"Macht ist nichts Statisches, sondern etwas Dynamisches", sagt die Mediatorin Sosan Azad. Jeder, der sie besitzt, muss immer auch für Brennholz sorgen, damit dieses Feuer der Macht weiterbrennt. Zum Beispiel braucht es dafür Loyalität und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter. Ist ein Angestellter unmotiviert, wird er weniger schaffen. Auch, wenn er zu 100 Prozent anwesend ist. Die Machtunterschiede in einem Streit sollten also nicht überschätzt werden. Weder von dem vermeintlich Mächtigen, noch von dem, der sich schwach fühlt. Am Ende ist ein Kompromiss für alle Seiten das Beste.

Stufen der Eskalation

Dialog einer WhatsApp-Fußball-Gruppe:

Johannes: Weil Tim wieder mal nicht gekommen ist, musste jeder von uns zwei Euro mehr zahlen. Ich fände es mehr als gerecht, wenn Tim dieses Mal auch bezahlt, selbst wenn er nicht da war.

Tim: Mache ich, aber wenn ich das nächste Mal wieder mitspiele, zahlst Du meinen Anteil mit.

Peter: Warum sollte ich?

Tim: Schmerzensgeld, weil ich mit einer Schnecke wie Dir Fußball spielen muss.

Peter: Hey, Du Arschloch, ich lasse mich nicht von Dir beleidigen.

Tim: Ich sage nur die Wahrheit. Ich finde, Du solltest selbst kapieren, dass Du zu schlecht für unsere Runde bist.

Peter: Ach ja? Und ich finde, wenn einer jedes zweite Mal nicht aufkreuzt, ohne abzusagen, dann braucht er auch gar nicht mehr zu kommen. Was meinen denn die anderen hier in der Gruppe dazu?

Ein Konflikt kann abschreckend wirken wie ein Minenfeld oder anziehend wie ein Magnet. "Wenn es um etwas geht, das jeden betrifft, dann bilden sich bald Koalitionen", sagt Azad. Mit unterschiedlichen Folgen. Eine gemeinsame Front kann schnell auch ein Gruppengefühl erzeugen und motivieren, siehe Pegida und AfD. Aber wenn sich in einem Großraumbüro die Mitarbeiter in zwei Gruppen aufteilen und gegeneinander intrigieren, kann die Produktivität rasch sinken. Und wenn es eine Bühne und ein Publikum gibt, sei es eine Talkshow mit Millionen Zuschauern, ein Pausenhofgerangel oder eine WhatsApp-Gruppe, kann ein Streit auch zum Selbstzweck werden: Er sorgt für Unterhaltung. "Das ist in Büros, wo alle mit der Arbeit unzufrieden sind, oft eine willkommene Ablenkung", sagt Azad. "Wer den Konflikt beilegen will, steht dann oft alleine da. Die anderen verteidigen den Missstand frei nach dem Motto: Weg mit deiner Lösung, das ist der Tod meines Problems." Gute Voraussetzungen dafür, dass der Streit nun erst recht entbrennt.

Neun Eskalationsstufen hat der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl definiert. Schon auf Stufe drei, Glasl nennt sie "Taten statt Worte", wird nicht mehr nur gesprochen, sondern gehandelt. Im Fußballbeispiel wäre das: wenn Tim den Peter aus der WhatsApp-Gruppe wirft. Auf Stufe fünf und sechs wird der Gegner dämonisiert, es kommt zu Drohungen und Erpressungsversuchen. Auf Stufe sieben will man dem anderen nur noch schaden, Daten werden gelöscht, E-Mails fingiert. Auf Stufe acht ist der Feind bereits derart verhasst, dass man ihn vernichten will. Wirtschaftlich, materiell, psychisch. Auf Stufe neun wird dafür sogar der eigene Untergang in Kauf genommen. Der Antrieb einer solchen Eskalation: Macht, Eifersucht, Ungerechtigkeit.

Sogar auf höheren Eskalationsstufen funktioniert noch einiges von dem, was auch in Diskussionen angeraten ist. Zum Beispiel die Gegenseitigkeit: Ich komme auf dich zu, also komm du auch auf mich zu. Es gibt allerdings einen Punkt, ab dem jede Aktivität des anderen als negativ gewertet wird. Ein Freundschaftsangebot wird als Falle wahrgenommen. Ein Eingeständnis als Taktik. Das Wichtigste zum Thema Eskalation sei deshalb, sagt Azad, die Prävention. "Es gar nicht so weit kommen lassen. Früh auf den anderen zugehen." Berühmtes Beispiel: Nelson Mandela, der nach fast 30 Jahren Haft mit dem Feind, dem damaligen Führer der Apartheid-Regierung, Frederik de Klerk, zusammengearbeitet hat. Oder jüngst Barack Obama, der nach dem schmutzigen Wahlkampf ankündigte, Donald Trump den Amtseintritt so leicht wie möglich zu machen.

Das Ende eines Streits

"Wenn ich so darüber nachdenke: Ja, du hast recht." Ein solcher Satz fällt selten zwischen zerstrittenen Eheleuten. In einer Stammtischatmosphäre hört man ihn noch seltener, und in einer Talkshow im Fernsehen fällt er nie. Schließlich gibt niemand gerne offen zu, dass er oder sie sich geirrt hat. Vor Zuschauern fällt der Rückzug noch schwerer. Es ist das Eingeständnis einer Niederlage und wirkt wie eine Schwäche. Sozan Azad hält das für einen Irrglauben, das Gegenteil sei der Fall: "Wer selbstkritisch ist, zeigt Stärke, Mut und charakterliche Größe. Stellen Sie sich einmal vor, wenn ein Politiker das bei einer Talkshow machen würde: dem Gegenüber umfassend recht geben. Er würde gefeiert werden von den Menschen."

Wenn ein Streit im Einvernehmen endet, dann ist das laut Azad mehr als einfach nur erfreulich. "Oft wurde tatsächlich ein Problem aus der Welt geschafft oder zumindest verkleinert", sagt sie. Das bedeutet auch: "Die Haltung ändert sich, man sieht eine gemeinsame Zukunft und behandelt sich dementsprechend." Aber auch beim Ausgang eines Streits gibt es Abstufungen. Ob er von Enthusiasmus oder zähneknirschendem Respekt geprägt ist, liegt natürlich auch am Verlauf des Streits. Es ist daher ratsam, schon zu Beginn und während eines Streits daran zu denken, dass man aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann mal wieder miteinander zu tun haben wird – und zu verhindern, dass Wunden entstehen, die lange brauchen, um zu heilen. "Man sollte auch im Ärger stets darauf achten, nichts zu sagen, was man später bereut", sagt Azad. "Denn das Gesagte lässt sich niemals vollständig ungesagt machen." Worte seien wie Zahnpasta. Ist sie einmal draußen, kriegt man sie nicht wieder zurück in die Tube.

Mitarbeit: Max Rauner

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