Nach einem irischen Märchen lebten vor langer, langer Zeit in dem Dorf Swabedoo kleine Leute, die nichts mehr liebten, als sich gegenseitig kleine Felle zu schenken. Jeder trug einen Beutel voller Fellchen über der Schulter, und jedes Mal, wenn sie sich trafen und ein Fellchen gaben oder bekamen, freuten sie sich. Ihr Leben war sehr glücklich. Doch eines Tages kam ein großer grüner Kobold aus seiner Höhle. Er warnte die kleinen Leute, dass sie aufpassen müssten, nicht zu viele Fellchen zu verschenken, weil sie sonst bald keine mehr hätten. Die kleinen Leute begannen zu grübeln und wurden vorsichtig. Sie überlegten nun genau, wem sie ein Fellchen gaben und wem nicht, beobachteten einander argwöhnisch und wurden ängstlich. Bald gingen die Ersten gebückt, ihre Beutel schleiften am Boden, und schließlich ließen die kleinen Leute sie zu Hause. Ihr Leben war nicht mehr glücklich, einige wurden krank.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/17.

Ohne dass Menschen schenken und beschenkt werden, würde eine Gesellschaft gar nicht zustande kommen. Das schrieb der Soziologe Georg Simmel 1908 in seinem Exkurs über Treue und Dankbarkeit, und nicht nur für Soziologen ist Schenken eine der stärksten sozialen Kräfte überhaupt. Schenken ist ein großes Gesellschaftsspiel, in dem sich Menschen miteinander verstricken. Jeder kann sich darin eine Rolle aussuchen: der viel und auch ohne Anlass Schenkende sein, die in letzter Minute Losrennende oder der Wunschzettelabhaker. Es gibt die Internetbesteller, Selbermacher, Geld- und Gutscheinschenker. Nur eines steht nicht zur Wahl: ob man mitspielen will oder nicht. Auch wenn manche versuchen, sich dem Ganzen durch Absprachen zu entziehen, sicher ist keiner davor, nicht doch etwas zu bekommen – und dann in irgendeiner Weise reagieren zu müssen. Schenken ist etwas tief im Menschen Verwurzeltes. Dabei ergibt es, rein ökonomisch betrachtet, gar keinen Sinn: Wir geben, ohne die Sicherheit, etwas dafür zu bekommen. Schon Darwin grübelte über das Phänomen, weil es nicht mit seiner Idee vom Leben als Konkurrenzkampf zusammenpasste. Seitdem haben sich Forscher der unterschiedlichsten Disziplinen daran abgearbeitet. Warum tut sich der Mensch so etwas an? Fest steht: Was an Weihnachten mit dem ganzen Gold und Geklimper so leicht daherkommt, ist in Wirklichkeit ein hochkomplexes Hin und Her, ein uraltes Spiel um Liebe, aber auch um Macht und Überleben. Und es steckt voller ungeschriebener Regeln.

Nüchtern betrachtet bedeutet dieses Spiel vor allem zu Weihnachten für den Einzelhandel einen guten Umsatz: 280 Euro gibt eine Person in Deutschland durchschnittlich für Weihnachtsgeschenke aus, zusammen macht das gut 14 Milliarden Euro und 30 Prozent des Jahresumsatzes. Aber wer will schon nüchtern bleiben? Geschenke sind eben nicht nur Waren mit einem Preis. Weihnachten ist auch: 22 Millionen geschmückte Bäume, Adventskränze, Goldkugeln und andere Dekorationen in 70 Prozent der Haushalte, Weihrauchschwaden, Kilometer an Geschenkpapier und Schleifenband und Tonnen selbst gebackener Plätzchen. "An Weihnachten gibt es eine magische Ökonomie", sagt Elfie Miklautz, Professorin für Kultursoziologie an der Wirtschaftsuniversität Wien: "Geschenke regnen vom Himmel, dargebracht von mythischen Figuren." Die Wurzeln liegen noch in vorchristlicher Zeit, die Rauh- und Weihnächte waren Nächte des Geister- und Gespensterglaubens. Es heißt, sagt Miklautz, dass man in den Kindern die Wiedergänger von Ahnengeistern erkannte und sie stellvertretend beschenkte, um die Geister gütig zu stimmen. Weihnachten als Familienfest, besinnlich und abgeschottet von der Außenwelt, entstand erst mit der Reformation. Es sollte eine Umkehr des Alltäglichen sein: ohne Knappheit, voller Verausgabung und Hingabe, einmal im Jahr. "In einer Konsumgesellschaft, die täglich auf Verschwendung setzt, ist Weihnachten eigentlich kein stimmiges Ritual mehr", sagt Miklautz.

Ein Geschenk kann vieles sein: Liebesbezeugung, Fessel, Schlussstrich, Anlass für Scham oder Freude

Aber auch die, die alles haben, verweben sich in das gegenseitige Geben und Nehmen. Der Mensch schenkt zu Geburtstagen und Essenseinladungen, Taufen und bestandenen Prüfungen, zum Danken, Wiedergutmachen und manchmal auch einfach so. Viola König glaubt, dass der Antrieb dazu ein sehr alter ist, dem der Mensch nicht weniger verdankt als das Überleben seiner Art. Die Amerikanistin und Direktorin des Ethnologischen Museums Berlin beschreibt als den Ursprung des Schenkens das Verteilen von Gütern – eine frühe Art Lebensversicherung für Gemeinschaften, die von den Launen der Natur abhingen. "Wenn die Jagd oder Ernte gut war, dann gab man ab, auch über weite Distanzen. Große Mengen über längere Zeit aufzubewahren war weder möglich noch angestrebt." So spann sich ein Netz miteinander verbundener Gemeinschaften oder Familienverbände. Bei Missernten, unergiebigen Fischzügen oder ausbleibender Jagdbeute musste man sich auf Nachbarn, die mehr Glück hatten, verlassen können. "Das Geben und Teilen war ein Deal über lange Zeiträume: Früher oder später würde er sich als lebensrettend erweisen", sagt König.

Regelrecht berühmt wurden die Verteilfeste der Kwakwaka’wakw, eines Volks, das im Südwesten Kanadas lebt. Mehrere Tage geht ein solcher "Potlatsch", es wird mit Masken getanzt, getrommelt und von den Gastgebern eine Flut von Geschenken verteilt: Wolldecken, Kleider, Fischöl. Manche Familien geben dabei alles, was sie haben. Der französische Ethnologe Marcel Mauss hat mit Essai sur le don (der deutsche Titel ist Die Gabe) das wohl einflussreichste Buch über das Schenken geschrieben, nachdem er diese Feste erforscht hatte. Auch für ihn dient die Gabe dem Zweck, ein soziales Band herzustellen, das noch in schlechten Zeiten hält. Nicht zu schenken oder ein Geschenk nicht anzunehmen gleicht für Mauss einer Kriegserklärung: Man verweigert sich dem sozialen Austausch und damit der Gemeinschaft.

Schenken macht also glücklich

Die Frist, die zwischen Gabe und Gegengabe verstreicht, erzeugt eine Spannung, eine Unvorhersagbarkeit, die soziale Netze webt. Der Bereich des Gehirns, der dafür zuständig ist, liegt hinter der Stirn. Es ist der Ort der Selbstbeherrschung, des Planens und gewissermaßen auch des Gerechtigkeitsempfindens. Das Areal ist beim Menschen stärker ausgeprägt als bei allen anderen Lebewesen und zugleich eines, das recht langsam heranreift: Wenn Kinder zu sprechen anfangen, ist eines der häufigsten Wörter noch "meins". Mit zwei, drei und vier teilen sie zwar noch nicht gern, fühlen sich aber bereits wohler, wenn alle etwas bekommen haben. In einem Experiment des Wirtschaftswissenschaftlers Ernst Fehr von der Universität Zürich war das Bedürfnis nach Fairness erst bei Kindern ab einem Alter von etwa acht Jahren so groß, dass es sie zum Teilen antrieb, zumindest dann, wenn sie die, mit denen sie teilen sollten, kannten. Nach der Pubertät ist das Stirnhirn voll funktionsfähig und bereit für die Feinheiten des Schenkens. Ein Geschenk kann vieles sein: Liebesbezeugung, Fessel, Schlussstrich, Anlass für Scham oder Glück. Immer aber ist es eine Offenbarung: Ich habe an dich gedacht. Passt das Geschenk, zeugt es von Einfühlungsvermögen und Nähe, anderenfalls von Distanz, vielleicht gar Ignoranz. Schenken ist immer auch Risiko. Und manchmal Erziehungsinstrument: der Einkaufsladen statt der Barbie-Puppe, die Gitarre statt der Playstation. Es ist wie eine Sprache, die es zu beherrschen gilt. Die einen können sie besser, fühlen sich wohl dabei, sich zu zeigen und erkannt zu werden, die anderen sicherer im Schweigen.

Was das Ganze so kompliziert macht, sind die Erwartungen und Annahmen, die unvermeidlich – und prinzipiell unausgesprochen – mitschwingen. Der Schenkende erwartet neben Dank auch eine Würdigung des Geschenks. Schön wäre es, wenn es einen besonderen Platz bekäme, durchgehend genutzt, liebevoll gepflegt und zu dauerhafter Freude beim Beschenkten führen würde. Die Würdigung des Geschenkes verwechseln manche Schenkenden mit der Würdigung ihrer selbst. Aber auch der Nehmende kann Druck aufbauen: wenn er versucht, in einem Geschenk zu lesen, wie gut der andere ihn versteht und mit all seinen Seiten annimmt. Sich dann aber vielleicht nicht erkannt fühlt. Wer das Schenken und Beschenktwerden mit Erwartungen überfrachtet, kann es schaffen, es als Akt der Manipulation, des hinterhältigen Angriffs oder sogar als Gewaltausübung zu sehen. Pierre Bourdieu, einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, sprach von der "doppelten Wahrheit der Gabe": Wir wünschten uns und glaubten auch, es sei alles uneigennützig, dabei gehe es immer um Vorteile. Zu den Regeln des Schenkens gehöre es allerdings, dass seine tatsächlichen Regeln verdeckt bleiben. Entscheidend, um den Schein der Großzügigkeit zu wahren, sei die Pause zwischen dem Schenken und dem Beschenktwerden. Nur sie mache es möglich, das Geben wie auch die Gegengabe als einzelne Akte erscheinen zu lassen – ohne Zukunft und Vergangenheit, bar jeder Berechnung. Der Philosoph Jacques Derrida befand ein unschuldiges, reines Geschenk, frei von Verpflichtungen und nicht auf den Eigennutz des Schenkenden gerichtet, als das Unmögliche schlechthin.

Damit sich der Mensch beim Schenken trotzdem freuen kann, hat die Natur eine Droge erfunden: Glück. Jordan Grafman konnte mit seiner Forschung zeigen, dass wir beim Schenken von ihr geschwemmt werden. Der Hirnforscher am Rehabilitation Institute of Chicago gab Probanden Geld, das sie an Hilfsorganisationen spenden durften, manchmal bekamen sie auch selbst etwas auf ihr Konto. Der Hirnscan zeigte: Wenn sie Geld bekamen, reagierte ihr Belohnungssystem und sorgte für ein wohliges Gefühl. Gaben sie aber Geld, war das Belohnungssystem noch viel aktiver! Schenken macht also glücklich. Und nicht nur das: Es ist auch gesund, wie ein Team der kanadischen University of British Columbia zeigte – durch eine Studie mit Erwachsenen mit hohem Blutdruck. Über drei Wochen hinweg bekamen die Teilnehmer insgesamt 120 kanadische Dollar, die sie ausgeben sollten. Das Geld war in 20-Dollar-Scheinen in einer Flasche, die registrierte, wann sie geöffnet wurde – und die mit einer Anweisung kam: Die einen sollten das Geld für sich ausgeben, die anderen für andere. Die Teilnehmer der ersten Gruppe kauften sich Wollpullis oder gingen zur Massage. Die anderen kauften Cookies für Nachbarn und Spielzeug für ihre Enkel. Am Ende sagten alle, dass sie es mochten, Geld zu bekommen, aber es gab einen wichtigen Unterschied: Bei denjenigen, die das Geld für andere ausgegeben hatten, war der Blutdruck signifikant gesunken – etwa so viel, als hätten sie angefangen, Sport zu treiben.

Übrigens: Als der Kobold das Elend der kleinen Leute sah, tat es ihm leid. Er erinnerte sich, dass er Steine in seiner Höhle hatte, und füllte sie in Beutel für die kleinen Leute. Diese bedankten sich und tauschten fortan Steine. Allerdings waren die kalt und spitz, und die kleinen Leute sehnten sich nach der Zeit, in der sie Fellchen verschenkt hatten. Aber immer wenn einer hinausgehen und es tun wollte, bremste ihn etwas. Er sah, dass es kein anderer tat, und dachte: Wer weiß, ob überhaupt jemand mein Fellchen möchte? Das ist der Grund, warum heute nur selten Fellchen verschenkt werden. Doch jeder könnte damit anfangen.