Die ältesten bekannten Fußspuren entstanden vor 3,6 Millionen Jahren, als drei Hominiden der Gattung Australopithecus – zu der auch das Kind von Taung gehörte – im Ostafrikanischen Graben durch frisch gefallene und vom Regen befeuchtete Vulkanasche stapften. Aus diesen Spuren ist zu lesen, dass die Noch-nicht-ganz-Menschen bereits damals so gut ans Gehen angepasst waren, dass sie lange Strecken zu Fuß zurücklegen konnten. Ihre Zehen waren eher auf Bodenkontakt als auf Bäumeklettern ausgelegt. Ihre Abdrücke zeigen orthopädisch sauberes Abrollen.

Für die allerlängste Zeit gehörte Gehen zum Menschsein wie Essen, Schlafen und Sex. Wer irgendwohin wollte, musste gehen. So blieb es, als unsere Vorfahren sesshaft wurden. So blieb es, als sie während der Völkerwanderung zum Ende der Antike Tausende Kilometer durch Europa zogen und als sie im Mittelalter wochen- und monatelang zu heiligen Stätten pilgerten, manche barfuß bis nach Jerusalem.

Der Mensch geht, er ist ein zutiefst soziales Wesen und von einzigartiger Auffassungsgabe – und alles drei hängt zusammen. Und es scheint, als hätten unsere Vorfahren das von jeher geahnt. Seit der Mensch Geschichte schreibt, ist Gehen ein Schlüssel der menschlichen Selbstdeutung. Bereits das Gilgamesch-Epos, die Urschrift unserer Zivilisation, stellt seinen Helden als unermüdlichen Wanderer dar. Für Aristoteles war der aufrechte Gang ein Zeichen der "Teilhabe am Göttlichen". Ovid erklärt die kosmische Sonderstellung des Menschen zu Beginn seiner Metamorphosen so: "Während die anderen Wesen gebeugt zu Boden blicken, gab [Prometheus] dem Menschen ein hoch erhobenes Antlitz, ließ ihn den Himmel betrachten und sein Gesicht stolz zu den Sternen erheben."

Die besondere Bedeutung des zweibeinigen Ganges hat sich tief in unser Denken und Sprechen eingegraben. Nicht nur im Deutschen, sondern auch in vielen anderen Sprachen der Welt besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem räumlichen Ausdruck "aufrecht" und dem normativen Begriffsfeld von "recht", "richtig" und "aufrichtig". Der Philosoph Kurt Bayertz verweist in seinem Essay Der aufrechte Gang auf Mary Roos, die beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson 1984 mit dem Schlager Aufrecht geh’n antrat und am Ende einen "hochverdienten" (Bayertz) 13. Platz belegte. Refrain: "Mit Stolz in meinen Augen und trotz Tränen im Gesicht – aufrecht geh’n durch die Nacht ins Licht." Das klingt unüberhörbar nach Ovid.

Gehen ist biomechanisch gesehen eine Sensation. Kein Lebewesen unseres Gewichts bewegt sich so effizient fort

Stolz darauf zu sein, aufrecht zu gehen, das wirkt auf den ersten Blick ein bisschen lächerlich. Kann ja jeder. Dabei ist Gehen biomechanisch gesehen eine Sensation. Kein anderes Lebewesen in unserer Gewichtsklasse bewegt sich sparsamer fort. "Gemessen an Tieren gleicher Größe, gibt es keine effizientere Fortbewegungsart", sagte der britische Biomechaniker Robert McNeill Alexander. Einen ebenen Kilometer zu gehen kostet Homo sapiens nur so viel mechanische Energie, wie ein Stockwerk Treppen zu steigen. Wer stehen bleibt und sich ein bisschen aufregt, verbraucht mehr.

Einmal in Bewegung gesetzt, tickt unser Gehapparat gleichmäßig wie ein Uhrwerk. Mit jedem Schritt wird ein Teil der Vorwärtsenergie in Sehnenspannung und einem sanften Hub der Körpermasse zwischengespeichert, dann fast verlustfrei in Vortrieb zurückverwandelt. Weil wir von der Ferse bis zu den Zehen abrollen, müssen wir kaum die Knie beugen. Die Beine schwingen wie Uhrpendel unter dem Rumpf durch. "Das Pendelprinzip ist das Geheimnis unseres Gangs", sagt McNeill Alexander. Bei leichtem Gefälle geht man von selbst. Unsere Sehnen federn so gut wie Gummiseile, unsere Gelenke gleiten sanfter als Industrielager. "Der Reibungskoeffizient von Knorpel auf Knorpel übertrifft jedes technische Material", sagt Wilfried Alt, Bewegungsforscher an der Universität Stuttgart. Dabei galt der menschliche Gang unter Evolutionsbiologen lange Zeit als Kompromisslösung. Sie dachten, unsere Vorfahren hätten sich in die Vertikale erhoben, um eine bessere Aussicht oder die Hände frei zu haben. Aber womöglich entsprang die Gattung Homo dem evolutionären Druck zu sparsamer Fortbewegung: "Der aufrechte Gang war für sich Grund genug", sagt Wilfried Alt. "Werfen und Werkzeuggebrauch hat der Mensch erst viel später gelernt."

Das menschliche Gehirn verschlingt fast ein Fünftel des gesamten Ruhe-Energieumsatzes seines Trägers. Im Austausch für so viel Denkkapazität mussten wir körperlich mit einem Sparmodell vorliebnehmen. Unsere Kreislaufkapazität reicht nur noch aus, um die Beine voll in Aktion zu halten. Wenn wir zusätzlich die oberen Gliedmaßen bewegen, beispielsweise beim Ski-Langlauf, müssen wir unter der Gürtellinie bremsen. "Wir sind nicht nur vom Körperbau her Zweibeiner, sondern auch vom Stoffwechsel her", sagt der Sportmediziner Hans Hoppeler von der Universität Bern.

Das Gehirn kann fast ein Fünftel unseres gesamten Energieumsatzes nutzen, da das Gehen so sparsam ist

Gehen ist gerade das Tempo, für das der Mensch gemacht ist. Seine Mechanik und sein Stoffwechsel sind wie geschaffen dafür, immer weiterzugehen. Wer rennt, wird irgendwann von der Ermüdung seiner Muskeln gestoppt. Gehen hingegen können Menschen praktisch beliebig lange. Und wenn das Ambiente stimmt, wird es auch nicht langweilig. Sinne und Gehirn nehmen die wechselnde Szenerie beim Gehen auf, ohne davon überwältigt zu werden. Das Tempo dieses Schauspiels ist geeignet, uns auf sanfte Weise anzuregen. "Ich kann nur im Gehen denken", schrieb Jean-Jacques Rousseau in seinen Bekenntnissen, "sobald ich stehen bleibe, denke ich nicht mehr, mein Kopf arbeitet nur mit den Füßen gleichzeitig." Auf langen Spaziergängen fand Rousseau Ruhe und Glück in jenem Zustand, den er "rêverie" (Träumerei) nannte: dem freien Fluss der Gedanken, allein der Natur und den unmittelbaren Sinneswahrnehmungen folgend. Nirgendwo sonst ist der Mensch seinem unwiederbringlich verlorenen "Naturzustand", in dem er nach Rousseau wahrhaft frei, gleich und gut ist, so nahe wie beim Gehen.

Die Gedanken kommen voran, wenn der Körper vorankommt. Das ist eine sehr aktuelle Erkenntnis. Seit einigen Jahren hat der Trend des "Embodiment" die Psychologie und die Erforschung der künstlichen Intelligenz (KI) erfasst: Denken, Fühlen und Wahrnehmen sind keine rein geistigen Prozesse, sondern auch körperliche, lautet das neue Paradigma. Wenn jemand lacht, dann regt nicht nur sein Frohsinn die Lachmuskeln an, sondern umgekehrt fördern auch die Lachmuskeln den Frohsinn. Das ist eine radikale Wende weg von der Trennung von Geist und Körper in der Tradition von Platon und René Descartes. Informatiker mussten die Erfahrung machen, dass sich manche KI-Systeme besser bauen lassen, wenn sie zupacken, fühlen, sehen, hören und kommunizieren können. Auch bei Robotern ist Intelligenz etwas Körperliches.

Das Gehen könnten wir Menschen heutzutage auch lassen, wenn es nur darauf ankäme, von A nach B zu kommen. Dazu gibt es Autos, Züge, Segways und Rolltreppen. Aber Gehen ist eben nicht nur Fortbewegung, sowenig wie das Gesicht nur dem Schauen, Riechen und Essen dient. Das Gesicht drückt etwas aus, der Gang ebenso: Entschlossenheit, Erschöpfung, Entspannung oder Anspannung, Sinnlichkeit oder Schüchternheit. Man muss nur mal zusehen, wie Models über den Catwalk staksen oder Boxer zum Ring schreiten. Der Gang ist sozusagen die Signatur eines Menschen, er ist oft das Erste, was andere von ihm wahrnehmen. Auf diese Weise können wir unsere Bekannten aus der Entfernung erkennen, noch bevor ihre Körperformen oder gar Gesichtszüge sichtbar sind.