Institute of Living heißt die Psychiatrie in Hartford, Connecticut, "Thompson Two" nennen sie die Abteilung für die schweren Fälle. Die schlimmsten davon kommen in das Isolierzimmer. M. ist 17 Jahre alt und schlägt dort ihren Kopf an die Wand. Sie muss oft hier sein, Bett, Stuhl, kleines, vergittertes Fenster, weil sie sonst jede Gelegenheit nutzt, sich die Arme aufzuschlitzen, die Beine, den Bauch oder brennende Zigaretten in ihre Handgelenke zu drücken. Ihr Körper ist voll mit Medikamenten, die ihr die Angst nehmen und Anspannungen lösen sollen, aber sie schaffen es nicht. In dem Zimmer gibt es keine Zigaretten und nichts, was scharf ist. Um ihr Leid zu betäuben, bleibt ihr nur, den Kopf an die Wand zu schlagen. Hart. Und auf den Boden. "Hilf mir jemand!", denkt sie, aber weiß nicht, was sie sagen könnte und wem. "Ich war in der Hölle", wird sie später sagen.

Am anderen Ende des Landes, an der University of Washington in Seattle, beginnt einige Jahre später eine junge Therapeutin ihre Karriere. Von Anfang an interessiert sich Marsha Linehan nur für die ganz harten Fälle. Sie weiß aus dem Studium, dass Verhalten gelernt ist und daher umgelernt werden kann. Bei wem, denkt sie, ist das nötiger als bei Menschen, die immer wieder versuchen, sich umzubringen? Und wie könnte man das Funktionieren einer therapeutischen Methode besser beweisen, als wenn man es schaffte, denjenigen zu helfen, die am meisten leiden? Marsha Linehan ruft in den Kliniken an und bittet um die Fälle, für die andere keine Hoffnung mehr sehen.

Sie wird in den folgenden Jahren eine Therapie entwickeln, die weltberühmt werden wird, die Menschen, geschüttelt von den brutalsten Stürmen, dabei hilft, zu einem lebenswerten Leben zu finden. Die Dialektisch-Behaviorale Therapie ist heute eine der am besten durch Studien bestätigten Methoden, um Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und starkem Drang zum Suizid zu behandeln. Aber sie wird auch eingesetzt bei süchtigen, aggressiven und essgestörten Menschen, hilft gegen Depressionen und Angstzustände. Sie zeigt Menschen auf der ganzen Welt, wie sie mit starkem Leid umgehen können, statt es in zerstörerische Taten umzusetzen. Oder wie Linehan sagt: "Meine Tätigkeit hat etwas davon, mit Menschen zur Hölle zu gehen und einen gemeinsamen Weg heraus zu finden." Teile der Methode eignen sich auch, um Schicksalsschläge oder Lebenskrisen zu bewältigen, sie helfen ganz allgemein, sich im Leben und in der Welt wieder zurechtzufinden, wenn alles verrutscht zu sein scheint. Marsha Linehan hat durch jahrelange Arbeit einen Weg gefunden, wie Menschen sich ihre Gefühle zu Verbündeten machen können – in Momenten, in denen das unvorstellbar scheint, weil es gerade die Gefühle sind, die uns malträtieren, quälen und von denen wir uns wünschten, wir könnten sie abstellen. Für die Entdeckung dieser Therapie spielt auch die Geschichte der Patientin M. eine wichtige Rolle.

M. wächst in der Ölstadt Tulsa im Amerika der vierziger und fünfziger Jahre auf, Bundesstaat Oklahoma, als drittes von sechs Kindern. Der Vater arbeitet in der Ölindustrie, die Mutter zu Hause. M. ist immer gut in der Schule, geht in die Kirche, spielt Klavier, die Familie ist im Ort eingebunden. Doch seit sie denken kann, hat M. dieses Gefühl, nicht zu passen: Sie passt nicht zu diesem Leben und dieses Leben nicht zu ihr. Sie sieht sich umringt von wohlerzogenen Geschwistern, neben denen sie nur unangenehm auffallen kann und es auch tut. Im letzten Schuljahr schmerzt ihr Kopf so sehr, dass sie monatelang das Bett nicht verlässt. Ein Arzt schickt sie in das über 2.000 Kilometer entfernte Institute of Living, eine der ersten und damals wenigen Psychiatrien in den USA, damit dem seltsamen Leiden auf den Grund gegangen wird. Nach mehr als zwei Jahren Aufenthalt steht in ihrem Entlassungsbericht, dass sie die meiste Zeit über eine der verwirrtesten Personen der ganzen Klinik gewesen sei. Die Ärzte hatten es außer mit Medikamenten auch mit Elektroschocks versucht und mit vielen Stunden Psychoanalyse, doch sie waren nicht durchgedrungen. Als sie M. gehen lassen, prognostizieren sie ihr, außerhalb der Klinik werde sie nicht lange überleben. Es kommt anders.

Manche Menschen können mit schweren Verlusten wie dem Tod des Partners oder des eigenen Kindes einen guten Umgang finden – andere bekommen wegen eines falschen Blicks oder Wortes eine Krise. Der eine blüht auf, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Stress bei der Arbeit weniger wird, der andere zerstört in dieser Phase alles, was er sich zuvor aufgebaut hat. Eine Krise bedeutet erst einmal, dass ein Mensch unter dem, was auf ihn einstürzt, leidet. Was dabei als belastend empfunden wird und wie hemmungslos das Leid ist, ist individuell sehr verschieden. Es hängt davon ab, was einer mitbringt: an Erfahrungen, seelischer Stabilität, an Freunden, Partnerschaft, auch an Geld. Und es hängt davon ab, was da hereinbricht in das Leben. So kann es passieren, dass jemand, der den Jobverlust gut wegsteckt, durch eine Trennung gebrochen wird. Oder andersrum.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Der englische Begriff resilience (Spannkraft, Belastbarkeit) bezeichnet in der Materialkunde die Eigenschaft von Werkstoffen, nach starker Verformung wieder die ursprüngliche Gestalt anzunehmen. In der Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die Krisen überstehen. Bestimmte Eigenschaften machen das leichter: Optimismus zum Beispiel und Kontaktfreude. Wer sich von Musik, Kunst oder der Natur berühren lassen kann, hat die Möglichkeit, in diesen Dingen kleine Lichtpunkte zu finden, wenn es um ihn finster wird. Und noch etwas hilft: bereits überstandene Krisen. Als ob sie uns trainieren und immunisieren könnten – zumindest zu einem gewissen Grad. Das zeigte Mark Seery von der University at Buffalo im Bundesstaat New York. Der Psychologieprofessor verglich in einer Studie die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Erwachsenen. Fast 2.400 Menschen im Alter zwischen 18 und 101 Jahren befragte er zu Leid, Belastbarkeit, Lebenszufriedenheit und Stress. Zusätzlich wollte er wissen, wie viele widrige Ereignisse ihnen im Leben bereits zugestoßen waren: schwere Krankheit oder Verlust einer geliebten Person, Gewalt, finanzielle Not, Naturkatastrophen. 37 Schicksalsschläge bot er ihnen zur Auswahl auf einer Liste. Manche der Erwachsenen waren bis dahin noch komplett verschont geblieben (unter 10 Prozent), eine Person hatte es 71-mal getroffen, die meisten gaben um die sieben solcher Einschläge in ihrem Leben an. Das Ergebnis: Den Menschen, die nur ein paar Krisen erlebt hatten, ging es erwartungsgemäß besser als denen, die es bereits sehr oft getroffen hatte. Überraschend war aber, dass es ihnen auch besser ging als denjenigen, die noch gar kein Leid erfahren hatten. Sie waren weniger gestresst, insgesamt zufriedener und wurden nicht so sehr von aktuellen Problemen mitgenommen wie die anderen. Raffael Kalisch, Professor für Neuroimaging, erforscht Resilienz an der Universität Mainz. "Um eine Krise zu überstehen, ist es wichtig, zu erkennen, was einem guttut. Zu suchen, was einem Freude macht, wenn man es aus den Augen verloren hat, und es dann zu genießen." Oft fällt das leichter, wenn die Lebensfreude schon bedroht war – von Extremen wie Krieg, Vergewaltigung, Flucht, aber auch von Alltäglichem wie der Pubertät, den Wechseljahren, dem Stress mit Kindern, dem Leid, weil keine Kinder da sind.

M. hat das Gefühl, eine fremde Macht habe die Kontrolle übernommen. Was sie auch tut, fühlt, denkt, auf welche Weise ihr Körper auch reagiert: Sie hat es nicht mehr im Griff. Die Sehnsucht nach einem Leben, das sie nie haben wird, zerquetscht sie. Die Schlucht zu dem, was sie sich wünscht, ist unüberwindbar, M. ist machtlos. Sie fühlt sich so leer, als hätte sie ihr Herz verloren.

Als Marsha Linehan die ersten harten Fälle bekommt, scheitert sie an ihnen. Sie hat an der Uni ein Psychotherapiekonzept gelernt, das sich, ganz anders als die zu der Zeit weitverbreitete Psychoanalyse, des Hier und Jetzt direkt annimmt. Ganz praktisch. Die Grundidee der kognitiven Verhaltenstherapie: Denken, Fühlen und Handeln hängen eng miteinander zusammen. Damit es einem besser geht, müsse man die eigenen belastende Gedanken, Einstellungen und Bewertungen erst erkennen, dann ändern und schließlich ein neues Verhalten trainieren. Linehan glaubt, wenn sie herausfinde, welche Gefühle und Gedanken genau bei ihren Patienten dazu führen, sich zu verletzen, dann könne sie die Kette durchbrechen. Es wird zum Desaster. "Die Idee flog mir um die Ohren", sagt Linehan. "Die Patienten waren entweder wütend und attackierten mich, machten zu, hörten auf zu reden oder gaben ganz auf." Marsha Linehan muss lernen: Der Weg zur Veränderung scheint komplizierter zu sein.

Gefühle sind überlebenswichtig. Nichts hat so viel Einfluss auf unseren Körper, das Denken, das Handeln. Gefühle zeigen, ob das, was passiert, gut für uns ist oder nicht, treiben uns an oder bremsen. Angst, Ärger oder Traurigkeit signalisieren, dass Gefahr lauert, die wir bekämpfen oder vor der wir uns schützen müssen. Freude, Interesse oder Zufriedenheit dagegen bringen uns dazu, uns dem Reiz, der sie auslöst, zu nähern, ihn zu erhalten. Über die beiden Koordinaten Lust und Unlust geben uns unsere Gefühle Orientierung und leiten uns durchs Leben. Treiben uns zum Essen und zum Sex, um uns zu erhalten – oder zur Flucht, wenn wir bedroht sind. Sie machen uns zu sozialen Wesen, weil wir uns wohler fühlen, wenn wir unseren gesellschaftstauglichen Bedürfnissen nach Kontrolle und Orientierung, Bindung und Anerkennung nachkommen. Wären Traurigkeit, Angst, Schuld, Ärger nur zeit- und energiefressende Phänomene und von Nachteil – sie wären im Laufe der Evolution ausgestorben. Sind sie aber nicht. Alle höher entwickelten Lebewesen, vor allem Säugetiere, werden von Gefühlen geleitet.

Akzeptanz der Realität

Das Denken ist ein wichtiges Korrektiv der Emotionen. Das Areal im Gehirn, das dafür zuständig ist, der präfrontale Kortex, ist beim Menschen stärker ausgeprägt als bei allen anderen Lebewesen. Seine Aufgaben unterscheiden uns am deutlichsten vom Tier: Logik, Planung, Vernunft. Um in einer komplexen Umgebung gut zurechtzukommen, müssen wir in der Lage sein, uns auch für Dinge zu entscheiden, die erst einmal unangenehm sind, langfristig aber sinnvoll. Zum Beispiel eine Arbeit abzuschließen oder ein Gespräch zu führen, das Überwindung kostet. Menschen, bei denen diese Kontrollinstanz durch einen Unfall beschädigt wurde, sind emotional instabil, impulsiv und aggressiv. Alle anderen nutzen den präfrontalen Kortex, um Einfluss auf ihre Gefühle zu nehmen und das Handeln auch nach Werten auszurichten. Diese Schnittstelle ist entscheidend für das Wohlbefinden. Nur über Gedanken und Verhalten kann ein Mensch seine Situation so verändern, dass er Bedürfnisse befriedigt und Frust vermindert. Hier setzen Psychotherapien an, aber auch Gespräche mit Freunden, Familienmitgliedern oder Arbeitskollegen nehmen von dort aus Einfluss. Allerdings gibt es einen Ausschalter für den Notfall: sehr starke Gefühle. Sie hemmen den präfrontalen Kortex und damit die Kontrollinstanz. Die Natur hat sich das so ausgedacht, damit der Mensch bei großer Gefahr nicht anfängt nachzudenken, sondern läuft, schreit, kämpft. Das ist gut, solange die Gefahr real ist. Kommt die Angst aber bei Dingen, die nicht lebensbedrohlich sind, wie vor einer Prüfung oder bei Kritik, ist dieser Mechanismus ungünstig. Angst, Hass, Liebe und Trauer können alles lahmlegen, wenn sie nur groß genug sind. Es ist ein Teufelskreis: Je stärker die Gefühle, desto schlechter arbeitet das Kontrollzentrum. Klare Gedanken oder sinnvolle Zusammenhänge gibt es dann nicht mehr, der Kopf ist leer. Weniger Kontrolle bedeutet noch stärkere Gefühle und so weiter. Bis sie einen in den Wahnsinn treiben.

Kurz nach der Entlassung aus der Klinik, zurück in ihrer Heimatstadt, versucht M., sich das Leben zu nehmen. Sie versucht es noch einmal, nachdem sie nach Chicago gezogen ist, in eine christliche Wohngemeinschaft, um neu anzufangen. Wird wieder eingeliefert, ist verwirrt, einsam und betet viel. Zieht in eine andere christliche WG, findet einen Job bei einer Versicherung und beginnt ein Abendstudium an der katholischen Universität. Eines Nachts, in der kleinen Hauskapelle, in die sie oft zum Beten kommt, hat sie das Erlebnis, das sie später als ihre "Verwandlung" bezeichnen wird. Plötzlich sei es um sie herum hell geworden, ganz golden, sie habe das Gefühl gehabt, etwas komme auf sie zu. M. springt von der Bank auf, rennt zurück in ihr Zimmer und sagt: "Ich liebe mich!" Nie zuvor hat sie so direkt zu sich selbst gesprochen.

Der antike Philosoph Epiktet soll zu seinen Schülern gesagt haben: "Wir können die Dinge nicht immer ändern, aber wir können unsere Haltung gegenüber den Dingen ändern." Selbst auf eine Todesdiagnose schauen Menschen ganz unterschiedlich. Obwohl es an der Situation selbst nichts zu ändern gibt. Die einen können der letzten, besonders intensiven Zeit etwas abgewinnen, die anderen empfinden alles als schrecklich, was da passiert. Beides ist berechtigt. Und beides, so nüchtern betrachten es die Philosophen, ist nur das Denken über einen Zustand, nicht der Zustand selbst.

Als Marsha Linehan merkt, dass sich ihre Patientinnen vor allem missverstanden und angegriffen fühlen, wenn sie mit ihnen versucht, an ihren schädlichen Einstellungen zu arbeiten, dass sie nur noch frustrierter werden, weil sie längst wissen, dass alles leichter wäre, wenn sie anders wären, sie es aber eben nicht schaffen, da erkennt Linehan, dass vor der Veränderung ein anderer Schritt kommen muss: Akzeptanz. Akzeptanz der Realität. Und zwar radikal. "Viele Menschen glauben, dass, wenn man etwas akzeptiert, man es nicht verändern könne, aber das Gegenteil ist der Fall. Nur das radikale Akzeptieren der Gegebenheiten in unserem Leben erlaubt uns eine Veränderung", sagt Linehan. "Zu akzeptieren, dass dein Ehemann dich nicht wirklich liebt, kann die Tatsache sein, die dir ermöglicht, etwas zu unternehmen." Und "akzeptieren" ist hier tiefgreifend gemeint. Ein oberflächliches Hinnehmen bewirkt das genaue Gegenteil: das Verharren in einer Situation, die einem nicht guttut.

Keiner kann die Vergangenheit ändern. Und keiner kann bestimmte Tatsachen der Gegenwart ändern. Zum Beispiel wenn man Eltern hatte, die sich nicht für einen interessiert haben. Oder man zu alt ist, um noch ein Kind zu bekommen. Auch die schmerzhaftesten Realitäten müssen akzeptiert werden, bevor es besser wird, davon ist Linehan überzeugt. Doch als sie diese Idee ihren Patienten unterbreitet, alle mit einem Leben voller Tragödien, schreien die sie an: "Ich soll akzeptieren, wie ich bin? Ich soll akzeptieren, was mir zugestoßen ist? Erkennen Sie denn mein Leid nicht?" Linehan muss feststellen, dass sie selbst nicht weiß, wie das gehen soll: anzunehmen, was man so nie wollte. Auch in ihrem Leben gibt es Dinge, die sie nicht akzeptiert. Und als Therapeutin muss auch sie es schaffen, ihre Patienten anzunehmen, uneingeschränkt, mit all ihren Schwächen, Kämpfen und Rückfällen. Sie entschließt sich, das Akzeptieren erst selbst zu lernen, um es dann weitergeben zu können. Sie fragt Kolleginnen, Freunde, ehemalige Kommilitoninnen, alle, die sie kennt: "Wer ist der beste Lehrer dafür auf der ganzen Welt?"

Der Mensch ist nicht direkt dafür gemacht, zu akzeptieren. Unser Gehirn giert nach Lust. Und tut alles, um Unangenehmes zu vermeiden. Schon Anna Freud erforschte diese Tricks und schrieb darüber 1936 in ihrem Buch Das Ich und die Abwehrmechanismen. Am bekanntesten ist wohl die Verdrängung: Erfassen uns Schuld oder Scham zu stark, um sie zu ertragen, schieben wir sie so tief in unser Unbewusstes, dass wir sie nur noch erahnen können, wenn sie sich von dort in unsere Träume schleichen oder uns dazu bringen, etwas zu tun, was wir nicht verstehen. Auf der Flucht vor unangenehmen Gefühlen fangen wir an zu pöbeln, zu trinken, uns anzubiedern, die Klaviatur ist groß. Wir leugnen die Realität, vermeiden Menschen oder treten unseren Hund anstelle des Vorgesetzten. Wir sagen: "Ich empfinde überhaupt nichts für dich", oder: "Alles gut bei mir", und glauben auch daran. Weil alles andere zu sehr wehtun würde. Wir entwickeln Schmerzen im Rücken oder Kopf, bekommen Lähmungen und können blind werden, damit wir manch seelisches Leid nicht erkennen müssen. Wir verletzen uns selbst oder verzichten sogar ganz aufs Dasein, um dem Elend zu entkommen. Akzeptanz allerdings setzt voraus, dass man dem Übel erst einmal ins Gesicht schaut.

Die Abwehr unangenehmer Gefühle ist nicht immer schlecht. Wenn der Mann auszieht, die Kinder schreien, Möbel fehlen und das Geld mühsam verdient werden muss, dann ist es verständlich, wenn der Körper erst einmal auf Funktionieren schaltet. Er braucht die Kraft, um sich und das, was von seinem Umfeld geblieben ist, zu erhalten. Für Trauer reicht sie nicht, es wird gekämpft. Es ist auch verständlich, dass der Mensch sich erst einmal aufbäumt, wenn die Muskeln schwächer werden, der Bauch wächst, die Haare schwinden. Er muss beweisen, dass er immer noch er ist – und immer noch da. Nur: Die Trauer um die zerbrochene Familie oder die Angst vor der Endlichkeit lassen sich durch Ignoranz nicht löschen. Werden sie auf Dauer nicht beachtet, nisten sie sich ein in ihrer Nische und bleiben dort. Still und heimlich entfaltet die Trauer dann ihr großes Gewicht, bis alles schwer wird. Und auch die Angst, alt zu werden, kann eine zerstörerische Kraft entwickeln. Sie malträtiert Familien, produziert junge Geliebte, verursacht Unfälle, Geldprobleme, Burn-outs.

Schemata werden die komplexen Prozesse genannt, in denen die eigenen Gefühle, Gedanken und Handlungen nach einem individuellen, immer wieder ähnlichen Muster ineinandergreifen. Es sind die typischen Verhaltensweisen, die wir von uns selbst oder vertrauten Menschen kennen, die wir an den Tag legen, ohne nachzudenken: Der eine vermeidet Streit, die andere wird immer gleich aggressiv. Der eine jammert die ganze Zeit, wenn er mit eigener Unsicherheit konfrontiert wird, die andere kämpft dann bis zum Umfallen. Ein Schema ist ein Trick des Körpers, um Energie und Zeit zu sparen. Statt sich bei jedem Blick, Wort, Geruch oder auch in wiederkehrenden Situationen neu zu überlegen, was er tun soll, speichert der Körper in Kindheit und Jugend bestimmte Kombinationen ab, auf die er schnell zurückgreifen kann. Manche Reize lösen ab dann immer dieselben Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen aus, sehr schnell und ganz automatisch. Nur so schaffen wir es, in dieser komplexen Welt zurechtzukommen. Zieht ein Mensch sich beispielsweise bei kleinsten Streitigkeiten oder Kritik immer sofort zurück, liegt das vielleicht daran, dass er als Kind erleben musste, wie seine Umwelt ihn zurückwies, enttäuschte, verließ, wenn er versuchte, Kontakt aufzunehmen. Er hat gelernt, dass Beziehungen gefährlich sind und wehtun. Durch seinen Rückzug vermeidet er die Gefahr, sobald er das geringste Indiz entdeckt. Schemata sind Erinnerungsspuren, die unangenehme Erlebnisse verhindern sollen. Leslie Greenberg hat dieses Phänomen an der York University in Kanada erforscht und Emotionen in primäre und sekundäre unterteilt. Eine primäre Emotion ist unsere erste Reaktion auf einen Reiz: Noch bevor dieser in das Bewusstsein dringt, bewertet das Gehirn ihn rein emotional – je nach Erfahrung – und aktiviert ein Schema. Eine entscheidende Rolle spielt dafür die Amygdala. Das Areal ist im Gehirn der Gegenspieler des präfrontalen Kortex. Steht der für das Denken, so ist sie das emotionale Gedächtnis. Sie ordnet Reize blitzschnell ein, lässt Gefühle entstehen und tritt Schemata los. Noch vor dem ersten Gedanken. Was am Ende dieses Automatismus herauskommt, ist die sekundäre Emotion: das Ergebnis eines Bewältigungsprozesses, der vor langer Zeit gelernt wurde und oft recht unabhängig von dem abläuft, was aktuell wirklich passiert. Liebe kann sich als Hass äußern, Trauer als Aggression, wenn wir früh gelernt haben, dass sie gefährlich sind. Es gibt unzählige Schemata, die uns gute Dienste erweisen, ohne sie wären wir nicht überlebensfähig. Die schädlichen Schemata aber bringen unsere wichtigsten Botschafter auf dem Weg zur Lust durcheinander: In der Absicht, uns zu schützen, verwischen sie die Information darüber, was wirklich gut für uns ist, und verleiten uns zu Handlungen, die unser Leid nicht lösen. Immer und immer wieder. So unterschiedlich die psychotherapeutischen Schulen sonst sind, postulieren sie fast alle, dass das Ertragen von unangenehmen Gefühlen zentral ist für das Überwinden von Problemen. Schon Buddha hat als erste Wahrheit gelehrt: Leben bedeutet Leid; die Vermeidung des Leids führt zu schlimmerem Leid.

Wahrnehmen und Teilhaben

James Gross, Psychologieprofessor an der Stanford University, untersuchte die unterdrückten Gefühle und ihre Wirkung 1997 in einer Studie. Er ließ 180 Frauen traurige, neutrale und lustige Filme anschauen. Einigen der Teilnehmerinnen sagte er, sie sollten ihre Gefühle dabei nicht zeigen. Kein Lachen bitte, kein Schmunzeln, kein Weinen. Den anderen sagte er nichts. Das Ergebnis: Die Frauen, die ihren Gefühlen freien Lauf lassen durften, heulten bei den traurigen Filmen, und manchmal lächelten sie auch dabei. Die, die alles unterdrückt hatten, berichteten anschließend weniger begeistert von den Filmen, waren aber körperlich erschöpfter. Sie hatten Trauer verpasst und auch Freude. Offensichtlich hatte das äußere Unterdrücken auch das innere Erleben beeinflusst – zum Negativen.

Auf ihrer Suche nach einem Lehrer findet Marsha Linehan Willigis Jäger, Benediktinermönch und Zen-Meister. Sie lernt: Das Geheimnis des Akzeptierens ist Üben. Akzeptanz ist kein Verhalten, das erwartet wird. Es ist auch nicht gleichbedeutend mit Zufriedenheit oder damit, etwas gutzuheißen. Es ist eher ein realistisches Annehmen, ein Anerkennen dessen, was ist. Der erste Schritt: Man muss sich dafür entscheiden. Trotz des Schmerzes. Und dann muss man sich immer wieder dafür entscheiden. Linehan wird Willigis Jägers Schülerin und irgendwann selbst Zen-Meisterin. Sie ist begeistert von dem, was sie lernt. Viele Patienten aber sagen: Schuhe ausziehen? Auf dem Boden sitzen? In Stille wandeln? Wollen wir nicht. Es ist das Amerika der achtziger Jahre, als Linehan als eine der Ersten Achtsamkeit, aber auch Werte wie Weisheit, Mitgefühl und radikale Akzeptanz in ein therapeutisches Konzept einbaut und in die Psychiatrien trägt. "Viele Menschen, die eine Therapie aufnehmen, glauben nicht an Spiritualität und wären einfach damit zufrieden, wenn sie einen Hamburger essen, eine Dose Bier trinken und ein gutes Fußballspiel im Fernsehen verfolgen können. Sie fragen nicht nach dem Sinn des Lebens. Sie wollen wissen: Warum ich? Warum muss ich so viel leiden und du nicht?", sagt Linehan. "Skills" nennt sie die kleinen Helfer im Umgang mit den Gefühlen, die sie ihren Patienten beibringt. Sie extrahiert den Kern der Zen-Lehre und lehrt die Fertigkeiten ohne Gong, Sitzkissen und wallende Kleider.

Eines der wichtigsten Skills ist das Wahrnehmen: bewusst beobachten und beschreiben – ohne zu werten. "Die Fertigkeit des Nichtbewertens erfordert ein vollständiges Fallenlassen der Konzepte Gut und Böse", sagt Marsha Linehan. Man kann nur beschreiben, was man beobachtet, und das sind niemals Konzepte. Ihre Patientinnen sollen eine Erfahrung, ein Gefühl, einen Menschen beschreiben, nicht die Gedanken dazu.

Eine Übung: Gehen Sie in den Park, setzen Sie sich auf eine Bank, und beobachten Sie die Leute, die vorbeigehen, aber verfolgen Sie sie nicht mit Ihren Augen. Dann beschreiben Sie, was Sie gesehen haben.

Eine andere Fertigkeit, die Linehan mit ihren Patienten trainiert, ist die des Teilhabens. Es bedeutet, zu dem zu werden, was man gerade tut. Man isst, wenn man isst, läuft, wenn man läuft, grübelt, wenn man grübelt. Nur die Gegenwart existiert, die Ewigkeit ist jetzt. Ähnlich ist die Fertigkeit der Bereitschaft. Die Patientinnen sollen üben, sich bereitzuhalten für das bewusste Eintreten in das Leben, ohne Groll und ohne Zögern. Das zu tun, was notwendig ist, nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Gemeinschaft. Linehan sagt: "Bereitschaft ist das Gegenteil von Vorsatz." Sie übt mit den Patienten, Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen: Wie besteht man auf eigenen Wünschen und Meinungen, ohne andere vor den Kopf zu stoßen? Wie kann ich Nein sagen? Immer wieder analysiert sie mit ihren Patienten deren Verhalten, dröselt die Reaktionsketten auf, ergründet die Muster. Sie sagt ihnen: Allen Handlungen, Gedanken und Gefühlen liegt eine Ursache zugrunde – auch wenn wir diese nicht immer kennen. Und: Auch wenn man nicht alle eigenen Probleme selbst verursacht hat, muss man sie doch selbst lösen. Sie lehrt sie, in starken Stresssituationen das Denken auf das Jetzt und die nächsten paar Minuten zu konzentrieren oder sich einen intensiven Sinnesreiz zu suchen, um den Körper zu spüren. Einen Eiswürfel, eine Chilischote. Sie zeigt ihnen, wie man die eigenen Muster durchbrechen kann. Zum Beispiel, indem man genau das Gegenteil von dem tut, wonach man sich fühlt – wenn man das Gefühl als unpassend entlarvt hat. Und sie arbeitet mit ihnen am Selbstwert, am Annehmen nicht nur dessen, was passiert, sondern ebenso von sich selbst.

Zur Dialektisch-Behavioralen Therapie gehört neben diesem Skills-Training, das oft in Gruppen stattfindet, auch eine Einzeltherapie, bei der die Beziehung mit der Therapeutin sehr wichtig ist. Die Therapeuten müssen lernen, ihre Patienten voll und ganz zu akzeptieren. Sie nicht nur auf dem Weg zur Perfektion sehen, sondern genau da annehmen, wo sie gerade sind. Mit all ihren Dramen, dem Scheitern, dem Versuchen.

"Es war nicht so, dass ich Akzeptanz lehren und Veränderung vergessen wollte", sagt Linehan. Die Therapie heißt genau so, dialektisch, weil sie eine Synthese von beidem ist. "Das Leben ist beides."

M.s Hoch nach der Nacht in der Kapelle hält etwa ein Jahr. Die Verwüstung kommt zurück, als eine Liebesgeschichte endet. Aber irgendetwas ist anders. M. übersteht die Stürme ihrer Gefühle, ohne sich zu verletzen. Sie hat den Graben akzeptiert, der sich zwischen ihr und dem Leben, das sie gerne hätte, auftut. Sie hat sich akzeptiert. Trotzdem, auch Jahre später, als sie längst einen guten Job hat, einen festen Wohnsitz, eine Karriere, passiert es M., dass sie daran denkt, sich umzubringen. Im Auto zum Beispiel, morgens auf dem Weg zur Arbeit. Sie sagt: "Ich habe noch Hochs und Tiefs, natürlich, aber ich glaube: nicht mehr als alle anderen auch." Sie wohnt mit ihrer erwachsenen Adoptivtochter, deren Ehemann und einem Hund in der Nähe der Uni in Seattle. "Ich bin jetzt eine sehr glückliche Person."

Auf eine Frage ihrer Patienten reagierte Marsha Linehan bis zum Frühjahr 2011 immer auf dieselbe Art. Es war die Frage nach dem Geflecht von ausgeblassten Verbrennungen, Schnitten und Striemen auf Linehans Unterarmen. Dann fragte sie rein rhetorisch zurück: "Sie meinen, ob ich gelitten habe?", und beendete damit das Thema. Bis eine Patientin sagt: "Nein, das meine ich nicht. Ich meine: gelitten wie wir. Sind Sie eine von uns? Das würde uns allen so viel Hoffnung geben."

Wenige Wochen später fährt Marsha Linehan nach Hartford und besucht das Institute of Living. Vor einer kleinen Runde von Freunden, Familienmitgliedern und Ärzten spricht sie dort zum ersten Mal öffentlich über ihre Zeit als Patientin in dieser Klinik. Darüber, wie sie vor Jahrzehnten hier ihren Kopf an die Wände schlug und sich eines schwor: "Wenn ich hier rauskomme, werde ich zurückkommen und andere herausholen." Sie sagt: Als junge Therapeutin sei ihr nicht bewusst gewesen, dass sie sich nicht nur mit ihren Patienten, sondern auch mit sich selbst beschäftigte. Die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung kannte sie damals nicht, aber die Therapie, die sie entwickelte, hätte sie selbst als junge Frau gebraucht. Am Ende lässt Marsha Linehan sich das frühere Isolierzimmer zeigen. Es ist inzwischen zu einem kleinen Büro geworden, mit einem großen Fenster. Linehan steht da, streckt die Hände in die Sonne und sagt: "So viel mehr Licht hier."

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