Ein kleiner Ort in der italienischen Provinz Cuneo, auf halbem Weg zwischen Turin und Genua. Drum herum Weinberge, in der Mitte ein Dorfplatz. Ein weißer BMW X6 braust heran, Chris Bangle sitzt am Steuer, aus den Boxen dröhnt Rockmusik. "Hi guys, welcome to Italy!" Dann geht es allradgetrieben zu seinem Anwesen: einem romantischen Ensemble aus alten Gebäuden, in dessen Garten ein überdimensionaler Pilz aus buntem Glas steht und eine runde Tischtennisplatte für fünf Spieler. Der Pool hat die Form einer waagerechten Skisprungschanze, die über den Hang mit Rebstöcken ragt. Hier lebt und arbeitet Bangle. Einen Espresso zum Aufwärmen, dann kann’s losgehen.

ZEIT Wissen: Herr Bangle, im vergangenen Jahr wurden weltweit rund 70 Millionen Autos gebaut, aber abgesehen von ein paar Details sehen sie alle gleich aus. Fehlen den Designern die Ideen?

Chris Bangle: Ich denke nicht, dass es an Ideen mangelt, sondern am Mut. Die Autoindustrie scheut sich, dem Kunden etwas Neues, Ungewohntes vorzusetzen. Menschen, die sich ein Auto kaufen, haben bestimmte Vorstellungen und möchten, dass die erfüllt werden. Das führt dazu, dass Autos gebaut werden, die aussehen wie die Autos davor – abgesehen von ein paar kleinen Änderungen, über die manchmal viel palavert wird, die aber kaum der Rede wert sind.

ZEIT Wissen: Um auf der sicheren Seite zu sein, lassen Hersteller neue Modelle in sogenannten "car clinics" vorab von potenziellen Kunden bewerten. Ist das auch ein Grund für das Mainstream-Design?

Bangle: BMW hat das, während ich dort für das Design verantwortlich war, nicht gemacht. Ich lehne diese Art von Marktforschung kategorisch ab. Denn wenn die Zustimmung einer beliebigen Gruppe von Menschen das Design künftiger Autos bestimmt, dann braucht man kein Management mehr. Für derartige Entscheidungen gibt es Designchefs und Vorstände.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/17.

ZEIT Wissen: Sie gestalten auch andere Produkte wie Cognacflaschen und Handys. Was ist anders beim Design eines Autos?

Bangle: Design, insbesondere Autodesign, muss immer den Charakter eines Objektes darstellen. Die Karosserie – ihre Linien, ihre Kanten, ihre Falze – ist grundsätzlich die Momentaufnahme einer Bewegung. Ein Autodesign ist gefrorene Zeit. Die Flächen müssen plausibel und in sich stimmig aussehen, so als ob die Bewegung gleich weiterginge. Man kann das dahinterstehende Prinzip an den Skulpturen großer Bildhauer studieren: Bei den Figuren ist der Faltenwurf der Kleidung so natürlich, dass es aussieht, als ob sie gleich vom Sockel herabsteigen würden.

ZEIT Wissen: Gibt es aktuell ein Auto, das sich durch sein Design von der Menge abhebt?

Bangle: Der Nissan Juke. Er ist geformt wie eine barocke Kirche. Ich würde sagen, dieses Auto ist das erste, dessen Design perfekt in die moderne, urbane Welt passt: In einer Reihe von parkenden Autos erkennt man den Juke auf Anhieb. Ähnlich wie hier in Italien komplett eingebaute Barockkirchen mit ihren Fassaden aus den Häuserzeilen optisch hervorspringen.

Chris Bangle © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

ZEIT Wissen: Barocke Kirche – das klingt aber nicht so wahnsinnig urban.

Bangle: In modernen Städten ist man immer nah dran an den Dingen. In Straßen voller Autos gibt es keine Sichtachsen von mehr als 20 oder 30 Metern. Ein Auto muss dort aus der Nähe wirken, und das tut der Juke.

ZEIT Wissen: Ist Ihnen in letzter Zeit noch ein weiteres Auto durch sein Design aufgefallen?

Bangle: Der neue Toyota Prius, der ist für mich das erste postfaktische Auto.

ZEIT Wissen: Das klingt nicht gut.

Bangle: Es ist nur eine Feststellung. Normalerweise arbeiten Autodesigner mit Fakten. Dazu gehören zum Beispiel große Räder, eine schwungvolle Linie und spitz zulaufende Scheinwerfer. Diese Dinge sagen: Seht her, ich bin ein sportliches Auto! Wir sind es gewohnt, ein Auto als stimmiges Gesamtbild einzelner Fakten zu sehen. Beim Toyota Prius ist das anders. Da geht es um flüchtige Emotionen. Hier ein kleiner Schwung, dort ein Zierteil, eine Blechkante, etwas Chrom. Diese Designelemente wirken wie viele kurze Twitter-Botschaften. Und wenn man einen Schritt zurücktritt und das ganze Auto betrachtet, ergeben diese Details überhaupt keinen Sinn.

ZEIT Wissen: Ein Autodesign, das in die Irre führt?

Bangle: So ungefähr. Diese vielen Hingucker sind an sich perfekt gemacht. Aber die kleinen Räder wirken wie lauter kleine Scherze. Als ob das Auto in einem nachfolgenden Tweet sagt: "Haha, war nur Spaß. Ich bin gar kein dynamisches Auto, ich bin nur ein harmloser Durchschnittswagen."

ZEIT Wissen: Warum tun Designer so etwas?

Bangle: In all den kleinen Dingen steckt ja immer auch ein bisschen Wahrheit. Und mal ehrlich, bei niemandem von uns besteht das Leben einzig und allein aus Wahrhaftigkeit.

ZEIT Wissen: Sie meinen, der Toyota Prius erinnert uns an unsere eigene Widersprüchlichkeit?

Bangle: Jedenfalls geht es mir nicht darum, die Toyota-Designer für ein merkwürdig aussehendes Auto zu kritisieren. Mich interessiert vielmehr die Frage, was das Design des Prius über unsere heutige Welt aussagt und über die Art, wie wir Dinge betrachten.

ZEIT Wissen: Wie lautet Ihre Antwort?

Bangle: Wir sind offenbar tatsächlich im postfaktischen Zeitalter angekommen. Unmittelbare Gefühle bestimmen unsere Wahrnehmung, und wir sehen immer öfter Einzelheiten anstatt das große Ganze.