Jeder Streit hat gewissermaßen eigene Gene. Sie codieren das Problem, das gelöst werden muss. "Die Ursache zu identifizieren, darauf kommt es an", sagt Azad. Das gestaltet sich jedoch oft schwierig, weil ein Streit von Anfang an eine Eigendynamik hat. Derjenige, der vom Streit überrascht wird, reagiert auf eine von drei Arten: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Kampf bedeutet: kontern und Gegenvorwürfe machen. Flucht heißt, äußerlich kaum zu reagieren und auch innerlich die Sache als belanglos abzuspeichern. Und auch beim Erstarren lässt man sich nach außen nichts anmerken, bleibt aber innerlich sauer. Wer erstarrt, der beobachtet und versucht, einen Überblick zu gewinnen. Das ist für die Suche nach dem Problem hilfreich – verschafft einem aber für die aufkommende Diskussionen eine eher ungünstige Startposition.

Grundsätzlich gilt: Ein großes Problem ist eine große Herausforderung – aber auch eine Chance, Missstände gemeinsam anzugehen und Kompromisse zu schließen.

Den Streit entschärfen

Die Streitereien, die Sosan Azad und andere Streitschlichter vorgeführt bekommen, sind die wenigen Fälle, die deutlich aus dem Meer an Meinungsverschiedenheiten herausragen. Ungesehen bleiben dagegen die unendlich vielen Auseinandersetzungen, die tagtäglich nur kurz aufkeimen – und dann wieder vergehen.

Denn nicht selten besteht der Sinn des Streits – vor allem bei temperamentvollen Menschen – nur darin, Dampf abzulassen. Einmal schnell schreien, und schon ist alles gut. Der Rat, eine Ich-Botschaft zu senden, bei der es um die eigenen Interessen geht ("Ich hätte mich gefreut, wenn wir jetzt die Kamera dabei hätten"), ergibt in zahlreichen Situationen wenig Sinn. Er wird von vielen Psychologen inzwischen auch als unauthentisch kritisiert. Um Wut abzulassen, hilft die Du-Botschaft oft besser: "Immer vergisst du, die Kamera einzupacken. Nichts kann man dir überlassen!" Die meisten Menschen können damit umgehen, einmal einen vor den Latz geknallt zu kriegen.

Sosan Azad hat beobachtet, dass die Streitkompetenz zunimmt. Sie sagt: "Konfliktmanagement und Verhandlungskonzepte werden heute schon in der Kita vermittelt. Weiter geht es in der Schule, in der Universität, im Betrieb." Das führt zu einer nie da gewesenen Harmonie: Laut der jüngsten Shell-Studie pflegen mehr als 90 Prozent der Jugendlichen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Nicht etwa, weil es zwischen den Generationen keine Konflikte mehr gibt, sondern weil sie konstruktiver ausgetragen werden. Entscheidend dafür ist das Bewusstsein für die beiden unterschiedlichen Ebenen, auf denen sich Menschen begegnen können: die der Beziehung und die der Sache. Auf der Beziehungsebene geht es um das Verhältnis der Personen untereinander: "Sie kommen immer erst so spät ins Büro, weil wir Kollegen Ihnen egal sind." Viel problemorientierter und damit konstruktiver hingegen geht es auf der Sachebene zu: "Wir brauchen Sie morgens pünktlich zu der Besprechung, damit wir vorankommen."

Dass die Beziehungsgeflechte nicht nur in privaten Konflikten, sondern auch zwischen Kollegen von der Sache ablenken, ist keine Überraschung. "Wenn zwei oder mehr Menschen fast jeden Tag acht Stunden miteinander verbringen, kennen sie sich manchmal genauso gut wie ihre Partner", sagt Azad. Was hilft? Das Wichtigste ist, die Verstrickung von Enttäuschungen, Erwartungen und der Sachlage zu erkennen. Und dann zu versuchen, nach der ersten, verärgerten Reaktion die Beziehungsebene wieder zu verlassen. Das zugrunde liegende Problem mag damit noch nicht identifiziert sein. Aber der aufkeimende Streit hat die Chance, zu einer konstruktiven Diskussion zu werden.

Besser argumentieren

Kollegin: Ich würde gerne das Fenster öffnen.

Kollege: Du weißt doch, dass mir jetzt schon total kalt ist.

Kollegin: Mir ist warm, und wir brauchen frische Luft. Kannst du nicht einfach deine Jacke anziehen?

Kollege: Meine Finger würden trotzdem noch frieren.

Kollegin: Ja klar, Hauptsache du hast es schön komfortabel. Das geht mir langsam echt auf die Nerven.

Kollege: Ich mache dir einen Vorschlag: Du machst das Fenster jetzt zehn Minuten auf, dafür hilfst du mir dabei, mein Mailprogramm auf dem Firmennotebook einzurichten. Ich habe es eben nämlich versucht, aber nicht hinbekommen.

Kollegin: Einverstanden!

Der kälteempfindliche Angestellte entschärft nicht nur einen Streit – er handelt dabei auch noch etwas für sich heraus. Dabei bedient er sich einer ebenso simplen wie wirkungsvollen Methode: dem Harvard-Konzept. Demnach sollte, wer sich nicht einigen kann, die Verhandlungsmasse vergrößern – weil dann mehr Stoff für eine potenzielle Einigung vorhanden ist. Wenn jemand ein Auto kaufen will, aber den Preis für zu hoch hält, gibt ihm die Werkstatt einfach noch zwei kostenlose Inspektionen dazu. "Das schöne an dieser Methode ist, dass sie sich überall anwenden lässt. Mit dem Partner, im Haushalt, bei der Arbeit. Man muss nur etwas obendrauf legen oder vom anderen fordern, was der leicht bereitstellen kann, und schon bekommt man, was man will", sagt Peter Croonenbroeck, den man getrost als Experten für Durchsetzungsfähigkeit bezeichnen kann: 2010 war er deutscher Meister im Debattieren, heute gibt der studierte Rhetoriker Kurse darüber, wie man andere überzeugt.

Ein anderes Prinzip, das Croonenbroeck in seinen Kursen lehrt: Interessen vertreten statt Positionen. Ein 16-Jähriger möchte in den Schulferien eine Woche nach Italien fahren. Das ist seine Position. Der Vater erlaubt das nicht, weil es an Geld fehlt und er den Sohn nicht so lange allein verreisen lassen will. Nun sollte der Sohn sich der Interessen besinnen, die hinter seiner Position stehen: Er möchte erstens Nächte mit seiner Freundin verbringen, zweitens mit seiner Clique Urlaub machen und drittens nach Italien fahren, weil er Italienisch in der Schule lernt. Diese Einteilung macht ihn flexibler – und lässt ihn vielleicht zumindest erreichen, dass er endlich allein bei seiner Freundin übernachten darf.