Jeder Mensch hat einen einzigartigen Gang – auch Ingenieure machen sich das zunutze. Der Informatiker Martin Hofmann von der Technischen Universität München nutzt den Gaming-Sensor Kinect von Microsoft, um eine Gangsignatur eines Menschen zu erstellen. Andere Forscher verwenden beispielsweise die Daten der Beschleunigungssensoren in Mobiltelefonen. Auf diese Weise können die Biomechaniker Menschen an ihren Gehbewegungen erkennen, beinahe so zuverlässig wie an ihren Fingerabdrücken.

Solange alle Welt sowieso dauernd auf den Beinen war, gab es keinen Bedarf an einer speziellen Kultur des Gehens. Das änderte sich, als im 19. Jahrhundert die Zeit der Massenverkehrsmittel begann. Eisenbahnen und Fernstraßen erschlossen ganze Länder. In den rasant wachsenden Städten kamen die Menschen mit elektrischen Straßenbahnen herum. Es begann einerseits die Zeit des Tourismus und des Berufsverkehrs – und andererseits die der Flaneure und der Wandervereine.

Charles Baudelaire spazierte durch Paris, Franz Hessel durch Berlin, Henry David Thoreau streifte durch die Wälder von Massachusetts. In Deutschland entstanden die "Naturfreunde", in den USA der "Sierra Club". Gehen wurde Kultur: Luxus, Muße, Vergnügen. Noch im Jahr 1761 hatte Rousseau in seinem Roman Julie ou la Nouvelle Héloïse geschrieben: "Diejenigen, die zu Fuß gehen, gehören nicht zur vornehmen Welt. Sie sind Bürger, Leute aus dem Volke, Leute aus der anderen Welt, und man könnte sagen, dass die Karosse nicht so sehr zum Fahren notwendig ist, als um zu existieren." Hundert Jahre später hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. Gehen war ein Zeichen von Status. Nur Reiche konnten sich leisten, nach Belieben zu gehen, Ärmere mussten sich die Zeit dafür abringen. Ein Bericht über das Leben von Textilarbeiterinnen aus dem Jahr 1928 beschreibt deren Sonntag so: "Gleich nach dem Mittagessen geht es hinaus in die Natur, um auch einmal Mensch zu sein. Ohne Sonntagswanderung wird die Woche zu lang." Da ist er wieder, der Rousseausche Gedanke: Beim Gehen findet der Mensch zu sich selbst, zurück in seinen Naturzustand.

Das bestätigt die Wissenschaft von heute: Es gibt nichts Besseres für den Geist als einen Spaziergang im Grünen. Ein Besuch im Park senkt messbar die Pegel der Stresshormone. Der Biologe Gregory Bratman von der Stanford University hat kürzlich gezeigt, wie so ein Spaziergang auf das Gehirn wirkt. Er ließ Probanden anderthalb Stunden durch den grünen Campus seiner Universität wandeln, maß anschließend ihre Gehirnaktivität und sah, dass ihr subgenualer präfrontaler Cortex (SPC) zur Ruhe gekommen war. Ein reger SPC wird von Gehirnforschern mit Grübelei assoziiert, und tatsächlich gaben Bratmans Versuchsgeher in Befragungen an, sich seltener in negativen Gedanken über ihr Leben zu verfangen. Andere Studien haben demonstriert, dass Spaziergänge die Gedächtnisleistung fördern und das Risiko einer Depression senken.

Die reinigende, befreiende Wirkung des Gehens ist auch in der Psychotherapie angekommen. Es gibt eine ganze Reihe von Therapieangeboten, die das Gehen als Heilmittel anwenden. Walking cure statt talking cure: Der Therapeut spaziert mit dem Patienten, statt ihn auf der Couch schmoren und reden zu lassen. "Walk And Talk" heißt eine Praxis in New York.

Die lösende Wirkung des Gehens zeigte sich eindrucksvoll im Sommer 1990, als sich Michail Gorbatschow, der Präsident der Sowjetunion, und der deutsche Kanzler Helmut Kohl im Kaukasus trafen, um über die Zukunft Deutschlands zu beraten. Statt hinter verschlossenen Türen zu feilschen, zogen sie ihre Sakkos aus, Gorbatschow streifte sich einen Pulli über, Kohl eine Strickjacke, und sie gingen spazieren. Am nächsten Tag verkündeten sie das sensationelle Ergebnis: Das vereinigte Deutschland würde sofort seine volle Souveränität erhalten. Heute hängt Kohls Strickjacke im Haus der Geschichte in Bonn.

Die sanfte Bewegung des Gehens beflügelt nicht nur Geist und Seele, sie ist eine Wohltat für den ganzen Körper. Sie beschert viele der positiven Effekte sportlicher Aktivität – ohne Strapazen für den Bewegungsapparat und den Kreislauf. Gehen ist einfach, es kostet nichts, fast jeder kann es, fast überall, und fast jedem tut es gut, bis ins hohe Alter. An einem Frühlingstag des Jahres 1909 in New York setzte sich Edward Payson Weston gen Westen in Marsch. Es war sein 70. Geburtstag. 105 Tage später kam er in San Francisco an. Er war im Durchschnitt 65 Kilometer pro Tag gegangen. Sein Marsch erregte großes Aufsehen, weithin staunte man darüber, dass in seinem Alter noch solch eine körperliche Leistung möglich ist. Ein maßgeblicher Mediziner war damals Sir William Osler, der Chefarzt des Johns-Hopkins-Hospitals in Baltimore. In einer berühmten Rede sprach er von der "relativen Nutzlosigkeit von Menschen über einem Alter von 40 Jahren". Wer mit 60 noch lebe, sollte mit Chloroform aus der Welt geschafft werden, sagte der damals 55-Jährige. Ganz ernst gemeint war das nicht, aber es illustriert die damalige Lehrmeinung: Altern ist Verfall. Wer sich dagegen wehrt, macht es nur noch schlimmer. Aktionen à la Weston waren aus Oslers Sicht Irrsinn. Ein Nervenarzt namens Leonard Corning diagnostizierte bei Weston "exzessive Bewegung" und warnte davor, dass bei "einer Überkultivierung des Körpers der Geist leidet".

Gehen wirkt als Therapie, und es wirkt in der Politik. Verdanken wir die deutsche Einheit einem Spaziergang?

Alles falsch, wissen wir inzwischen. Gerade Gehen hilft dem Geist – und gerade im Alter. Unzählige Studien zeigen, dass es den Abbau der kognitiven Leistung bremst und die Agilität des Gehirns fördert. Schon acht Kilometer pro Woche schütze die Gehirnstruktur bei Patienten mit Alzheimer oder leichten kognitiven Einschränkungen, stellten Mediziner der University of Pittsburgh fest. Eine andere Studie fand einen Zusammenhang zwischen regelmäßigem Gehen und Gehirnvolumen im Alter. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Gehen auch das Herz-Kreislauf-System schützt und Diabetes vorbeugt. Eine Studie der American Cancer Society ergab, dass Frauen jenseits der Wechseljahre, die täglich eine Stunde gehen, ihr Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, signifikant senken.

Man muss also kein Einstein sein, um vom Gehen zu profitieren. Und tatsächlich marschierte Edward Weston weiter und weiter, im nächsten Jahr von Los Angeles zurück nach New York, mit 74 von New York nach Minneapolis, mit 83 von Buffalo nach New York. Mit 88 fuhr ihn, die wandelnde Widerlegung von Oslers Theorie des Alters, in Manhattan ein Auto an und verdammte ihn zur Bettlägerigkeit. Zwei Jahre später starb er. "Jeder kann gehen", hatte er nach seinem Marsch von 1909 gesagt, "es ist gratis, wie die Sonne am Tag und die Sterne in der Nacht. Wir müssen nur auf die Beine kommen, die Straßen bringen uns überallhin."

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