Ein einziges Foto brachte den Frauenfußball weltweit auf die Titelseiten: 120 Minuten hatte die US-Mannschaft gegen die chinesische um den WM-Titel gekämpft, ohne dass ein Tor gefallen wäre. Nun stand es 4:4 im Elfmeterschießen. Die Amerikanerinnen hofften auf ihre Verteidigerin Brandi Chastain, und die zimmerte den Ball mit links ins gegnerische Tor. In einer Geste des Triumphs zog die Spielerin ihr weißes Trikot über den Kopf, ließ sich in schwarzem Sport-BH und Shorts auf die Knie fallen. Das Bild ging als "Brandi-Bra-Moment" 1999 in die Sport(bekleidungs)geschichte ein. Nie zuvor hatte ein Sport-BH derart viel Öffentlichkeit bekommen.

Brandi Chastain feiert ihr Tor bei der Frauenfußball-WM 1999 – und verschafft ihrem Sport-BH unverhoffte Aufmerksamkeit. © ROBERTO SCHMIDT/AFP/Getty Images

Mit ihrem Torjubel lenkte die Fußballerin die Aufmerksamkeit auf ein Kleidungsstück, das bis dahin wenig beachtet worden war. Dabei beeinflussen Sport-BHs die Performance von Athletinnen ganz entscheidend. Sie unterstützen und schützen vor Überlastung. Goldie Sayers, britische Speerwerferin, ist überzeugt, ihr extra für sie entworfener Sport-BH mache sie "leistungsfähiger". Für die Hersteller von Sportausrüstung hatten Sport-BHs lange den Sex-Appeal von Kompressionsstrümpfen. Das ändert sich. 2014 verkündete Nike, den Umsatz mit Lauf-Tights und Sport-BHs in drei Jahren um zwei Milliarden Dollar steigern zu wollen. Auch Konkurrent Under Armour hat sich sportliche Ziele gesetzt: doppelter Umsatz bis 2018, unter anderem mit neuen Sport-BH-Modellen. Denn verantwortlich für das wirtschaftliche Wachstum im Segment Sportswear sind Frauen: in Deutschland zu 69 Prozent. Und die zeigen ihre Outfits. Auf Instagram finden sich unter Hashtags wie #girlswithmuscle oder #yogagirl Hunderttausende Selfies von Sportlerinnen in Sport-BHs oder den bügellosen Crop-Tops.

Was der Laie nicht sieht: Die meisten dieser Oberteile sitzen schlecht. "85 Prozent aller Frauen wissen nicht, welche BH-Größe sie haben", sagt die Sportwissenschaftlerin Jenny Burbage. "Wenn ich mir im Fernsehen Sportereignisse wie die Olympischen Spiele anschaue, fällt es mir sofort auf, wenn eine Teilnehmerin einen Sport-BH trägt, der nicht passt." Burbage, die an der Universität Portsmouth lehrt, ist Expertin für Angewandte Biomechanik. Ihr Forschungsschwerpunkt: die weibliche Brust. Eine Problemzone – zumindest wenn es um die passende Bekleidung geht. "Es gibt kein einheitliches Größensystem. Und vielen Frauen fehlt die Kenntnis, wie ein BH sitzen muss." Das will Burbage ändern. Nicht nur die Anatomie der Brust sollte in der Schule erklärt werden, findet sie. Mädchen müssten lernen, wie sie den passenden BH aussuchen. Denn die Brüste von Frauen sind so verschieden, dass sie sich kaum in Standardmaßen erfassen lassen. Was bei der einen 75B-Trägerin perfekt sitzt, reibt, quetscht und schubbert bei der anderen. Ein Drittel aller Läuferinnen empfinden Beschwerden. Dazu kommt, dass Mädchen in der Pubertät nicht immer damit klarkommen, wie ihr Körper sich verändert. "In einer unserer Studien gaben 17 Prozent aller Frauen ihre Brüste als Grund dafür an, keinen Sport zu treiben. Zu viele", sagt Burbage. "Sie klagen über Rücken- oder Nackenschmerzen oder schämen sich sogar, weil ihre Brüste sich sichtbar bewegen."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

Seit 2007 befasst sich die Britin mit Sport-BHs, um die Bedingungen für Amateur- und Profisportlerinnen zu verbessern. Das Labor für Brustgesundheit der Universität Portsmouth ist eines der zwei weltweit führenden Forschungszentren auf diesem Gebiet. Während des London-Marathons befragten Burbage und ihre Kolleginnen über 1.300 Läuferinnen zu deren BHs und den Problemen, die diese auf solchen Distanzen verursachen. Im Labor vermessen sie Brüste und deren Bewegungsmuster. An über 900 Frauen brachten sie bereits Sensoren an, filmten sie mit Infrarotkameras auf dem Laufband, beim Springen oder auf einem mechanischen Pferd. Mit Sport-BH und ohne. "Hinter gut verschlossener Labortür", sagt Burbage. Über 600 verschiedene Modelle wurden so getestet. Nicht alle mit befriedigendem Ergebnis.

"Im Vergleich zu den Sportschuhen hinkt die BH-Entwicklung 20 Jahre hinterher." Auch war die Biomechanik, die Lehre vom Bewegungsapparat, lange eine Männerdomäne. Seit es mehr Frauen in diesem Fachbereich gibt, macht die Erforschung der weiblichen Anatomie Fortschritte. Zum Beispiel durch 3-D-Darstellungen: "Anfangs wussten wir nur, dass Brüste auf und ab wippen. Jetzt können wir ihr Bewegungsmuster unabhängig vom Rest des Körpers untersuchen. Das hilft uns, Sport-BHs zu entwickeln, deren Funktion über die reine Kompression hinausgeht."

Die weibliche Brust besteht aus Fett, Drüsen und Bindegewebe. Darunter liegen der kleine und der große Brustmuskel. Diese halten die Brust jedoch nicht aufrecht. Wissenschaftler glauben, dass entweder das Coopersche Band dafür verantwortlich ist – Faserzüge, die das Bindegewebe der Brustdrüse mit der Brustfaszie verbinden –, die Haut oder beides. "Aber die Bodenreaktionskraft, die auf Brüste einwirkt, ist immens", sagt Deirdre McGhee, Sportwissenschaftlerin der Universität Wollongong, Australien. "Brüste bewegen sich elliptisch: vor, rüber, hoch, runter, rüber, hoch. Je schneller eine Frau läuft, desto größer ist die Wucht." Bis zu 21 Zentimeter können Brüste ausschlagen. Abhängig von der Größe belasten etliche Hundert Gramm den Brustkorb. "Bereits bei einem gemäßigten Lauftempo von acht Kilometer pro Stunde kommt es zu bis zu 10.000 Erschütterungen pro Stunde."