Mir war es lange Zeit nicht bewusst: Wenn wir Tiere beobachten, werden wir gleichzeitig selbst beobachtet. Das klingt banal, sagt aber viel darüber aus, wie wir Menschen uns im Zusammenhang mit der Natur sehen: als Beobachtende, die wie im Zoo oder im Museum hinter einer Scheibe stehen und ein Ensemble verschiedener Tierarten betrachten, als seien Hase, Igel und Eichelhäher Ausstellungsobjekte. Was wir nicht bemerken: Es findet jede Menge Interaktion zwischen uns und den Tieren statt. Die Krähe Koko beispielsweise wartet jeden Tag an unserer Pferdeweide darauf, dass meine Frau oder ich erscheinen. Natürlich wartet Koko nicht einfach nur so auf uns, ihr geht es ums Futter, das wir dabeihaben. Eigentlich pult Koko sich nämlich die unverdauten Körner aus den Pferdeäpfeln – weil wir ihr das aber als Frühstück nicht zumuten wollen, haben wir uns angewöhnt, ihr morgens eine kleine Extraration Körner mitzubringen, die wir für sie auf den Anbindebalken am Rand der Weide legen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/17.

Eines Tages, als ich an der Pferdeweide erschien, kam Koko angeflogen, drehte aber nicht zu mir ab, sondern landete etwa 20 Meter entfernt. Der Grund: Sie hatte eine Eichel in ihrem Schnabel. Nun fing sie an, die Eichel wie ein Hütchenspieler zu verstecken: Sie pickte hier und da im Boden, und plötzlich war die Eichel verschwunden. Koko drehte sich zu mir um und nahm wahr, dass ich sie beobachtet hatte. Flugs holte sie die Eichel wieder aus dem Boden, flog ein paar Meter weiter und versteckte sie erneut. Erst dann kam sie zu mir zurück und holte sich ihre morgendliche Futterration ab. Ich war verblüfft: Koko hatte sich in mich hineinversetzt und geglaubt, dass ich ihre Eichel haben wollte (Krähen bestehlen sich nämlich untereinander). Um ihre Eichel zu sichern, hatte sie sie dann vor mir versteckt. Koko hatte also nicht nur meine Wünsche imaginiert, sondern war zudem planerisch vorgegangen: Mit der Eichel im Schnabel könnte Koko keine Körner fressen. Hätte sie die Eichel dagegen geschluckt, wäre im Magen zu wenig Platz für meine Mitbringsel geblieben. Also hatte sie die Eichel versteckt, um sie nach dem Körnerfrühstück wieder hervorzuholen.

Das alles spielt sich in einem Gehirn ab, welches noch bis vor wenigen Jahren als nur bedingt leistungsfähig angesehen wurde. Unsere Krone der Schöpfung sitzt nicht auf, sondern unter der Schädeldecke. Es ist die Großhirnrinde und hier der Neocortex, ein großes, schichtweise aufgebautes Areal, in dem unser Bewusstsein und unser Verstand funken. So etwas haben Vögel nicht. Ihr Denkapparat ist nicht wie bei uns in Lagen aufgebaut, sondern besteht aus kleinen Klumpen, die sehr effektiv verdrahtet sind. Wie effektiv, hat man bis Ende des 20. Jahrhunderts übersehen, und den Grund dafür findet man schön erklärt in Richard David Prechts Buch Tiere denken. Denn auch Forscher sind gefangen in ihrem menschlichen Körper und damit in ihrer menschlichen Sichtweise.

Man kann nur das erkennen, was im Rahmen der eigenen Möglichkeiten liegt. Und weil unser Blick begrenzt ist, sollten wir zurückhaltender urteilen und formulieren. Gemeinhin gilt: Wenn etwas nicht nachweisbar ist, ist es nicht existent, wie beispielsweise das Schmerzempfinden von männlichen Ferkeln. Heute weiß man, dass die betäubungslose Kastration selbstverständlich höllisch wehtut, und allein bei dem Gedanken daran zieht sich männlichen Lesern der Unterleib zusammen. Doch weil gesetzliche Regelungen der Forschung oft um Jahrzehnte hinterherhinken, ist diese grausame Praxis noch bis 2018 erlaubt.

Aus diesem Grund wünsche ich mir, dass Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse vorsichtiger formulieren. Sie sollten die die Politik darauf hinweisen, dass eine nicht nachgewiesene Evidenz nicht die Annahme rechtfertigt, etwas sei nicht vorhanden; so wie man lange Zeit an den geistigen Fähigkeiten von Rabenvögeln gezweifelt hat. Bei diesen Tieren haben wir unsere menschlich verengte Sichtweise inzwischen korrigiert, und Verhaltensforscher haben so viele Intelligenzbeweise gefunden, dass sie Rabenvögel in eine geistige Liga mit Menschenaffen stecken. Damit sind wir wieder bei Koko. Sie brauchte Jahre, bis sie ihre Scheu vor uns verloren hatte. Sie musste uns gegenüber so lange misstrauisch sein, weil wir Menschen sind. Rabenkrähen dürfen nämlich bis heute geschossen werden, was ökologisch völlig sinnlos ist. Ein Teil der Population brütet ohnehin nicht, und wenn Tiere sterben, rücken andere von der Warteliste nach und besetzen die freien Reviere.

Koko jedenfalls hatte nach Jahren verstanden, dass von uns Körnerbringern keine Gefahr ausging. Ich dagegen hatte nicht verstanden, dass sie sich mit uns regelrecht angefreundet hatte. Doch dann übersetzte Jane Billinghurst mein Buch Das Seelenleben der Tiere für den nordamerikanischen Markt und schlug vor, auch ein Beispiel für die Beziehung zwischen Krähen und Menschen aus dem dortigen Raum zu erzählen. So zum Beispiel die Geschichte von Gabi Mann, einem achtjährigen Mädchen aus Seattle.

Wie die BBC 2015 berichtete, warf Gabi seit 2011 regelmäßig ihre Pausenbrote in den Garten. Krähen der Umgebung wurden rasch auf die Futterquelle aufmerksam, und mit der Zeit begann Gabi, ihre Schulbrote gezielt mit den Vögeln zu teilen. Auch Bruder und Mutter beteiligten sich nach einiger Zeit an der Krähenfütterung, stellten zusätzlich Wassernäpfe auf und bauten eine über Jahre andauernde Freundschaft auf.