Wenn ein Mensch nachts wach liegt, weil er nicht schlafen kann, können sich kleine Sorgen in große verwandeln, Kollegen, Expartner oder Familienangehörige in Gespenster. Die Müdigkeit verstärkt Probleme auf unheimliche und unkontrollierbare Art. Sie macht vergesslich, fahrig, auch ängstlich, gereizt und zornig. Das ist ganz normal und nächtliches Grübeln nicht weiter erwähnenswert, sofern es sich wieder legt. Wenn es sich aber Nacht um Nacht wiederholt, bringt es den Menschen in einen Ausnahmezustand.

Warum bei manchen die anfängliche Schlafstörung nach ein paar Wochen wieder verschwindet und bei vielen anderen chronisch wird, ist nicht genau bekannt. Faktoren wie Lärm, Licht, Stress oder Schmerz tragen dazu bei, dass sich das Problem festsetzt. Es ist ein Teufelskreis – sobald ein paar Nächte nicht gut waren, denken die meisten: "Oh nein, die nächste Nacht wird sicher auch schrecklich!" Der Körper wird unruhig, der Druck, unbedingt schlafen zu müssen, lässt ihn wach liegen. Als Nächstes kreisen nicht nur die Gedanken vor dem Zu-Bett-Gehen, sondern auch die des Tages ums Schlafen: "Darf ich das essen, oder wird es mich aufwühlen? Kann ich auswärts übernachten, oder bleibe ich lieber in meinem gewohnten Umfeld?" Man schont sich, schränkt sich ein, legt sich früher hin und kann erst recht nicht ein- oder durchschlafen. Der Körper hat gelernt, das Bett und das Thema Schlafen als etwas wahrzunehmen, das ihn stresst.

M. weiß, wann in ihrer Straße die Laternen an- und ausgehen, welche Nachbarn nachts noch in der Küche sitzen und wann die Putzkolonne im gegenüberliegenden Haus ihre Schicht beginnt: Punkt vier. Aber wenn eine Freundin zum Feierabend noch auf ein Glas Wein vorbeikommt, fallen M. auf dem Sofa die Augen zu. Wenn die Freunde nach einem gemeinsamen Abendessen noch in eine Bar weiterziehen, wenn auf Partys die Stimmung langsam gut wird, treibt die Müdigkeit sie nach Hause. Ihr Takt ist nicht mehr der ihrer Umgebung. Sie fühlt sich wie von einer fremden Spezies, mit eigener Erfahrungswelt: dem Schattenreich. Es legt sich über die Stadt, wenn die Drinks genommen und die meisten Partys beendet sind, aber der neue Tag noch nicht begonnen hat. Von den Schlafenden unbemerkt, wälzen sich die Schlaflosen von einer Seite auf die andere.

M. versucht, entspannt im Bett zu liegen, um wenigstens auszuruhen. Der zerpflückte Schlaf ist ihr zur Routine geworden. Könnte sie die Zeit vielleicht irgendwie sinnvoll nutzen? In ihren Gedanken sieht sie sich Staub wischen, Socken sortieren, im Morgengrauen joggen. Aber sie tut es nicht. Müde bleibt sie liegen.

Das Organ, das dem Schlaf den Rhythmus gibt, ist winzig, es wiegt nur etwa 0,1 Gramm und sitzt in der Mitte des Schädels: die Zirbeldrüse. Je weniger Licht die Augen erreicht, desto mehr von dem Hormon Melatonin schüttet sie aus. In der Dämmerung des Abends und nachts schwemmt das Hormon in unser Blut. Melatonin senkt die Temperatur des Körpers und den Druck des Blutes, der Stoffwechsel fährt runter, wir werden müde und kalt.

Eine weitere Struktur des Gehirns, der Thalamus, sorgt im Normalfall dafür, dass uns dann, wenn wir uns hinlegen, die Sinne schwinden. Der Thalamus ist wie ein Pförtner, den alle Informationen aus dem Körper und der Außenwelt passieren. Er leitet sie weiter zu den entsprechenden Regionen des Hirns, von wo aus sie ins Bewusstsein dringen. Schließt er das Tor, hat der Körper seine Ruhe – und nutzt sie für Reparaturarbeiten. Im Schlaf sorgen das Melatonin und andere Hormone dafür, dass sich Zellen erneuern und Muskeln wachsen. Wunden heilen schneller, Falten schließen sich. Das Immunsystem arbeitet in diesem Zustand am besten.

Etwa zur Hälfte der Nacht, gegen drei Uhr, übernimmt der Gegenspieler des Melatonins: Cortisol, das Stresshormon. Gebildet von der Nebenniere, stellt es Energie bereit, steigert den Zuckeranteil im Blut, hemmt das Immunsystem. Seine Funktion: wach machen, bei Stress hellwach. Mit der Ausnahme von akuter Gefahr ist seine Konzentration im Blut morgens am höchsten. Es treibt uns aus dem Bett und durch den Tag und wird, wenn alles gut geht, erst wieder gebremst, wenn in der Dämmerung Melatonin das Blut flutet. Nichts – abgesehen von Medikamenten und Drogen – wirkt so stark wie Licht auf unseren Rhythmus. Aber auch andere Menschen und Aufregung haben großen Einfluss. Unterhalten wir uns angeregt bei hellem Licht, bleiben wir eher wach als alleine und bei Kerzenschein.

M. beginnt, Schlafratgeber zu lesen. Die glauben zu wissen, was zu tun ist: Urlaub nehmen, regelmäßig Sport machen, ein warmes Bad am Abend, kein Handy im Schlafzimmer, keinen Kaffee oder Alkohol und auch keine fettigen Speisen mehr am Abend. Sie versucht, sich an einen geregelten Tagesablauf zu halten, und schreibt To-do-Listen, bevor sie ins Bett geht, damit sie nachts nicht auf die Idee kommt, irgendetwas zu planen. Sie probiert es sogar mit Baldrian, Melisse und Hopfen, die beruhigend und schlaffördernd sein sollen. Als alles nichts hilft, man lebt ja auch nicht wie eine Heilige, füllen sich die wachen Stunden der Nacht mit neuen Gedanken: Sie beginnt sich selbst zu beschimpfen, weil sie inkonsequent war, weil sie weder schläft noch die Zeit nutzt. Tagsüber braucht sie für einfache Arbeiten länger als früher. Sie fragt sich, warum damals so viel mehr Leben in ihre Stunden passte. Es heißt, unter Schlafmangel verhalte man sich, als habe man zwei Bier getrunken. Inklusive der Selbstüberschätzung.

Kaum ein Leiden verharmlosen Menschen so sehr wie den gestörten Schlaf. Wird schon wieder, denken sie, von ganz alleine. Vielleicht im Urlaub, mit mehr Ruhe. Oder nach dem Umzug. Wenn die Kinder größer sind oder der Hund wieder gesund ist. M. wartet Jahre darauf, dass es besser wird, redet sich ein, dass es zwar lästig sei, aber nicht so schlimm. Erst als sie die Liste mit den nächtlichen Wachzeiten auf ihrem Handy sieht, sich eingestehen muss, dass es nicht nur manche, sondern jede Nacht betrifft, geht sie zum Arzt. Drei Nächte schlechter Schlaf pro Woche, einen Monat lang, das bedeutet nach medizinischer Definition: Schlafstörung. Hält dieser Zustand länger als drei Monate an, ist es Zeit, Hilfe zu suchen. Ihr Arzt schickt sie zum Schlaflabor.