Kann man mit 250.000 Gehirnzellen ein erfülltes Leben führen? Oder sogar Glück empfinden? Ein durchschnittliches Fliegengehirn verfügt in etwa über eine Viertelmillion Neuronen – wir Menschen dagegen über rund 90 Milliarden. Lässt uns dieses eklatante Missverhältnis so abfällig auf Fliegen blicken? Trauen wir deshalb den Fliegen nichts zu?

Machen Sie mit mir ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich eine Autofahrt von Hamburg nach München vor. Auf dieser Strecke knallen 20 Vögel gegen die Windschutzscheibe Ihres Autos, zerstieben in Federwolken und hinterlassen blutverschmierte Reste auf der Motorhaube. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie nach dieser Fahrt allzu gern auf Bahn oder Flugzeug umsteigen. Zerklatschen dagegen Hunderte von Fliegen während einer Fahrt an der Autoscheibe, so ärgern Sie sich höchstens über die schmutzige Scheibe, die Sie an der nächsten Tankstelle säubern müssen. Doch denken Sie auch an die Fliegen? Sind mit den Hunderten von Leben nicht auch Hunderte individuelle Lebensträume zerplatzt?

Der Förster aus der Eifel wollte schon als Kind Naturschützer werden. Seine Vorstellung vom natürlichen Wald verwirklichte er in seinem Forstrevier, schrieb darüber und wurde zum Bestsellerautor, zuletzt erschien von ihm "Das Seelenleben der Tiere" im Ludwig Verlag. In dieser Kolumne macht er sich Gedanken über das Tier im Mensch. Und den Menschen im Tier. © dpa

Hinter meinem Gedankenspiel verbirgt sich die Frage: Sind Fliegen gefühllose, dumme Lebewesen, die nur ihr genetisch fixiertes Programm absolvieren, um nach einer festgelegten Zeit wieder abzutreten? Oder können wir Menschen bloß kein Mitgefühl für Fliegen aufbringen, weil sie uns evolutionär so fern sind? Neue Forschungsergebnisse jedenfalls lassen vermuten, dass in den winzigen Oberstübchen mehr Licht brennt, als Autofahrern lieb sein kann.

Unsere Sichtweise auf Tiere ist weder wissenschaftlich noch objektiv. Tieren Gefühle zuzugestehen, ein Bewusstsein oder gar eine Schuldfähigkeit, war zu anderen Zeiten jedoch überhaupt nicht abwegig. Der Mentalitätshistoriker Peter Dinzelbacher beschreibt in seinem Buch Das fremde Mittelalter, wie etwa Ratten vor Gericht geladen wurden, weil sie sich an den Vorräten vergriffen hatten. Die Richter warteten vergebens, doch der Verteidiger der Nager bat um mildernde Umstände. Katzen hätten den Weg verstellt, ein pünktliches Erscheinen sei somit unmöglich. Derselbe Anwalt vertrat in einem anderen Prozess des Jahres 1520 ein paar Holzwürmer. Auch Maikäfer gerieten ins Visier der mittelalterlichen Justiz: Sie hatten Felder kahl gefressen und erhielten drei Tage Zeit, sie wieder zu verlassen.

Unser Denken ist bis heute durch das mechanistische Weltbild der Aufklärung geprägt. Schon der französische Philosoph René Descartes (1596 bis 1650) hatte die These formuliert, Mensch und Tier seien mechanische Automaten. Eine Seele habe jedoch nur der Mensch. Entsprechend grausam waren seine Untersuchungsmethoden an Tieren: Descartes schnitt Hunde bei lebendigem Leib auf, kappte die Herzspitze und führte einen Finger ein, um den Schlagrhythmus zu fühlen. Die Schreie der gequälten Kreaturen verglich er mit dem Quietschen ungeölter Maschinen.

Das 18. und 19. Jahrhundert kannte viele solche aufklärerischen Pragmatiker: Der französische Arzt Claude Bernard (1813 bis 1878) nagelte Hunde und Katzen auf Bretter und schnippelte ähnlich ungerührt wie sein Vorbild Descartes an ihnen herum, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Er brachte seine Forschungsobjekte sogar mit ins eheliche Schlafzimmer, damit er die Tiere, die oft noch viele Stunden lebten, weiterbeobachten konnte. Seine Frau ließ sich scheiden und gründete zusammen mit ihren Töchtern ein Tierheim.

Sind wir besser als Descartes und Bernard, humaner? Empfinden wir heute mehr Mitgefühl für Tiere als Rationalisten und Aufklärer? Doch wie wäre es dann zu erklären, dass beispielsweise die betäubungslose Kastration von männlichen Ferkeln noch bis Ende 2018 erlaubt ist? Setzt ihr Schmerzempfinden erst nach diesem Datum ein?

Wir teilen das Tierreich in eine Art Kastensystem ein: Je näher uns eine Art entwicklungsgeschichtlich steht, desto vorsichtiger oder rücksichtsvoller gehen wir mit ihr um, zumindest dann, wenn wir das lebende Tier vor uns haben (und nicht ein anonymisiertes, eingeschweißtes Produkt im Supermarktregal). Säugetiere sind prima, Vögel noch ganz okay, Insekten dagegen überwiegend ekelhaft, sofern es sich nicht um farbenfrohe Schmetterlinge handelt. Diese Form der Wertung ist völlig normal und sogar bei Tieren nachweisbar: Empathie steigt mit dem Grad der Artverwandtschaft. Was allerdings nichts mit Wissenschaft zu tun hat; das Leben von Schmeißfliegen ist rein objektiv nicht weniger wert als das von Seeadlern oder Blauwalen. Aber wir können uns in Fliegen weniger gut hineinversetzen als in einen Delfin, oder anders gesagt: Für Tiere, die uns weniger fremd scheinen, können wir leichter Empathie entwickeln.

Was ist wichtiger: Glück oder Liebe?

Bis heute beschreiben wir Tiere als eine Art Bioroboter, die gemäß ihrem genetischen Code vollautomatisch und vorhersehbar reagieren (Descartes lässt grüßen). Dieses automatische Reagieren funktioniert über Instinkte, also über innere Impulse, die wiederum Handlungen einleiten. Von solchen tierischen Prozessen grenzen wir uns gern aufgrund unseres Verstandes ab: Welche andere Art kann schon Computer bauen oder ins Weltall fliegen?

Doch bevor wir uns die vermeintliche Grenze zwischen Instinkt und Verstand genauer ansehen, sollten wir einen Blick auf den Auslöser der Triebe werfen – die Gefühle. Gefühle sind quasi die Sprache der Instinkte, wie Sie schnell selber feststellen können: Nehmen wir an, Sie möchten abnehmen und bekommen Ihre Lieblingsspeise angeboten. Nun können Sie den Widerstreit zwischen Verstand und Instinkt erleben: Ihre Instinkte, transportiert über das Gefühl Hunger, verlangen nach jeder Kalorie, die Sie kriegen können. Ihr Verstand fordert dagegen, den Hunger zu ignorieren und Ihr Leibgericht stehen zu lassen.

Unser Alltag wird von instinktiven Handlungen bestimmt: Wenn wir Angst vor Spinnen haben, unsere Kinder lieben oder mit Schmerzen zum Zahnarzt gehen – alles instinktgesteuert. Wie bei Tieren. Auch bei Fliegen. Um unsere Distanz zu den Fliegen und ähnlichen Wesen zu legitimieren, könnte man nun behaupten, dass der Verstand bedeutender und hochwertiger ist als der Instinkt und die damit verbundenen Gefühle. Aber stimmt das?

Was antworten Sie, wenn ich Sie frage: Was ist das Wichtigste im Leben? Die meisten sagen: Glück. Oder Liebe.

Das sind beides Gefühle.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/17.

Und bei den Gefühlen gibt es noch einiges zu erforschen: Das für Mutterliebe zuständige Hormon Oxytocin beispielsweise findet sich nicht nur bei uns Menschen, sondern auch bei Pferden, Ziegen und – Goldfischen. Was es bei Letzteren bewirkt, ist noch nicht erforscht, es zeigt aber, dass die Ähnlichkeiten zwischen Mensch und entwicklungsgeschichtlich weit entfernten Tieren größer sein können als bislang angenommen.

Kommen wir noch einmal auf das Fliegenhirn zurück. Es ist unserem an Größe hoffnungslos unterlegen und produziert dennoch Gefühle. Möglicherweise träumen die kleinen Flieger sogar, wie Forscher aus Kalifornien berichten; zumindest strampeln sie im Schlaf mit den Beinen. Läuft da möglicherweise ein kleines Kopfkino?

Wenn wir uns nun die eingangs beschriebene Autofahrt ins Gedächtnis rufen, dann wirkt die verschmutzte Frontscheibe plötzlich sehr brutal und rücksichtslos. Aber bedeutet das, dass wir uns jetzt alle wie auf rohen Eiern durch die Welt bewegen müssen, um kein Lebewesen zu verletzen oder aus Versehen zu töten?

Nein, ich plädiere vielmehr dafür, jedes Lebewesen im Rahmen unserer Möglichkeiten angemessen zu respektieren. Denn eines steht fest: Glück ist nicht abhängig von der Gehirngröße.