Was haben trockene Luft und ein Kornfeld miteinander zu tun? Zunächst: Es geht um ein sehr spezielles Kornfeld. Es befindet sich auf der Schleimhäuten der Menschen. Dort nämlich gibt es an der Oberfläche winzige Fortsätze, Zilien oder Flimmerhärchen genannt. Durch ihre Bewegungen, die an wogende Ähren erinnern – das Kornfeld –, transportieren sie Fremdkörper und Bakterien ab: unsere erste Phalanx der Krankheitsabwehr.

Nun gibt es aber etwas, was dieser Phalanx in die Quere kommt. Im Winter verwandeln sich gut beheizte Wohnungen und Büros in Wüstensimulatoren: Die Luft wird warm und trocken. Das kann dazu führen, dass die Zilien austrocknen, sie bewegen sich weniger, was ihre Reinigungsleistung einschränkt, erklärt der Mediziner Bertold Renner von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Ideal für den Körper ist eine Wasserdampf-Sättigung der Luft von 40 bis 60 Prozent. Darunter bekommen viele Menschen Kratzen im Hals, tränende Augen, eine trockene oder im Extremfall gar blutende Nase. Und trockene Luft kann noch weit mehr anrichten – eine Störung des Immunsystems. Es setzt dann beispielsweise vermehrt Stoffe frei, die Entzündungsprozesse auslösen und aufrechterhalten. Besonders ungünstig: Grippeviren etwa überleben in trockener Luft länger als in Räumen mit höherer Luftfeuchtigkeit. Eine angegriffene Nasen- und Rachenschleimhaut erleichtert den Viren wiederum das Eindringen in den Körper.

© Susann Prautsch/dpa
Eklige Hausmittel im Test

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Was hilft gegen Erkältung? Gekochte Zwiebeln, Zitronen-Kaffee, Rum mit Pfeffer – wo Sie zugreifen können und was Sie besser lassen sollten.

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Stephan Ludwig, Virologe an der Universität Münster

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"Bei einer schweren Erkältung oder gar einer echten Grippe helfen Hausmittel nur wenig bis gar nicht…"

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Stephan Ludwig, Virologe an der Universität Münster

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"Überraschend ist aber, was bei leichten Verläufen nutzt, wenn man es früh genug anwendet oder nur richtig daran glaubt."

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#1: Gegen Schmerzen und Husten

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Zerdrückte, warme Kartoffel oder warmes Schweineschmalz in ein Tuch wickeln und um den Hals oder auf die Stirn legen.

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Renner gibt zu bedenken, dass nicht jeder gleich sensibel auf Heizungsluft reagiere. Genau wie manche Menschen einen empfindlicheren Geruchssinn haben als andere, trocknen auch ihre Nasen- oder Rachenschleimhäute unterschiedlich schnell aus. Das kann angeboren sein, aber auch der Lebensstil spielt eine große Rolle, etwa Rauchen. Zwischen Männern und Frauen dagegen finden sich keine eindeutigen Unterschiede.

Nicht zuletzt leidet auch unsere Haut im Winter. Ist sie über längere Zeit besonders trockener Luft ausgesetzt, wird ihre natürliche Barrierefunktion gestört. Das spürt besonders, wer schon im Sommer mit Hautproblemen zu kämpfen hatte. Aber auch ältere Menschen und solche, die sich aus beruflichen Gründen häufig die Hände waschen oder desinfizieren müssen, leiden im Winter vermehrt unter spannender und juckender Haut. Krankheiten wie Neurodermitis können sich nun deutlich verschlimmern.

Was bringt Lüften?

Wie aber verbessert man das Raumklima, wenn draußen Minusgrade herrschen und drinnen die Heizung schuftet? Lüften? "Lüften ist gut, um das Kohlendioxid der Atemluft und Schadstoffe abzutransportieren", sagt Heinz-Jörn Moriske, Innenraumhygieniker im Umweltbundesamt. Aber gegen zu trockene Luft im Inneren helfe das nicht immer, im Gegenteil: An sehr kalten und trockenen Tagen kann die relative Luftfeuchtigkeit dadurch sogar noch weiter sinken. Denn kalte Luft kann weniger Feuchtigkeit aufnehmen als warme. "Kommt nun die kalte, trockene Winterluft durchs Lüften ins Zimmer und erwärmt sich, könnte sie theoretisch noch viel mehr Feuchtigkeit aufnehmen als vorher. Die Feuchtigkeit ist aber nicht vorhanden", erklärt Moriske. Die Folge: Die relative Luftfeuchtigkeit sinkt. Und sie ist der entscheidende Faktor für unser Wohlbefinden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Saison 1/16.

Weitaus kontinuierlicher arbeiten Zimmerpflanzen. Indem sie das Gießwasser über die Blätter verdunsten, reichern sie die Luft mit Feuchtigkeit an. Einige Arten wie Papyrus, Zimmerlinde oder Farne sollen laut Studien effektive Luftbefeuchter sein. Moriske schränkt jedoch ein: Wer ein ernstes Problem mit zu trockener Luft habe, müsse sich schon die ganze Wohnung mit Pflanzen zustellen, um allein damit für ausreichend Feuchtigkeit zu sorgen.

Und Luftbefeuchter?

Eine Alternative sind elektrische Luftbefeuchter. Sie verdampfen oder verdunsten Wasser und verteilen es so im Raum. Das ist zwar effektiv, Fachleute sehen die Geräte aber kritisch. Zum einen müssen sie regelmäßig gereinigt werden. Wird etwa das Wasser zu selten ausgewechselt, kann es zur Brutstätte für Bakterien werden. "Mit dem Zerstäuber holt man sich dann eine wahre Keimschleuder in die Wohnung", sagt Bertold Renner. Umweltverbände bemängeln außerdem, dass die Geräte viel Strom verbrauchen. Das gilt vor allem für die vergleichsweise hygienischen Verdampfer, die das Wasser zum Sieden bringen – wodurch immerhin Bakterien darin abgetötet werden.

Die gute alte Schale mit Wasser auf der Heizung sei zwar weniger effizient, aber das funktioniere auch, sagt Renner. Am besten eignen sich dafür unversiegelte Tongefäße, denn sie verdunsten zusätzlich Wasser über die Außenhülle. Auch hier jedoch sollte man das Wasser regelmäßig auswechseln. Sogar das nasse Handtuch über der Heizung kann zumindest kurzfristig Erfolge zeitigen.