Die Distanz zwischen den Lebenden und den Toten ist groß, aber die Distanz zwischen den Lebenden und den Vermissten ist noch viel größer. Als der Zweite Weltkrieg längst vorbei ist, machen sich zwei Männer und eine Frau auf die Suche nach einem vermissten Soldaten. Der eine Mann ist Skjalg Haaland, ein pensionierter Ingenieur aus Norwegen, der Sohn des Soldaten. Am 22. Januar 2008 piekst er sich mit einer Lanzette in den Finger und drückt ein paar Tropfen Blut auf ein Blatt Filterpapier. Genau genommen sucht Skjalg Haaland seinen Vater schon seit seiner Kindheit. Erst suchte er ihn in der Erinnerung, später in Büchern über den Krieg. Als Rentner setzt er seine letzte Hoffnung in die Wissenschaft. Deshalb die Blutstropfen.

Der andere Mann ist Inge Morild, ein Forensiker, der in seinem Leben zwischen neun- und zehntausend Leichen obduziert hat, so genau hat er nicht mitgezählt. Genau genommen sucht Morild nicht nur Skjalg Haalands Vater, sondern hundert norwegische Soldaten. Sie kämpften damals an der finnisch-russischen Grenze. Zwischen 2007 und 2011 fliegt Morild dreimal nach Russland, um dort Skelettknochen anzusägen.

Die Frau ist Kathryne Bomberger, eine hartnäckige Menschenrechtlerin. Sie leitet die Internationale Kommission für vermisste Personen (ICMP) in Sarajevo und Den Haag. Genau genommen sucht sie nicht nur die hundert norwegischen Soldaten, sondern alle Vermissten dieser Welt. Sie hat aus der Fahndung nach den Vermissten eine Präzisionswissenschaft gemacht.

Gestern suchten sie die Vermissten von Srebrenica, heute die Vermissten im Irak, morgen am Mittelmeer und in Syrien.

Gestern suchten Bomberger und ihr Team die Vermissten von Srebrenica, heute suchen sie die Vermissten im Irak, zwischendurch helfen sie den Norwegern. Und wenn sie CNN anschalten, wissen sie schon, wo sie morgen sein werden: am Mittelmeer, wo Flüchtlinge ertrinken, und in Syrien natürlich. Sie ordnen anonymen Knochen einen Namen zu und geben Angehörigen ein bisschen Frieden. Wenn es gut läuft, bringen ihre Funde einen Kriegsverbrecher in den Knast.

In Trondheim, im Januar 2008, bringt Skjalg Haaland den Brief mit seiner Blutprobe zur Post. In St. Petersburg verpackt Inge Morild ein paar Monate später daumendicke Knochenscheiben zwischen seinen Socken im Koffer. Und so treten Blut und Knochen eine Reise quer durch Europa an. Man weiß zu jenem Zeitpunkt nicht, ob sie jemals zusammenfinden werden, die Gebeine aus dem russisch-finnischen Grenzgebiet und der Name des Soldaten Erling Münther Haaland. Man kann nur sagen, dass es eine Reise ist, auf der man den guten und den bösen Seiten der Spezies Mensch begegnen wird. Eine Zeitreise, die den Zweiten Weltkrieg verbindet mit dem Völkermord von Srebrenica und den Kriegen und Krisen der Gegenwart.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

Als Skjalg Haaland in der Mitte seines Lebens anfing, dem Schicksal seines Vaters nachzuspüren, fragte seine Frau ihn unvermittelt: "Bist du ein Nazi?" Nein, er ist kein Nazi. Aber sein Vater war einer.

Erling Münther Haaland war Mitglied der norwegischen Faschisten, der Nasjonal Samling. Nachdem die Deutschen Norwegen im April 1940 besetzt hatten, meldete er sich freiwillig für den Kriegsdienst bei den Besatzern. Er wurde einer von sechstausend sogenannten Frontkämpfern und diente im "Ski-Jäger-Bataillon Norge" der deutschen Waffen-SS, das überwiegend aus Norwegern bestand.

Skjalg Haaland, geboren 1938, versuchte zu verstehen, warum sein Vater ihn damals verlassen hatte, um für Hitler zu kämpfen. Heute hat er weiße Haare und die Sorgenfalten eines 77-Jährigen, der in seinem Leben schon viele Dämonen bekämpft hat. Er verlor nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Tochter. Sie starb am zweiten Weihnachtsfeiertag 1979 im Alter von elf Jahren an einem Hirntumor. Aber für sie gibt es wenigstens ein Grab, an dem er trauern kann.

Haaland hat die Wohnung seiner Frau in Trondheim für ein Treffen vorgeschlagen. Die beiden wohnen getrennt, seit er sich so obsessiv mit seinen beiden Hobbys beschäftigt, Spiritualität und Ahnenforschung, aber sie sehen sich an den Wochenenden. Es ist der längste Tag dieses Jahres, Sonnenwende. Am Abend spielt Deutschland gegen Nordirland in Paris, aber die Europameisterschaft interessiert ihn nicht so.

Haaland sitzt auf der Couch und zieht ein Porträt seines Vaters aus einer Mappe. Es zeigt einen jungen Mann in Uniform, ernst in die Kamera blickend. Das Licht auf dem Foto fällt so, dass die Nase einen Schatten auf die Oberlippe wirft, es sieht aus wie ein Hitlerbärtchen. Skjalg Haaland hat eine tiefe, knarzige Stimme, ein bisschen wie eingerostet, bis heute hat er nur mit wenigen Menschen über seinen Vater gesprochen. Er sagt: "Mein Vater war das schwarze Schaf der Familie." Die drei Schwestern des Vaters und deren Ehemänner hielten im Zweiten Weltkrieg zu den Briten.