ZEIT Wissen: Sind Sie Atheist?

Harari: Ja. Ich glaube an keinen Gott. Ich stamme aus einer säkularen jüdischen Familie.

ZEIT Wissen: In Ihrem Buch "Homo Deus" entwerfen Sie ein Bild der Menschheit als Einheit. Was bedeutet der Titel?

Harari: "Homo Deus" heißt göttlicher Mensch, wie "Homo sapiens" wissender Mensch bedeutet. Wir sind dabei, Menschen zu Göttern zu machen. Das meine ich nicht metaphorisch, sondern wörtlich. Wir sind dabei, uns die Fähigkeiten anzueignen, die in den religiösen Mythen den Göttern zugeschrieben wurden. Das offensichtliche Beispiel ist die Fähigkeit, Leben zu erschaffen. Im Alten Testament erschafft Jehova die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Im 21. Jahrhundert, mit Biotechnologie und maschinellem Lernen, ist die göttliche Schöpferkraft greifbar nahe für uns. Bald können wir Leben nach unseren Wünschen erschaffen. Die wichtigsten Produkte der nächsten Jahrzehnte werden nicht mehr Kleider aus Bangladesch oder Autos aus Deutschland sein, sondern Körper und Gehirne.

ZEIT Wissen: Wie bitte? Menschliche Gehirne?

Harari: Tierische, menschliche und andere. Wir werden auch nichtorganische Gehirne aus Silizium herstellen können. Damit übersteigen unsere Fähigkeiten sogar die von Jehova, der nur kohlenstoffbasierte Lebewesen erschuf.

ZEIT Wissen: Selbst wenn Sie recht hätten, wäre das doch großartig, wir werden Götter! Aber Ihr Buch liest sich wie eine Dystopie.

Harari: Es gibt gute und schlechte Seiten. Als Sozialkritiker muss ich die Gefahren betonen, weil Google, Microsoft und andere vor allem von den guten Seiten sprechen.

ZEIT Wissen: Was sind die Gefahren?

Harari: Eine Gefahr ist, dass künstliche Intelligenz die Menschen überflüssig macht. Schon zu unseren Lebzeiten könnte es passieren, dass Hunderte Millionen Menschen aus dem Arbeitsmarkt verdrängt werden, weil künstliche Intelligenz und Roboter alles besser können als Menschen. Ich glaube nicht, dass es den Homo sapiens in 200 Jahren noch geben wird.

ZEIT Wissen: Ernsthaft? Sie wollen provozieren.

Harari: Angesichts der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts sehe ich zwei Möglichkeiten: Wir werden uns selbst vernichten, durch einen Atomkrieg, einen Cyberkrieg, den Klimawandel oder eine Kombination aus alledem. Aber das ist unwahrscheinlich. Eher werden wir mit den neuen Technologien die Fähigkeit erlangen, das Leben neu zu gestalten und Körper und Bewusstsein zu schaffen. Dann wird der Homo sapiens nicht in einer Hollywood-Apokalypse verschwinden, sondern sich selbst auf eine viel höhere Stufe bringen. Vielleicht nur eine Elite, und der Rest der Menschheit wird irrelevant. Vielleicht die gesamte Menschheit. In jedem Fall werden in 200 Jahren keine Menschen wie wir mehr existieren.

ZEIT Wissen: Es gibt eine dritte Möglichkeit: dass wir uns Gesetze geben, die diese Entwicklung verhindern. Viele Staaten haben beispielsweise strenge Regeln für den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen.

Harari: Das halte ich nicht für praktikabel. Wenn wir es hier verbieten, machen es die Koreaner oder die Chinesen. Die Entwicklung vollzieht sich bereits, und keine Regierung kann sie verhindern. Menschen sind dabei, mit Computern zu verschmelzen. Sie verlagern immer mehr Aufgaben auf ihr Smartphone. Sie lassen sich von Google Maps herumführen und verlieren ihren Orientierungssinn. Wenn die App nicht mehr funktioniert, sind sie hilflos. Der nächste Schritt sind biometrische Sensoren, die uns rund um die Uhr überwachen. Wenn die ersten zehn Krebszellen in Ihrer Leber entstehen, erkennt der Algorithmus sie. Oder nehmen Sie Dating-Apps wie Tinder. Wenn wir auf der Straße jemandem begegnen, werden die Sensoren erkennen, ob er ein geeigneter Partner ist, bevor wir selbst es bemerken.

ZEIT Wissen: Das reicht doch nicht, um eine neue Spezies der Gattung Homo auszurufen.

Harari: Die neue Spezies entsteht nicht von einem Tag auf den anderen, sondern in vielen kleinen Schritten wie diesen.

ZEIT Wissen: Aber 200 Jahre sind nichts nach den Maßstäben der Evolution.

Harari: Nach den Maßstäben der technischen Entwicklung ist es eine Ewigkeit.

ZEIT Wissen: Sie sagten, ängstliche Menschen träfen schlechte Entscheidungen. Aber jetzt jagen Sie uns noch mehr Angst ein.

Harari: Menschen treffen schlechte Entscheidungen, wenn sie aus den falschen Gründen ängstlich sind. Zum Beispiel aus Angst vor dem Terrorismus. Es gibt viel wichtigere Dinge, über die wir uns sorgen sollten. Aber wenn ich eine positive Vision hätte, würde ich sie aufschreiben.

ZEIT Wissen: Wir sind also zum Untergang verdammt?

Harari: Ich sage ausdrücklich, dass nichts daran unausweichlich ist. Aus dem 20. Jahrhundert wissen wir, dass wir ein und dieselbe Technologie verwenden können, um völlig verschiedene Gesellschaften zu bauen. In der deutschen Geschichte entstanden Elektrizität, Radio und Eisenbahn, eine faschistische Diktatur, ein kommunistisches Regime und eine liberale Demokratie.

ZEIT Wissen: Die Dialektik des Fortschritts.

Harari: Wir können heute die Biotechnologie und die künstliche Intelligenz auf verschiedenste Weisen verwenden. Wir können zum Beispiel mittels Biotechnologie immer leistungsfähigere Milchkühe und effizientere Schlachttiere züchten und uns nicht um ihr Leiden kümmern. Oder wir können mit exakt derselben Technologie versuchen, Fleisch direkt in vitro wachsen zu lassen und die Tiere aus ihrer Hölle zu befreien.

ZEIT Wissen: Vertrauen Sie darauf, dass die Demokratie die richtigen Entscheidungen treffen kann?

Harari: Wir brauchen neue Regierungsformen, glaube ich. Keine Diktatur, die hätte die gleichen Schwierigkeiten wie die heutigen Demokratien. Die politischen Systeme, die wir aus dem 19. und 20. Jahrhundert geerbt haben, können den schnellen Wandel und die immensen Datenmengen nicht bewältigen. Eine zentralisierte Regierungsform wie eine Diktatur wäre dabei in einer noch schlechteren Position, weil sie all die Daten an einem Ort zusammenführen müsste. Niemand versteht heute mehr, was in der Welt vor sich geht. Die meisten Wähler verstehen es nicht, die meisten Politiker auch nicht. Der wichtigste Treiber des Wandels ist die Technologie. Im 19. Jahrhundert brauchte man keine tiefen technologischen Kenntnisse, um die Politik zu verstehen. Heute braucht man sie, aber Wähler und Politiker haben sie nicht, daher konzentrieren sie sich weiterhin auf die alten Themen des 20. Jahrhunderts und ignorieren die Themen des 21. Jahrhunderts, wie künstliche Intelligenz und Klimawandel.

ZEIT Wissen: Wenn eine Diktatur zu zentralisiert und eine Demokratie zu schwerfällig ist, vielleicht eine Regierung der Weisen, wie Platon sie vorschlug?

Harari: Vielleicht. Im Moment geht die Entscheidungsgewalt auf die Algorithmen über, weil Menschen mit den Datenmengen überfordert sind. Niemand überträgt den Algorithmen die Macht, es passiert einfach.

ZEIT Wissen: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wird oft dafür kritisiert, dass sie keine Vision hat, sondern nur reagiert. Ist die Zeit der Visionen vorbei?

Harari: Vor einem Jahrhundert gab es all diese großen politischen Visionen. Nicht alle davon waren gut. Es gab die kommunistische Revolution in Russland, gegründet auf einer radikalen Zukunftsvision. Es gab die Vision des Liberalismus, die alle sozialen Hierarchien abbauen und Minderheiten befreien wollte. Als Martin Luther King sein "I have a dream" rief, hatte er eine Vision. Heute gibt es nur noch rückwärtsgerichtete Visionen in der Politik. Trump will "Amerika wieder groß machen". Putin träumt davon, das Zarenreich wiederzuerwecken. Im Mittleren Osten will der IS das Kalifat aus dem 7. Jahrhundert wiederbeleben. In Israel ist die herrschende Vision, das biblische Königreich zurückzubringen. Alle schauen rückwärts. Die einzigen Menschen, die vorwärtsschauen, sind Leute wie Elon Musk, Mark Zuckerberg und die Silicon-Valley-Gurus. Ich sage nicht, dass wir ihnen folgen sollten. Ich sage nur, dass unser politisches System nicht mehr in der Lage ist, Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Ein politisches System, das keine sinnvollen Visionen mehr hervorbringt, ist kaputt. Es gibt viele Gründe, sich Sorgen zu machen.