1. Wirkung

Die Scham ist ein heimtückisches Gefühl. Wir möchten im Boden versinken, wären am liebsten unsichtbar. Doch die Scham bewirkt das Gegenteil: Sie treibt uns die Röte ins Gesicht, und die Signalfarbe zieht die Blicke auf sich. Sie wird deshalb schnell zum Teufelskreis. Wir schämen uns nicht nur wegen unseres Fehltritts, sondern obendrein, weil wir uns schämen – und weil das offensichtlich alle mitbekommen.

Genau das macht das Wesen der Scham aus: Sie braucht das Publikum. Wir schämen uns nicht nur vor uns selbst, sondern hegen insgeheim immer die Befürchtung, die Außenwelt könnte die Schmach bemerken. Besonders deutlich wird dies beim Schamgefühl bezüglich des eigenen Körpers. Allein im Bad ist Nacktheit kein Problem, in der Öffentlichkeit hingegen fühlen wir uns bloßgestellt. Im übertragenen Sinn fühlen wir uns immer vor anderen entblößt, wenn wir uns schämen.

Obwohl sie aus der Furcht vor dem Urteil anderer entsteht, weckt die Scham beim Gegenüber oft Mitgefühl und Sympathie. Denn sie wird als Einsicht in den eigenen Fehler gedeutet, als Entschuldigung. Wer sich hingegen schamlos zeigt, gewinnt damit keine Freunde. Der Psychologe Anthony Manstead von der britischen Universität Cardiff hat dies in einem Experiment nachgewiesen. In einem Supermarkt ließ er erst einen Mann einen Stapel Toilettenpapier umreißen, dem das offenkundig peinlich war. Dann geschah das Missgeschick einem anderen, der sich ungerührt zeigte. Bei Ersterem spürte die Gruppe der Probanden erheblich häufiger den Impuls, ihm zu helfen. Anders als Letzterer tat er den Studienteilnehmern leid.

Die Scham erscheint uns also als beschwerlicher Umweg, doch sie führt geradewegs zum Ziel: Allen Bemühungen zum Trotz gelingt es nicht, sie zu verbergen. Aber indem wir sie nicht verheimlichen können, machen wir den Anlass zur Scham wieder wett.

2. Entstehung

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/16.

Nur Menschen können Scham empfinden. Andere Gefühle, seien es Angst, Trauer oder Freude, teilen sie mit den Tieren. Doch wer sich schämt, muss ein Bewusstsein von der eigenen Persönlichkeit haben. Und er muss gleichzeitig die Fähigkeit besitzen, sich selbst aus der Perspektive der anderen zu sehen. Sehr kleine Kinder sind dazu noch nicht in der Lage. Sie lernen das erst mit eineinhalb oder zwei Jahren. Dennoch ist die Scham angeboren. Jeder Mensch schämt sich irgendwann. Dass dies mit dem Rotwerden verknüpft ist, beruht nicht auf Nachahmung. Schon Charles Darwin erwähnte in seinem Buch Der Ausdruck von Gemüthsbewegungen beim Menschen und den Thieren drei von Geburt an blinde Kinder, die erröteten, obwohl sie das bei anderen nie haben sehen können. Auch bei ihnen weiteten sich die Blutgefäße im Gesicht. Die verlieren diese Fähigkeit übrigens mit zunehmendem Alter immer mehr. Deshalb werden Kinder und Jugendliche eher leuchtend rot als Erwachsene, die in peinlichen Situationen oftmals nur noch den Blick senken und in sich zusammensacken.

Wenn wir uns schämen, schüttet unser Immunsystem den Botenstoff TNF alpha aus. Das konnte die Psychologin Sally Dickerson von der New Yorker Pace University nachweisen, als sie von ihren peinlich berührten Probanden Speichelproben nahm. Wie bei einer Infektion fühlten sich die Betroffenen einen Moment lang schwach und wie gelähmt. Der Anstoß dazu muss offenbar aus dem Stirnlappen der Großhirnrinde kommen. Denn wenn der orbitofrontale Cortex geschädigt ist, verliert der Mensch sein Schamgefühl. Er stellt sich bloß, ohne es zu merken.

3. Zweck

Die Scham ist ein zutiefst soziales Gefühl, weil sie sich an den Maßstäben der Gesellschaft orientiert. Genau das hat sie überhaupt entstehen lassen. Damit sich die Mitglieder einer Gemeinschaft regelkonform verhalten. Wer sich schämt, der fürchtet, wegen seines Fehlers ausgestoßen und sozial isoliert zu werden. Er bemüht sich, ein solches Verhalten zu vermeiden.

"Die Forschung hat gezeigt, dass wir unsere Handlungen an dem ausrichten, was wir in unserer Umwelt als normales Verhalten wahrnehmen", sagt Jennifer Jacquet von der New York University. Bei der Durchsetzung solcher Normen sei die Scham ein wirkungsvolles Instrument. Das wussten bereits die Menschen im Mittelalter: Wer gegen ein Gesetz verstoßen oder eine gesellschaftliche Norm verletzt hatte, wurde am Pranger bloßgestellt, sichtbar für alle. Die Scham diente ganz offiziell als Mittel zur Disziplinierung der Menschen.