An dem Morgen, an dem er Teil der Weltpolitik wird, sitzt Andreas Knieriem in einer dieser Diskussionsrunden, die sein Job so mit sich bringt. Bei den "Berliner Wirtschaftsgesprächen" soll er mit Industrieleuten und Berliner Bürgern über seine Arbeit als Zoodirektor reden. Ein Routinetermin, aber in seiner Hosentasche hört das Handy nicht auf zu vibrieren. Knieriem versucht es zu ignorieren, schaut dann aber doch auf das Display und sieht, dass alle Anrufe von derselben Mitarbeiterin sind. Er klickt auf die Nachricht, die sie ihm geschickt hat: "Wir haben die Pandas!"

Ein paar Monatee später, im Sommer 2016, sitzt Andreas Knieriem in einem Besprechungsraum des Berliner Zoos. Er ist ein hagerer Mann mit Scheitel, Sakko und Manschettenknöpfen und könnte als Vorstand eines Dax-Unternehmens durchgehen, wäre da nicht der Elefantenbulle, der draußen vor dem Fenster mit dem Rüssel Stroh durch sein Gehege wirft. Knieriem ist gelernter Tierarzt. Seit er Zoodirektor sei, sagt er, habe er kaum noch mit den Tieren zu tun. Sein Arbeitstag drehe sich nun um Verwaltungsprozesse, dreckige Toiletten, arbeitsrechtliche Fragen.

Und seit der Nachricht auf seinem Handy dreht sich sein Leben um die Vorbereitungen auf die Pandas. "Pandas sind ganz besondere Tiere", sagt Knieriem. Videos im Netz, auf denen Panda-Babys herumpurzeln, der Reihe nach rutschen oder versuchen, ihre Pfleger zu umarmen, werden millionenfach geklickt, und die Besucherzahlen können schon mal um 30 Prozent steigen, wenn ein Zoo Pandas bekommt, weil die Leute sie so lieben. Aber Pandas sind nicht nur putzig. "Der Panda ist auch ein Symbol", sagt Knieriem.

Die sogenannte Panda-Diplomatie war Teil der Strategie Chinas, sich dem Westen zu öffnen. 1972 schenkte Mao Zedong dem US-Präsidenten Richard Nixon ein Panda-Pärchen. 1973 folgte Frankreich, 1974 England, 1975 Mexiko und dann Deutschland: 1980 schickte China die beiden Pandas Bao Bao (Schätzchen) und Tjen Tjen (Himmelchen) dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt als Staatsgeschenk in die geteilte Stadt Berlin.

Und für noch etwas stehen die Pandas: Als die Naturschutzorganisation World Wildlife Fund nach einem Emblem für ihre Arbeit suchte, fand sie die Bambusbären. Sie waren vom Aussterben bedroht und sahen im Gegensatz zu den meisten anderen bedrohten Arten auch noch niedlich aus, mit ihren schwarzen Ringen um die Augen, wie sie so dasitzen, an dem Bambus in der Pfote nagend. Die Tiere wurden zur Ikone für den Artenschutz. Heute gibt es noch rund 2.000 Pandas, etwa 200 davon in menschlicher Obhut. Bis auf ein paar ausgewählte Exemplare leben alle in China.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Chinas Verhältnis zum Westen hat sich gewandelt, wie man unschwer auch an der Panda-Diplomatie erkennen kann. Verschenkt werden die Tiere nicht mehr. China verleiht sie, für maximal 15 Jahre. Jedes Panda-Baby und selbst das Fell eines toten Pandas gehören der Volksrepublik und müssen zurückgeschickt werden. Wer Pandas haben will, muss sich ihrer würdig erweisen. Als sich der österreichische Bundeskanzler 2012 mit dem Dalai Lama traf, drohte Peking damit, die Pandas aus dem Wiener Zoo abzuziehen. Pandas sind nicht irgendwelche Bären. Sie sind Staatsgäste.

"Es gibt da einmal die politischen Rahmenbedingungen – und dann gibt es noch die praktischen", sagt Zoodirektor Andreas Knieriem. Das Politische hat Angela Merkel erledigt. Sie vereinbarte persönlich in Peking, dass Berlin wieder ein Pandabären-Paar bekommt. Um das Praktische kümmert sich seither Andreas Knieriem. Als er in dem Besprechungsraum sitzt und über die Ankunft der Pandas spricht, hat er noch knapp ein Jahr Zeit, seinen alten Zoo auf die neuen Gäste vorzubereiten. Die Chinesen erwarten, dass ihre Tiere in Berlin gut aufgehoben sind.

Wer in Berlin hinter der Bahnstation Zoologischer Garten zwischen den zwei steinernen Raubkatzen des "Löwentors" hindurchgeht, gelangt in eine Stadt in der Stadt. 19.400 Tiere leben hier und im angrenzenden Aquarium. Es gibt Elefanten, die so schwer sind wie fünf Kleinwagen, und Zwerghamster, die kaum mehr auf die Waage bringen als fünf DIN-A4-Blätter. Da sind Ganges-Gaviale, eine Krokodilart, von der nur noch 200 Exemplare auf der Welt leben. Und Ameisenbären mit einer Zunge so lang wie ein Oberarm. 270.000 Kilo Heu werden hier im Jahr verfüttert, knapp 24.000 Eier, 50.000 Mäuse, 11.000 Heringe und 16.000 Kilo Kartoffeln.

Es gibt Mitläufer und Alphatiere, Raubkatzen und Streicheltiere, insgesamt 1.400 verschiedene Arten, so viele wie in keinem anderen Zoo auf der Welt – auf 33 Hektar (zum Vergleich: das Münchner Oktoberfest steht auf 42 Hektar). 1844 auf dem Gelände der königlichen Fasanerie eröffnet, war der Berliner Zoo der erste in Deutschland. Und die Berliner sind vernarrt in ihre Tiere. Für Bobby, der 1928 als erster Gorilla in den Zoo kam, schrieb der Komponist Walter Jurmann das Lied Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo. Bobby wurde zum Wappentier des Zoos. Knautschke verehrten die Berliner, weil der 2-Tonnen-Nilpferdbulle als einziges Großtier und eines von nur 91 Tieren überhaupt die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg überlebte. Seine Tochter Bulette wurde bekannt, weil sie mehr als 20 Nachkommen gebar. Und als Knut, der Eisbär, starb, legten die Menschen Tausende von Beileidskarten, Plüschtiere und Blumen am Zoo nieder.

Vielleicht fühlen sich die Berliner ihren Tieren so nah, weil die direkt in der Mitte der Stadt leben: Um den Zoo herum liegen der Kurfürstendamm, die Gedächtniskirche, der Breitscheidplatz, Bahnhof, Theater, Cafés, Kaufhäuser.