Depressive sind wie gelähmt in ihrer Ruhelosigkeit. Der Neurowissenschaftler Leonhard Schilbach vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München hat in Studien beobachtet, dass in ihren Gehirnen das Ruhenetzwerk ungewöhnlich intensiv arbeitet. "Man könnte erwarten, dass das Gehirn bei einer Depression herunterreguliert ist", sagt Schilbach, "aber tatsächlich tackert das Ruhenetzwerk die ganze Zeit stur vor sich hin." Auf der verzweifelten Suche nach Ruhe überdreht das Gehirn, wie ein Auto mit Vollgas im Leerlauf.

Wie kann man Betroffene aus diesem Zustand befreien? Einen Fingerzeig fand Schilbach, als er sich näher mit dem Gehirn im Ruhezustand befasste. Er erkannte, dass die Aktivierungsmuster des Ruhenetzwerks denen von sozialer Kognition entsprechen: dem Nachdenken über andere Menschen, über die Beziehungen zu und zwischen ihnen. Ein etwas paradoxer Befund, aber er passt zu den Beobachtungen von Anthropologen und Psychologen: Wenn wir die Gedanken schweifen lassen oder zwanglos plaudern, dann geht es zumeist um uns selbst und unsere Mitmenschen und selten um die unbelebte Welt. Dieser Hang zu sozialen Themen sei ein Produkt der Evolution, vermutet der Anthropologe Robin Dunbar: In ruhigen Momenten trainieren wir für das Überleben im sozialen Dschungel, wir überdenken unsere Position in der sozialen Hierarchie und bereiten uns auf Interaktionen mit anderen Menschen vor. Unter Psychologen gewinnt derzeit die sogenannte social baseline theory an Anhängern, der zufolge der Grundzustand des Menschen in sozialer Nähe und Interaktion besteht. Alles, was uns aus diesem Zustand vertreibt, setzt uns unter Stress.

Menschen sind nun mal soziale Wesen, und so versetzt Einsamkeit sie in die größtmögliche Unruhe. Depressive erleben diese Unruhe in ihrer ganzen Grausamkeit. Daher legt Schilbach in der Therapie besonderen Wert darauf, Depressionspatienten zurück in gute Sozialkontakte zu führen.

Auch gesunden Menschen kann diese Erkenntnis helfen. Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass man sich absondern muss, um Ruhe zu finden – am besten in eine einsame Hütte im Wald. Nein, man wird die Ruhe nur finden, wenn man in den Beziehungen zu anderen gut aufgehoben ist. "Eine gelungene soziale Interaktion ist im Allgemeinen sehr viel beruhigender als alleine eine Wanderung zu machen", sagt Schilbach.

Wer seine Ruhe in Gesellschaft sucht, macht es also richtig. Was tut zum Beispiel Niels Birbaumer, wenn er sich nach Ruhe sehnt? Er hat es leicht, er wohnt in Venedig. "Ich setze mich auf einen Platz ins Café und fange mit irgendjemandem in meiner Nähe ein Gespräch an", sagt er. "Mein Gehirn kommt ganz zur Ruhe, ohne dass ich mir dafür irgendeinen besonderen Wunsch erfüllt hätte."

Eine ruhefördernde Umgebung wie Venedig hat nicht jeder. Aber man könnte glauben, dass sie heute auch gar nicht nötig wäre. Es ist so leicht wie nie, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen: einfach mal auf Facebook vorbeischauen. Warum leben wir dann nicht im Jahrzehnt der Ruhe? Vor allem deshalb, weil die Interaktionen in sozialen Netzwerken im Vergleich zu direkten zwischenmenschlichen Kontakten defizitär sind, sagt Leonhard Schilbach. Statt Geborgenheit bringen sie Irritationen, Frust und enttäuschte Erwartungen. Sie befeuern die Sehnsucht nach Ruhe eher, als sie zu stillen. Es geht nicht um die Zahl der Kontakte, sondern um die Qualität, um Vertrautheit und Empathie. Um besser zur Ruhe zu kommen, müssen wir also lernen, es besser miteinander auszuhalten. So bekommt der Wunsch "Lasst mich in Ruhe!" eine Bedeutung, die man ihm sonst nicht unbedingt gibt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir ständig aufeinanderhängen müssen, um uns zu beruhigen. In welchen Situationen ein Mensch am besten Ruhe findet, hängt vor allem von seiner Persönlichkeit ab. Es gibt extravertierte und introvertierte Menschen – diese Polarität gehört zu den sogenannten Big Five, jenen fünf Merkmalen, mit denen Psychologen unterschiedliche Persönlichkeiten typisieren. Extravertierte Menschen sind geselliger, introvertierte brauchen mehr Zeit für sich. Extravertierte Menschen können im geselligen Gewimmel Glück und Ruhe finden, für introvertierte ist es Stress. Deshalb sind Introvertierte aber weder schüchtern noch menschenscheu. Sie ziehen einen Spaziergang im Park oder einen ruhigen Abend mit Freunden einer wilden Party vor. Sie suchen wenige intensive Beziehungen statt viele unverbindliche. Allein verbrachte Zeit ist Erholung für sie – oft zur Verwunderung ihrer extravertierten Mitmenschen.