Wo ist Erling M. Haaland?

Die Distanz zwischen den Lebenden und den Toten ist groß, aber die Distanz zwischen den Lebenden und den Vermissten ist noch viel größer. Als der Zweite Weltkrieg längst vorbei ist, machen sich zwei Männer und eine Frau auf die Suche nach einem vermissten Soldaten. Der eine Mann ist Skjalg Haaland, ein pensionierter Ingenieur aus Norwegen, der Sohn des Soldaten. Am 22. Januar 2008 piekst er sich mit einer Lanzette in den Finger und drückt ein paar Tropfen Blut auf ein Blatt Filterpapier. Genau genommen sucht Skjalg Haaland seinen Vater schon seit seiner Kindheit. Erst suchte er ihn in der Erinnerung, später in Büchern über den Krieg. Als Rentner setzt er seine letzte Hoffnung in die Wissenschaft. Deshalb die Blutstropfen.

Der andere Mann ist Inge Morild, ein Forensiker, der in seinem Leben zwischen neun- und zehntausend Leichen obduziert hat, so genau hat er nicht mitgezählt. Genau genommen sucht Morild nicht nur Skjalg Haalands Vater, sondern hundert norwegische Soldaten. Sie kämpften damals an der finnisch-russischen Grenze. Zwischen 2007 und 2011 fliegt Morild dreimal nach Russland, um dort Skelettknochen anzusägen.

Die Frau ist Kathryne Bomberger, eine hartnäckige Menschenrechtlerin. Sie leitet die Internationale Kommission für vermisste Personen (ICMP) in Sarajevo und Den Haag. Genau genommen sucht sie nicht nur die hundert norwegischen Soldaten, sondern alle Vermissten dieser Welt. Sie hat aus der Fahndung nach den Vermissten eine Präzisionswissenschaft gemacht.

Gestern suchten sie die Vermissten von Srebrenica, heute die Vermissten im Irak, morgen am Mittelmeer und in Syrien.

Gestern suchten Bomberger und ihr Team die Vermissten von Srebrenica, heute suchen sie die Vermissten im Irak, zwischendurch helfen sie den Norwegern. Und wenn sie CNN anschalten, wissen sie schon, wo sie morgen sein werden: am Mittelmeer, wo Flüchtlinge ertrinken, und in Syrien natürlich. Sie ordnen anonymen Knochen einen Namen zu und geben Angehörigen ein bisschen Frieden. Wenn es gut läuft, bringen ihre Funde einen Kriegsverbrecher in den Knast.

In Trondheim, im Januar 2008, bringt Skjalg Haaland den Brief mit seiner Blutprobe zur Post. In St. Petersburg verpackt Inge Morild ein paar Monate später daumendicke Knochenscheiben zwischen seinen Socken im Koffer. Und so treten Blut und Knochen eine Reise quer durch Europa an. Man weiß zu jenem Zeitpunkt nicht, ob sie jemals zusammenfinden werden, die Gebeine aus dem russisch-finnischen Grenzgebiet und der Name des Soldaten Erling Münther Haaland. Man kann nur sagen, dass es eine Reise ist, auf der man den guten und den bösen Seiten der Spezies Mensch begegnen wird. Eine Zeitreise, die den Zweiten Weltkrieg verbindet mit dem Völkermord von Srebrenica und den Kriegen und Krisen der Gegenwart.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/16.

Als Skjalg Haaland in der Mitte seines Lebens anfing, dem Schicksal seines Vaters nachzuspüren, fragte seine Frau ihn unvermittelt: "Bist du ein Nazi?" Nein, er ist kein Nazi. Aber sein Vater war einer.

Erling Münther Haaland war Mitglied der norwegischen Faschisten, der Nasjonal Samling. Nachdem die Deutschen Norwegen im April 1940 besetzt hatten, meldete er sich freiwillig für den Kriegsdienst bei den Besatzern. Er wurde einer von sechstausend sogenannten Frontkämpfern und diente im "Ski-Jäger-Bataillon Norge" der deutschen Waffen-SS, das überwiegend aus Norwegern bestand.

Skjalg Haaland, geboren 1938, versuchte zu verstehen, warum sein Vater ihn damals verlassen hatte, um für Hitler zu kämpfen. Heute hat er weiße Haare und die Sorgenfalten eines 77-Jährigen, der in seinem Leben schon viele Dämonen bekämpft hat. Er verlor nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Tochter. Sie starb am zweiten Weihnachtsfeiertag 1979 im Alter von elf Jahren an einem Hirntumor. Aber für sie gibt es wenigstens ein Grab, an dem er trauern kann.

Haaland hat die Wohnung seiner Frau in Trondheim für ein Treffen vorgeschlagen. Die beiden wohnen getrennt, seit er sich so obsessiv mit seinen beiden Hobbys beschäftigt, Spiritualität und Ahnenforschung, aber sie sehen sich an den Wochenenden. Es ist der längste Tag dieses Jahres, Sonnenwende. Am Abend spielt Deutschland gegen Nordirland in Paris, aber die Europameisterschaft interessiert ihn nicht so.

Haaland sitzt auf der Couch und zieht ein Porträt seines Vaters aus einer Mappe. Es zeigt einen jungen Mann in Uniform, ernst in die Kamera blickend. Das Licht auf dem Foto fällt so, dass die Nase einen Schatten auf die Oberlippe wirft, es sieht aus wie ein Hitlerbärtchen. Skjalg Haaland hat eine tiefe, knarzige Stimme, ein bisschen wie eingerostet, bis heute hat er nur mit wenigen Menschen über seinen Vater gesprochen. Er sagt: "Mein Vater war das schwarze Schaf der Familie." Die drei Schwestern des Vaters und deren Ehemänner hielten im Zweiten Weltkrieg zu den Briten.

Sie warten – manchmal ihr Leben lang

1944 fällt Erling Haaland. Bestattet wurde er nicht. © Hulton Archive/Getty Images

An einem Abend im Oktober 1942, zwei Wochen vor Skjalgs viertem Geburtstag, machte seine Mutter ihrem Ehemann eine Szene. "Wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht mehr wiederzukommen", schrie sie, und der kleine Skjalg warf sich auf den Boden und trommelte gegen die Dielen. Am nächsten Tag war der Vater weg. Im Juni 1943 kam er von der Front zurück und brachte Traubenzucker mit. Ein Jahr später kam nicht der Vater, sondern ein Brief. Das wichtigste Wort kennt Haaland heute noch auf Deutsch: "gefallen". Skjalg saß auf dem Schoß seiner Mutter, während sie mit ihrer Mutter telefonierte. Sie weinte.

Nach dem Krieg hoffte Skjalg Haaland insgeheim, der Vater könnte überlebt haben, schließlich wurden seine sterblichen Überreste nie geborgen. Offiziell galt er als vermisst. Aber seine Familie sprach nicht mehr über ihn. Frontkjemper, die den Krieg überlebt hatten, wurden in Norwegen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Klassenlehrer nannte den kleinen Skjalg eine Nazibrut. Die anderen Jungs verprügelten ihn. Seine Mutter schickte ihn an den Wochenenden zur Großmutter, weil er frech zu ihrem neuen Partner war. "Skjalg can take care of himself", habe sie immer gesagt, Skjalg kann für sich allein sorgen. "Die haben so getan," sagt er, "als hätte ein Zehnjähriger keine Gefühle."

Mehr als 60 Jahre lang waren die toten Soldaten mit den Mücken allein. Dann wurden die Leichen gefleddert.

Es gibt viele Arten, unfreiwillig verloren zu gehen. Vermisst werden Soldaten, die nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren; Menschen, die in Gefängnissen, Folterkellern oder Arbeitslagern verschwinden; Flüchtlinge, die im Meer ertrinken; Menschen, die entführt worden sind. Was sie verbindet: Die Angehörigen bleiben im Ungewissen. Sie haben keinen Ort zu trauern. Sie warten – manchmal ihr Leben lang.

Am 25. und 26. Juni 1944 kämpften 190 norwegische Soldaten des Ski-Jäger-Bataillons Norge ein letztes Gefecht. Zu ihnen gehörte Erling Haaland. Sie hatten sich auf zwei Hügel der Sumpf- und Waldlandschaft Kareliens zurückgezogen und wurden von sowjetischen Truppen umzingelt. Kaprolat und Hasselmann hießen die Hügel auf den Karten der Wehrmacht, benannt nach zwei Offizieren. Beide Seiten schossen mit Maschinengewehren, Maschinenpistolen, Granatwerfern. Am Abend des zweiten Tages waren 100 norwegische und mehr als 200 sowjetische Soldaten gefallen. 40 Norweger wurden gefangengenommen, von denen 15 nach Kriegsende zurückkehrten. 50 entkamen, manche waren am Fuß der Hügel durch die Seen geschwommen.

Die gefallenen Norweger bestattete niemand. Über 60 Jahre lang waren sie im Sommer mit den Mücken allein und im Winter von Schnee bedeckt. Dann kamen die Leichenfledderer.

Skjalg Haaland zieht zwei Zeitungsartikel hervor. Der eine berichtet, wie Militaria-Sammler das ehemalige Schlachtfeld nach Helmen, Waffen, Abzeichen und Erkennungsmarken durchforsteten. Dieser Artikel aus dem Jahr 2006 setzte 600 Kilometer südwestlich von Trondheim etwas in Bewegung: die Wissenschaft. Der Weltkriegshistoriker Stein Larsen rief den Pathologieprofessor Inge Morild an, und der erzählte Larsen von den neuen Methoden, Menschen zu identifizieren. Sie holten noch eine Geologin, einen Archäologen und eine Jurastudentin hinzu und nannten sich Kaprolat-Komitee. Davon handelt der zweite Artikel, erschienen 2009. Wütende Leser schrieben anschließend Briefe an die Zeitung: Sollten die Knochen von 100 Nazi-Norwegern mit Steuergeldern exhumiert werden? Skjalg Haaland schrieb einen Brief an die Wissenschaftler. Er wollte eine DNA-Probe abgeben.

Am Tag des Brexit-Referendums – 75 Jahre und einen Tag nachdem Deutschland die Sowjetunion überfallen hat, einen Tag bevor Paul McCartney in Bergen spielt –, am 23. Juni also, steht der Forensiker Inge Morild um acht Uhr morgens an seinem Arbeitsplatz und entfernt einem verunglückten Motorradfahrer aus Finnland behutsam das Gehirn aus dem Schädel. Eigentlich sollte die Leiche schon früher obduziert werden, der Unfall war sechs Tage zuvor passiert. Aber Morild ist in diesen Wochen der einzige erfahrene Rechtsmediziner am Universitätsklinikum Bergen, und er hat viel zu tun. Gewaltverbrechen, Helikopterabsturz, eine ältere Frau ist an einem Fleischbrocken erstickt. Über dem grünen OP-Kittel trägt er eine Einwegschürze.

Morild zeigt seinem Kollegen jene Stelle im Schädel, wo das Gehirn normalerweise mit dem Rückenmark verbunden ist. Abgerissen. Und dann entdeckt er auch den kleinen Bluterguss am Kinn des Fahrers. Dort muss der Helm den Kopf nach hinten gerissen haben. "Da stirbt man sehr schnell", sagt Morild durch den Mundschutz. Das wird er auch den Angehörigen erklären, wenn sie ihn danach fragen sollten. Das wollen sie ja meistens von ihm wissen: ob ihre Liebsten leiden mussten. Er sagt: "Ich lüge nie, aber ich sage auch nicht mehr als nötig."

Morild ist jetzt 65 Jahre alt, und er hat in seinem Berufsleben viel Leid gesehen, nicht nur in Bergen. Srebrenica 1998. New York 2001. Philippinen 2004. In Srebrenica obduzierte er verweste Leichen aus Massengräbern, denen die Mörder die Hände gefesselt hatten. 2011 auf Utøya entfernte er toten Jugendlichen die Kugeln aus den Körpern. Wie hält man das aus?

Ein Mensch hat 206 Knochen

Anhand von Knochen müssen Forensiker die Toten identifizieren. © Dado Ruvic/Reuters

Morild weiß, dass Journalisten von einem wie ihm Lebensweisheiten erwarten. Ein Times-Reporter hat ihn nach dem Tsunami auf den Philippinen so zitiert: "Dies muss jetzt gerade der elendste Ort auf Erden sein." Ein guter Satz, Morild hat ihn an seine Bürotür geklebt. Aber er hat das nie gesagt, würde er auch nie. Er sitzt nun in seinem Büro am Computer, ein sportlicher Typ, die Arme gebräunt vom Mallorca-Urlaub, und sucht nach Fotos aus Sarajevo. Sein Bilderordner ist eine Sammlung des Grauens. Auch ein mit einer Kreissäge zerteilter Leichnam ist darunter, aber Morild erzählt davon so nüchtern wie von einem Betriebsausflug. Er sagt: "Wenn du mitfühlst, würde es dich verrückt machen. Ich habe Respekt vor den Toten. Aber ich mache meinen Job und möchte einen guten Obduktionsbericht abliefern." Bei manchen Einsätzen bekommen sie psychologische Hilfe angeboten. Er braucht das nicht. "Am Abend gehen wir einen trinken, und dann vergessen wir die Sache." Heute obduziert er einen Motorradfahrer, morgen geht er ins Paul-McCartney-Konzert. Nur den Glauben an Gott hat er verloren. "Zu viel Schlechtes gesehen."

Die Leiche eines Mannes fand man später auf vier Gräber und 16 Leichensäcke verteilt

Die norwegischen Soldaten waren für Morild ein besonders kniffliger Fall. Surface remains, Oberflächenfunde. Die Knochen von Wölfen abgenagt, im Sumpf vermodert, von Plünderern durcheinandergebracht, die Eheringe geklaut. Politisch umstritten. "Ich hielt es für unethisch, sie da liegen zu lassen", sagt Morild. Die Frage war nur: Gaben die Gebeine genug DNA-Material her? Die Kaprolat-Kommission heuerte Einheimische an, um die Gebeine zu suchen. Fünf Jahre lang trugen sie Knochen zusammen. Inge Morild flog nach St. Petersburg und machte seinen Job. Arm- und Beinknochen nach Länge und Farbe sortieren. Kleine Scheiben heraussägen, Zähne aus Kiefern hauen. Verletzungen dokumentieren. Einige Schädel hatten Austrittslöcher in der Schädeldecke: Selbstmord.

Dann gaben sie die Gebeine vorübergehend in die Obhut der Deutschen Kriegsgräberfürsorge in St. Petersburg, und die stapelte sie in kleinen Holzsärgen in einem Hangar, beschriftet mit "KH" für Kaprolat-Hasselmann und einer Nummer. Welche Knochen würden am Ende einen Namen bekommen?

Im Sommer 2008 flog Morild mit den ersten Blut- und Knochenproben nach Sarajevo. Er übernachtete im Hotel Europa. Er sah die Einschusslöcher in den Häusern. Er fotografierte die Lateinerbrücke, an der der Thronfolger Österreich-Ungarns am 28. Juni 1914 erschossen worden war. Er stieg in ein Taxi und brachte seine Fracht ins Hauptquartier der ICMP. Gegenüber befindet sich ein muslimischer Friedhof. Viele Grabsteine tragen die Todesjahre 1993, 1994 und 1995. Die Zeit der Belagerung.

Ein Mensch hat 206 Knochen. Normalerweise liegen sie in einem Leichensack, nachdem ein Skelett exhumiert wurde. In Srebrenica war es anders. Dort hatten bosnisch-serbische Milizen mindestens 8.000 muslimische Männer und Jungen hingerichtetet und in Massengräbern verscharrt. Wochen später kamen sie zurück, um ihre Taten zu vertuschen, hoben die Gräber mit Baggern aus und verteilten die sterblichen Überreste auf Dutzende sogenannte Sekundärgräber im Umkreis von 30 Kilometern. Die Leiche eines Mannes fand man später auf vier Gräber und 16 Leichensäcke verteilt. Als der Jugoslawienkrieg endete und der Völkermord aufgeklärt werden sollte, sprachen Experten vom größten forensischen Puzzle der Welt. Insgesamt wurden 40.000 Menschen vermisst. Die International Commission on Missing Persons wurde gegründet, um dieses Puzzle zusammenzusetzen. Die Initiative kam von Bill Clinton.


Ende der neunziger Jahre bildeten sich in den Städten Bosnien-Herzegowinas lange Schlangen vor den Gebäuden, in denen das Rote Kreuz und die ICMP Fotos ausgehängt oder in dicken Ordnern ausgelegt hatten. Fotos von Schmuck, Kleidern und anderen Habseligkeiten, die man bei den Leichen gefunden hatte. So kannten es Menschenrechtler aus Lateinamerika. Doch das Verfahren war ungenau. Bis zu 30 Prozent der Toten wurden fehlerhaft identifiziert, schätzt der ehemalige ICMP-Mitarbeiter Christian Jennings in seinem Buch Bosnia’s Million Bones. Im Zweifel konnte man zwar einen DNA-Test in Auftrag geben, aber das war teuer. So konnte es nicht weitergehen.

Die ICMP-Forensiker hatten eine Idee, die viele Experten damals für verrückt hielten: den Massenmorden ein Verfahren zur Massenidentifikation entgegenzusetzen. Statt den DNA-Vergleich ans Ende der Beweiskette zu hängen, setzten sie ihn an den Anfang. Dazu brauchten sie die neueste Technik zur Genomsequenzierung, das Vertrauen der Hinterbliebenen, eine ausgeklügelte Datenbank. Und eine Person, die ein größenwahnsinniges Projekt gegen den Widerstand all jener durchsetzen konnte, die etwas zu vertuschen hatten: Kathryne Bomberger.

Am fünften Tag der Europameisterschaft, neun Tage vor dem Brexit-Referendum, nutzt Bomberger eine Verschnaufpause in ihrem Büro in Sarajevo, um einen Espresso zu trinken. Am Vormittag hat sie mit Angehörigen der Vermissten und mit Politikern diskutiert, anschließend ein Fernsehinterview gegeben, und in einer Stunde wird sie eine kleine Rede halten. Die ICMP wird 20 Jahre alt, deshalb gibt der britische Botschafter in Sarajevo einen Empfang. Die Briten gehören zu den wichtigsten Partnern der Organisation.

"Ich habe schreckliche Dinge gesehen"

Das ICMP arbeitet daran, den Toten von Srebrenica einen Namen zu geben. Dazu entwickelte es einen computergestützten DNA-Vergleich. 72000 Angehörige in Bosnien-Herzegowina gaben Blutproben ab. Auf diese Weise konnten bisher 6926 von etwa 8000 Opfern identifiziert werden. © Dado Ruvic/Reuters

Kathryne Bomberger redet schnell und lacht manchmal laut und herzlich. Dafür, dass sie seit zwanzig Jahren in die Abgründe der Menschheit blickt, wirkt sie ziemlich gut gelaunt. Nach dem Jugoslawienkrieg war sie für die OECD in Foča, wo Frauen durch serbische Milizen gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt worden waren. Seit 1998 ist sie Chefin der ICMP. "Ich habe schreckliche Dinge gesehen", sagt sie, "aber hier habe ich meinen Zynismus verloren. Es ist unglaublich, wie viele Menschen uns unterstützt haben."

Zu Beginn ihrer Mission stellte Bomberger Archäologen, Forensiker und Juristen ein. Sie fuhren in zerbombte Dörfer und überredeten die Angehörigen der Vermissten, Blutproben für einen DNA-Vergleich abzugeben. Sie machten Lobbyarbeit für ein Gesetz, das den Vermissten Rechte einräumt. Im Zentrum von Tuzla bezogen sie Quartier in einem Sportzentrum und bauten die Datenbank und das Blutprobenarchiv auf. Am Stadtrand richteten sie ein Hochregallager für die Leichensäcke aus Srebrenica ein. In Sarajevo entstand das Labor für die Knochenanalyse. Und die Genetiker entwickelten einen DNA-Fingerabdruck, wie ihn die Wissenschaft noch nicht gesehen hatte.

Sie hatten eine Idee, die viele Experten damals für verrückt hielten: DNA-Tests wie am Fließband.

Wenn eine Knochenprobe in Sarajevo eintrifft, wird sie hinter einer Hygiene-Schleuse zu einem feinen Pulver gemahlen. Ein halbes Gramm Knochenpulver reicht für die Analyse. Chemikalien lösen die DNA anschließend aus dem Pulver und vervielfältigen sie milliardenfach wie in einem biochemischen Kopiergerät. Selbst wenn in einem vermoderten Knochen nur noch wenige Zellen erhalten sind, lässt sich daraus ein genetischer Fingerabdruck erstellen. Dafür füllen die Techniker einen Tropfen der DNA-Essenz in eine Sequenziermaschine. Dieses Gerät, kleiner als ein Kühlschrank, hat die Gentechnik seit der Jahrtausendwende revolutioniert. Am ICMP werden bis zu 24 Abschnitte des Genoms gescannt, an denen sich kurze DNA-Schnipsel mehrmals wiederholen. "Short Tandem Repeats" heißen diese Muster. Jeder Mensch hat eine einzigartige Kombination dieser Wiederholungen im Erbgut, sie kennzeichnen ihn wie ein Fingerabdruck. Und sie verraten, ob zwei Menschen miteinander verwandt sind.

Es klingt alles ganz einfach, aber es hat Jahre gedauert, dieses Fließbandverfahren zur Massenidentifizierung zu entwickeln. Die Bilanz zwanzig Jahre nach Kriegsende: Von den 8.000 Vermissten von Srebrenica wurden knapp 7.000 identifiziert, fast 90 Prozent. Von insgesamt 40.000 Vermissten in Ex-Jugoslawien sind mehr als 70 Prozent identifiziert. Die Erkenntnisse der ICMP-Experten dienten in Gerichtsverfahren gegen die Kriegsverbrecher als Beweismaterial. Bosnien-Herzegowina wurde zur Blaupause für die Suche nach den Vermissten dieser Welt, egal ob sie durch Naturkatastrophen, bei Flugzeugabstürzen, Terroranschlägen, im Krieg oder durch Völkermord gestorben sind. (Die sechs Millionen Juden, die von den Nazis ermordet wurden, können auf diese Weise nicht identifiziert werden. Holocaust heißt wörtlich übersetzt: vollständig verbrannt. Von diesen Menschen bleibt keine DNA).

Mentale Folter haben die UN es genannt, wenn die Täter den Angehörigen nicht verraten, was mit den Vermissten geschehen ist. An diesem 14. Juni, während Österreich gegen Ungarn spielt, zeigt sich in der Privatresidenz des britischen Botschafters von Bosnien-Herzegowina, warum die Suche nach den Vermissten eine Friedensmission sein kann. Diplomaten im Nadelstreifenanzug sind gekommen und vor allem: Mütter und Väter der Vermissten. Serbinnen, Kroaten, Kosovaren, Albaner, Bosniaken. Sie stehen auf den Perserteppichen des Botschafters und plaudern miteinander. Vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Da ist Bajram Qerkina, ein Kosovo-Albaner mit Schiebermütze. Er hat seinen Großvater im Ersten und seinen Vater im Zweiten Weltkrieg verloren, seinen Sohn im Jugoslawienkrieg. Alle drei sind vermisst. "Ich kann Eltern niemals als Feinde sehen", sagt er. "Ihr Sohn mag ein Killer gewesen sein, aber sie haben ein Kind verloren wie ich. Unsere Tränen sind alle gleich."

Wenn unsere Kinder kein Grab bekommen, ist es, als hätten sie nie existiert
Munira Subašić, Vorsitzende der "Mütter von Srebrenica"

Da ist Munira Subašić, eine weißhaarige Großmutter, Vorsitzende der "Mütter von Srebrenica". Sie hat 22 Angehörige verloren. 18 Jahre nach dem Massaker überreichte ihr die ICMP zwei kleine Knochen ihres jüngsten Sohnes, gefunden in zwei 25 Kilometer voneinander entfernten Massengräbern. "Ich war auf eine Art glücklich", sagt sie heute, "weil ich jetzt einen Grabstein mit seinem Namen hatte, auf dem geschrieben steht: 'Nermin wurde in Srebrenica geboren und in Srebrenica umgebracht.'" Sie sagt: "Jeder Mensch hat das Recht zu leben, und wenn er stirbt, hat er ein Recht auf ein Grab."

Früher hat man Frauen wie sie aus den Behörden hinauskomplimentiert, heute sind die "Mütter von Srebrenica" eine einflussreiche NGO. Subašić hat Bill Clinton und Angela Merkel getroffen. Sie fordert Zugang zu Militärarchiven, um die übrigen 12.000 Vermissten aufzufinden. "Die Distanz zwischen den Lebenden und den Toten ist groß, aber die Distanz zwischen den Lebenden und den Vermissten ist noch viel größer", sagt Subašić in der Botschaft.

Es geht darum, abzuschließen

Die Suche nach den Vermissten von Srebrenica gilt heute als Vorbild für die Aufarbeitung von Konflikten in aller Welt. Jahr für Jahr werden neu identifizierte Gebeine bestattet. © Sean Gallup/Getty Images

Europa ist auf den Knochen und der Asche von Millionen Toten und Vermissten errichtet. Gestern hat man sich gegenseitig massakriert, heute spielt man Fußball gegeneinander. Und morgen? Der ICMP-Geburtstag beim britischen Botschafter endet hoffnungsvoll, trotz allem. "Für jedes Gramm menschlichen Leids", schreibt Christian Jennings, "gibt es das gleiche Maß menschlicher Güte."

Dutzende Länder haben Experten zur Weiterbildung nach Sarajevo geschickt oder sich Rat geholt. Seit Ende 2014 ist die ICMP eine internationale Organisation. Kathryne Bomberger wird sich noch öfter einmischen. Sie hat schon ein Abkommen mit Italien unterzeichnet, um bei der Identifizierung ertrunkener Flüchtlinge zu helfen. In der ICMP-Datenbank sind inzwischen 100.000 DNA-Profile aus Knochen- und 50.000 aus Blutproben gespeichert. Die Katastrophen dieser Welt, alphabetisch sortiert: ... Iraq Blood, Iraq Bone, Kosovo Blood, Kosovo Bone, Libya Blood, Libya Bone, Norwegian Blood, Norwegian Bone, Philippines Blood, Philippines Bone, South Africa Blood, South Africa Bone ...

Im September 2010 findet ein Computer in Tuzla zwei passende Puzzleteile: Blutprobe 205012 und Knochenprobe 6100753. Eine Vater-Sohn-Beziehung, verwandt mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,95 Prozent. Das Blut stammt von Skjalg Haaland, und der Knochen ist ein linker Oberschenkelknochen aus Sarg KH-60. Als der Forensiker Inge Morild im Jahr 2011 ein letztes Mal nach Russland fährt, schreibt er mit roter Farbe einen Namen auf den Sarg: "HAALAND Erling M."

In Trondheim zieht Skjalg Haaland ein Schreiben der Kaprolat-Kommission hervor. Man habe die Gebeine des Vaters durch den DNA-Vergleich identifiziert, steht in dem Brief, datiert vom 8. Oktober 2010. Haaland schluchzt. "I was happy that he was found," sagt er schließlich. Zu den Knochen gab es nun einen Namen, aber sie hatten noch kein Grab. Er könne entscheiden, steht in dem Brief, ob er die Gebeine nach Norwegen holen oder durch die Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Russland bestatten lassen wolle.

Russland, entscheidet Haaland. Doch seitdem hat er nichts mehr gehört. Er schreibt an eine Behörde in Berlin, die "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht", aber die antwortet, sein Vater gelte als vermisst. Was denn nun?

Es geht darum, abzuschließen. Etwas zu Ende zu bringen. Kathryne Bomberger hat noch 12.000 Menschen aus dem Jugoslawienkrieg zu finden. Inge Morild will ein Buch über die Karelienexpedition fertigstellen. 57 von 100 Leichen haben sie gefunden, 14 Gebeine konnten sie namentlich identifizieren. Und Skjalg Haaland möchte Abschied nehmen von seinem Vater, von dem er heute zu wissen glaubt, dass er gegen Stalin und für Norwegen kämpfen wollte, nicht für Hitler.

Anruf bei der Deutschen Kriegsgräberfürsorge in Kassel. Robert-Bellal Zaka leitet das Referat für Gräbernachweis und Angehörigenbetreuung. Am Telefon hört man Tasten klappern, während Zaka in seiner Datenbank recherchiert. Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat der Verein die Gebeine von über 850.000 Toten aus verstreuten und teilweise verfallenen Soldatengräbern im ehemaligen Ostblock exhumiert und auf 82 Kriegsgräberstätten verteilt. Im vergangenen Jahr erreichten Zaka 30.000 Anfragen von Angehörigen. Viele Söhne und Töchter gefallener Soldaten melden sich zum ersten Mal. Sie sind weit über 70. Auch sie wollen abschließen.

Es gibt nur ein Problem: den Rückstand. Erst in diesem Jahr hat die Kriegsgräberfürsorge die Namen derjenigen auf Grabsteinen eingraviert, die zwischen 2003 und 2007 umgebettet wurden. "Die wirtschaftliche Lage", sagt Zaka, die Umbettung koste Geld, und daran mangele es. Leider, denn die Verzögerung sei für Angehörige "eigentlich moralisch der Wahnsinn".

Und Haaland? Den Namen findet er nicht, aber es gab da einen Personalwechsel bei den Kollegen in St. Petersburg. Er will weiter recherchieren, muss jetzt los zum Kindergarten, das Leben geht ja weiter. Eine Woche nach dem EM-Finale schickt Zaka eine Mail. Die Unterlagen aus Russland sind gekommen. Erling Haalands "Endgrablage" ist Block 15, Reihe 2, Grab 199 in der Kriegsgräberstätte Sologubowka bei St. Petersburg.

Skjalg Haaland fragt sich immer noch, was für einen Sinn das alles hat. Ein spiritueller Lehrer hat ihm einmal gesagt, er, Skjalg, sei in einem früheren Leben ein Steinmetz bei den Maya gewesen, aber was erklärt das schon. Er wird nach Russland fliegen und seinen Vater besuchen. Skjalg can take care of himself.

Max Rauner dankt den ICMP-Mitarbeitern, die ihm ihre Arbeit erklärt haben: Ana Bilić, René Huel, Edin Jašaragić, Thomas Parsons, Lejla Softić, Kevin Sullivan, Dragana Vučetić.