Reinhard Hallers Arbeitsplatz liegt in Österreich an der Grenze zu Liechtenstein. Steile Hänge, Fachwerk, Kühe. Wer mit dem Zug anreist, landet an einem kleinen Kiosk, an dem es außer Bahntickets auch Leberkäs-Semmeln und die Nummer des Taxifahrers gibt, der einen das letzte Stück auf die Anhöhe bringt. Dort oben, im Krankenhaus Maria Ebene, beschäftigt sich Haller seit mehr als 30 Jahren mit den Abgründen des Menschen. Der Psychiater leitet die Klinik für Suchtpatienten und arbeitet außerdem als Sachverständiger für verschiedene Gerichte. Mehr als 400 Einzel- und Serienmörder hat er bisher begutachtet. Narzissmus, Niedertracht, Wahn und Kränkung sind die Themen, die ihn beschäftigen. Er sagt: "Ich finde, das ergänzt sich hervorragend, das Grausige mit der schönen Landschaft." Für das Gespräch in seinem Arbeitszimmer nimmt er Platz unter einer Heiligenschnitzerei, sie zeigt die Arztpatrone Cosmos und Damian.

ZEIT Wissen: Herr Haller, wo liegt die Grenze zwischen Gut und Böse?

Reinhard Haller: Es muss im Menschen so etwas wie einen Moralinstinkt geben. Denn Delikte wie Töten, Vergewaltigen oder Rauben werden zu allen Zeiten, in allen Kulturen als verwerfliche Taten angesehen, die man verhindern und bestrafen muss. Der Mensch weiß das also instinktiv. Tatsächlich beginnt das Böse, glaube ich, an dem Punkt, an dem man den Moralinstinkt überspringt.

ZEIT Wissen: Wo sitzt dieser Moralinstinkt?

Haller: Es gab diesen berühmten Fall Charles Whitman. Er hatte sich in Austin, Texas, auf dem Turm der Universität verschanzt, nachdem er 28 Menschen getötet und viele weitere verletzt hatte. Zwei Polizisten erschossen ihn, und bei der Obduktion fand man in seinem Gehirn, im Bereich des sogenannten Putamen, einen haselnussgroßen Tumor. Da war man der Meinung, man wisse endlich, womit das Böse zusammenhängt. Aber so einfach war es dann doch nicht: Viele haben einen ähnlichen Hirntumor und bleiben ganz normale Menschen. Den einen Ort, an dem das Böse sitzt, hat man noch nicht gefunden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/17.

ZEIT Wissen: Wie entsteht das Böse?

Haller: Es gibt zwei Theorien. Die eine besagt, dass der Mensch als universell kriminelles Wesen auf die Welt kommt. Er ist böse, und es ist die Aufgabe der Erziehung, aus dem grausamen Kind, diesem wilden Wesen, ein sozial adaptiertes zu machen. Die andere These besagt, nein, genau umgekehrt, Kinder sind unschuldig, und die Lebensentwicklung, der falsche Umgang und Drogen machen sie erst zu bösen Wesen. Ich selbst bin ein Anhänger der ersten Theorie.

ZEIT Wissen: Wir tragen also das Böse alle in uns?

Haller: Ich glaube, dass jeder Mensch in sich seine Abgründe hat. Für mich ist das auch die Erklärung, weshalb sich Thriller in der Literatur und im Film so großer Beliebtheit erfreuen: Letztlich spürt der Mensch, dass er auch böse Anteile hat, die in bestimmten Situationen manifest werden können. Er kennt sie nicht, sie sind verdrängt, abgespalten, aber im Film, im Thriller, da findet er sie, da findet er ein Stück von sich.

ZEIT Wissen: Was genau verstehen Sie unter dem Bösen?

Haller: Für mich gehören dazu immer fehlende Empathie, Sadismus und das Herstellen und Ausnutzen eines einseitigen Machtverhältnisses, wie es im Krieg sehr ausgeprägt ist oder bei Terroranschlägen, die sich gegen Unschuldige richten. Aber das Böse an sich ist natürlich keine Kategorie für die Psychiatrie. Das ist etwas für Theologen, Juristen und Philosophen. Das Böse hat immer mit Schuld zu tun, und diesen Ausdruck mögen wir in unserem Fach nicht. Trotzdem sind wir es, die die psychisch Abnormen untersuchen, verwahren, behandeln. Die Verwaltung des Bösen ist also auch die Aufgabe der Psychiatrie.

ZEIT Wissen: Kann man das Böse im Mensch ausrotten?

Haller: Das Böse auszurotten, indem man Persönlichkeitszüge verändert, gelingt nicht. Aber was spannend ist, sind die Situationen, in denen es ausbricht. Denn die kann man versuchen zu verhindern.

Wer nicht Opfer eines Verbrechens werden will, muss nicht die dunkle Gasse meiden, sondern das eigene Haus.

ZEIT Wissen: Welche sind das?

Haller: Wenn ein Regime bestimmte Werte autorisiert, werden, wie wir wissen, auch Otto Normalverbraucher zu Verbrechern. Gruppendruck spielt ebenfalls eine enorme Rolle, vor allem bei Jugendlichen. Die Gruppe holt oft Seiten aus Menschen heraus, die sie selbst nicht kannten. Wenn ich Jugendliche untersuche, die in der U-Bahn jemanden zu Tode geprügelt haben, bin ich immer wieder erstaunt, was für verschämte, schüchterne Personen das sind. Eine weitere Situation sind Auseinandersetzungen in der Partnerschaft. Die werden maßlos unterschätzt, machen aber ungefähr zwei Drittel der Tötungsdelikte in Mitteleuropa aus. Wer also nicht Opfer eines Verbrechens werden will, muss nicht die dunkle Gasse meiden, sondern das eigene Haus.

ZEIT Wissen: Können Sie das irgendwie eingrenzen?

Haller: Kriminologisch gesehen ist der 18- bis 30-jährige Mann das gefährlichste Wesen. Entscheidender als Geschlecht und Alter sind für ein Verbrechen nur noch Alkohol und Drogen. Die enthemmen und steigern die Aggressivität.

ZEIT Wissen: Warum sind Männer gefährlicher als Frauen?