist ja keine Krankheit, sondern eine permanente Gefahr in der Demokratie. Wir werden ihn nie auf magische Weise loswerden. Aber er hat weniger mit individuellen Gefühlen zu tun als mit einem nicht funktionierenden Parteiensystem. Insofern ist Populismus ein Symptom für ernste Probleme einer Demokratie. Er kommt nicht aus dem Nichts oder nur weil es einen Charismatiker XY gibt, und wenn der weg ist, ist der Spuk vorbei. Damit machen wir es uns zu einfach.

ZEIT Wissen: Was kann man dann tun?

Müller: Man muss Pluralismus leben, man muss einüben, wie man mit Andersartigkeit umgeht. Mit Leuten, die eben nicht immer alle einer Meinung sind. Jenseits dessen gibt es, glaube ich, keine Patentrezepte.

ZEIT Wissen: Ist denn unser demokratisches Modell mit gewählten Repräsentanten das einzig wahre, oder wäre eine direktere Herrschaft des Volkes besser?

Müller: Repräsentative Demokratie ist nicht das einzig Wahre, aber im Moment ja auch nicht das Einzige, was wir haben. Wenn Sie demonstrieren gehen, Meinungsartikel veröffentlichen oder bloggen, sind das auch Beiträge zur Demokratie. Doch wir leben nun mal in relativ großen Gebilden. Wenn es darum geht, kollektiv bindende Entscheidungen zu treffen, müssen wir aus diesen ganzen komplizierten und nervigen demokratischen Prozessen irgendwie etwas herauskristallisieren, um es umzusetzen. Und das können nur Repräsentanten.

ZEIT Wissen: Aber abstimmen könnte das Volk schon öfter?

Müller: Ich bin nicht prinzipiell gegen Volksbefragungen. Aber es ist eine Illusion, zu meinen, mit Volksbefragungen könne man zumindest zeitweise völlig aus der Logik der repräsentativen Demokratie aussteigen. Denn wer stellt die Frage, über die abgestimmt wird? Wer organisiert die Kampagnen? Das sind doch im Zweifelsfalle wieder Repräsentanten. "Das Volk" als autonomen politischen Akteur – das gibt es gar nicht.

ZEIT Wissen: Wie grundsätzlich müssen wir denn über unser aktuelles Demokratiemodell nachdenken, wenn es offensichtlich zu Unzufriedenheit führt?

Müller: Die repräsentative Demokratie ist nur eine Version von Demokratie. Unser historisches Gedächtnis ist viel zu kurz, sodass wir völlig vergessen haben, dass sich im 20. Jahrhundert viele für ganz andere Vorstellungen begeistert haben, beispielsweise Räte und Selbstverwaltung. Andererseits sehe ich im Unterschied zu anderen Theoretikern im Moment kein postrepräsentatives Zeitalter heraufziehen. Wir müssen Repräsentation unter den Bedingungen von Europäisierung und Globalisierung neu denken, aber wir haben mit dem Prinzip der Repräsentation noch lange nicht abgeschlossen.

ZEIT Wissen: Sind Räte der verdorrte Ast in der Evolution der Demokratie?

Müller: Das ist ein schönes Bild. Zurzeit wirken diese Konzepte wie verdorrte Äste. Ich würde aber nicht sagen, dass da nie wieder etwas hervorsprießen kann. Wir müssen unseren eigenen Vorstellungen treu bleiben und betonen: Demokratie ist ein offener Prozess. Wir haben mit unserem nach dem Zweiten Weltkrieg zurechtgebauten Modell wohl kaum die letzte Antwort für alle Zeiten gefunden.