Die schönsten Juwelen sind für Königinnen bestimmt, so steht es in Kinderbüchern. Am 10. Januar dieses Jahres bekommt Angela Merkel im Kanzleramt einen Diamanten geschenkt: Ein Mann im Anzug – der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft – schiebt eine geöffnete Schatulle über den Tisch, die Bundeskanzlerin beugt sich darüber. Eine moderne Königin und ihr Alchemist. In der Schatulle liegt der Diamant, geschliffen und poliert. Selbst mit der Lupe könnte kein Juwelier erkennen, ob das Schmuckstück vor zwei Milliarden Jahren in der Natur entstanden ist oder vor zwei Monaten am Fraunhofer-Institut für Angewandte Festkörperphysik. Das macht viele Menschen auf der Welt gerade ziemlich nervös.

Die Spur dieses Diamanten führt vom Kanzleramt quer durch Deutschland nach Freiburg, am Autohaus Breisgau und an Kentucky Fried Chicken vorbei bis zu einem Gebäude mit viel Glas, dem Fraunhofer-Institut. Ralf Eichert hat diesen Ort als neutralen Boden für ein Treffen vorgeschlagen. Pünktlich um 13 Uhr taucht er am Eingang auf, ein Mann mit raspelkurzen Haaren. Über dem karierten Hemd trägt er eine Outdoorjacke. Er ist hier auch nur zu Gast und bittet zum Gespräch in die leere Kantine. Das ist der Mann, vor dem die Diamantenindustrie zittert?

Im Untergeschoss des Gebäudes steht die Maschine, die den Diamanten für Angela Merkel hergestellt hat. Ralf Eichert hat die Lizenz zum Nachbauen. Aber er ist neu im Diamantengeschäft. Eichert sagt: "Das ist ein jahrhundertealtes Geschäft, das sehr auf Vertrauen beruht. Und dieses Vertrauen muss man sich erarbeiten durch Qualität und Liefertreue." Seine Firma zeigen? Später vielleicht. Nicht jeder soll wissen, wo er seine Diamanten produziert. In Freiburg sind viele Kriminelle unterwegs. Und man weiß ja, welche Fantasien Juwelen wecken.

Industriell gefertigte Diamanten gibt es zwar schon seit 60 Jahren. Sie taugen zum Löcherbohren für die Ölindustrie, aber nicht für die Massenfertigung von Schmuck. Die meisten sind zu klein, und die Technik ist aufwendig. Mit einem neuen Verfahren jedoch lassen sich Diamanten wie am Fließband herstellen, jeweils vier Karat und mehr, groß wie Kieselsteine. Ein halbes Dutzend Firmen in Singapur und den USA produzieren solche Prachtstücke seit Kurzem. Ralf Eichert lässt seine ersten Exemplare in diesen Tagen probeschleifen.

Die sieben größten Betreiber von Diamantenminen haben eine PR-Offensive gestartet, mit Facebook- und TV-Werbung, Instagram- und YouTube-Kanal. In einem der Kurzfilme rudert ein hübsches Pärchen über einen Bergsee, tobt durchs Maisfeld, lässt die Haare wehen. Es könnte Werbung für Globetrotter sein, trüge die Frau nicht einen Diamanten an der Halskette und eher leichte Kleidung. In Sekunde 15 gibt es kurz Streit und einen Regenschauer, dann Versöhnung, dazu hört man ihren inneren Monolog: "Du machst mich ehrlicher. Du lässt meine Lippen stottern, wenn ich eine Lüge erzählen will ... Vielleicht werden wir niemals heiraten, vielleicht doch. But I will spend my future with you. And I will be honest with you. And it will be wild. It will be kind. And it will be real!" Hashtag: #RealisRare. Echt ist selten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

Die Botschaft: Nur ein in der Natur gewachsener Diamant ist ein echter Diamant und steht für die wahre Liebe. Ein synthetischer Diamant ist eine Lüge. Zielgruppe: junge Erwachsene auf der Suche nach Tiefe. Mitgelieferte Argumentationshilfe für den Fachhandel: "Im Kopf des Konsumenten wird die Vorstellung eingepflanzt, dass Diamanten perfekt geeignet sind, um authentische Momente zu zelebrieren. Verstärken Sie dieses Image, indem Sie erklären, was Diamanten echt und selten macht."

Was ist Fake? Was ist echt? Was ist authentisch? Und wer bestimmt das eigentlich? Es ist kein Zufall, wenn einem diese Fragen bekannt vorkommen. Diamanten reflektieren nicht nur das Licht in allen möglichen Farben. Sie spiegeln auch die Sehnsüchte und die Widersprüche einer Gesellschaft. Ein Diamant komprimiert Zeitgeist und Weltpolitik in wenigen Kubikmillimetern Kohlenstoff. Vergleiche auch IvankaTrumpFineJewelry.com. Die moderne Prinzessin betreibt einen Onlineshop.

"Ich mag den Begriff 'synthetisch' nicht", sagt Ralf Eichert. "Ich bevorzuge man-made." Menschengemacht. Das Buhlen um Käufer beginnt mit dem Kampf um die besseren Begriffe.

Diamant verkörpert Weltpolitik und Zeitgeist, komprimiert in ein paar Zehntelgramm Kohlenstoff

"Diamant ist Diamant", sagt Eicherts Geschäftspartner Christoph Nebel vom Freiburger Fraunhofer-Institut. Seine Abteilung hat die Reaktoren entwickelt, mit denen Ralf Eichert Diamanten herstellt. Sie tragen die Spitznamen Obelix, Asterix und Miraculix, weil sie aussehen wie Hinkelsteine aus Aluminium.

Die Physiker haben 20 Jahre gebraucht, um die Technik zu perfektionieren, aber das Prinzip ist schnell erklärt: Mikrowellen erhitzen ein Gasgemisch aus Methan und Wasserstoff, sodass die Moleküle sich aufspalten. Die Kohlenstoffatome des Methans lagern sich auf glühenden Diamantplättchen am Boden des Reaktors ab. Atom für Atom wächst der Stoff in die Höhe. Nach acht Wochen sind die Plättchen ein paar Millimeter dick, und aus jedem davon lassen sich mehrere Diamanten schleifen, groß genug für Verlobungsringe.