Das Denken ist ein wichtiges Korrektiv der Emotionen. Das Areal im Gehirn, das dafür zuständig ist, der präfrontale Kortex, ist beim Menschen stärker ausgeprägt als bei allen anderen Lebewesen. Seine Aufgaben unterscheiden uns am deutlichsten vom Tier: Logik, Planung, Vernunft. Um in einer komplexen Umgebung gut zurechtzukommen, müssen wir in der Lage sein, uns auch für Dinge zu entscheiden, die erst einmal unangenehm sind, langfristig aber sinnvoll. Zum Beispiel eine Arbeit abzuschließen oder ein Gespräch zu führen, das Überwindung kostet. Menschen, bei denen diese Kontrollinstanz durch einen Unfall beschädigt wurde, sind emotional instabil, impulsiv und aggressiv. Alle anderen nutzen den präfrontalen Kortex, um Einfluss auf ihre Gefühle zu nehmen und das Handeln auch nach Werten auszurichten. Diese Schnittstelle ist entscheidend für das Wohlbefinden. Nur über Gedanken und Verhalten kann ein Mensch seine Situation so verändern, dass er Bedürfnisse befriedigt und Frust vermindert. Hier setzen Psychotherapien an, aber auch Gespräche mit Freunden, Familienmitgliedern oder Arbeitskollegen nehmen von dort aus Einfluss. Allerdings gibt es einen Ausschalter für den Notfall: sehr starke Gefühle. Sie hemmen den präfrontalen Kortex und damit die Kontrollinstanz. Die Natur hat sich das so ausgedacht, damit der Mensch bei großer Gefahr nicht anfängt nachzudenken, sondern läuft, schreit, kämpft. Das ist gut, solange die Gefahr real ist. Kommt die Angst aber bei Dingen, die nicht lebensbedrohlich sind, wie vor einer Prüfung oder bei Kritik, ist dieser Mechanismus ungünstig. Angst, Hass, Liebe und Trauer können alles lahmlegen, wenn sie nur groß genug sind. Es ist ein Teufelskreis: Je stärker die Gefühle, desto schlechter arbeitet das Kontrollzentrum. Klare Gedanken oder sinnvolle Zusammenhänge gibt es dann nicht mehr, der Kopf ist leer. Weniger Kontrolle bedeutet noch stärkere Gefühle und so weiter. Bis sie einen in den Wahnsinn treiben.

Kurz nach der Entlassung aus der Klinik, zurück in ihrer Heimatstadt, versucht M., sich das Leben zu nehmen. Sie versucht es noch einmal, nachdem sie nach Chicago gezogen ist, in eine christliche Wohngemeinschaft, um neu anzufangen. Wird wieder eingeliefert, ist verwirrt, einsam und betet viel. Zieht in eine andere christliche WG, findet einen Job bei einer Versicherung und beginnt ein Abendstudium an der katholischen Universität. Eines Nachts, in der kleinen Hauskapelle, in die sie oft zum Beten kommt, hat sie das Erlebnis, das sie später als ihre "Verwandlung" bezeichnen wird. Plötzlich sei es um sie herum hell geworden, ganz golden, sie habe das Gefühl gehabt, etwas komme auf sie zu. M. springt von der Bank auf, rennt zurück in ihr Zimmer und sagt: "Ich liebe mich!" Nie zuvor hat sie so direkt zu sich selbst gesprochen.

Der antike Philosoph Epiktet soll zu seinen Schülern gesagt haben: "Wir können die Dinge nicht immer ändern, aber wir können unsere Haltung gegenüber den Dingen ändern." Selbst auf eine Todesdiagnose schauen Menschen ganz unterschiedlich. Obwohl es an der Situation selbst nichts zu ändern gibt. Die einen können der letzten, besonders intensiven Zeit etwas abgewinnen, die anderen empfinden alles als schrecklich, was da passiert. Beides ist berechtigt. Und beides, so nüchtern betrachten es die Philosophen, ist nur das Denken über einen Zustand, nicht der Zustand selbst.

Als Marsha Linehan merkt, dass sich ihre Patientinnen vor allem missverstanden und angegriffen fühlen, wenn sie mit ihnen versucht, an ihren schädlichen Einstellungen zu arbeiten, dass sie nur noch frustrierter werden, weil sie längst wissen, dass alles leichter wäre, wenn sie anders wären, sie es aber eben nicht schaffen, da erkennt Linehan, dass vor der Veränderung ein anderer Schritt kommen muss: Akzeptanz. Akzeptanz der Realität. Und zwar radikal. "Viele Menschen glauben, dass, wenn man etwas akzeptiert, man es nicht verändern könne, aber das Gegenteil ist der Fall. Nur das radikale Akzeptieren der Gegebenheiten in unserem Leben erlaubt uns eine Veränderung", sagt Linehan. "Zu akzeptieren, dass dein Ehemann dich nicht wirklich liebt, kann die Tatsache sein, die dir ermöglicht, etwas zu unternehmen." Und "akzeptieren" ist hier tiefgreifend gemeint. Ein oberflächliches Hinnehmen bewirkt das genaue Gegenteil: das Verharren in einer Situation, die einem nicht guttut.

Keiner kann die Vergangenheit ändern. Und keiner kann bestimmte Tatsachen der Gegenwart ändern. Zum Beispiel wenn man Eltern hatte, die sich nicht für einen interessiert haben. Oder man zu alt ist, um noch ein Kind zu bekommen. Auch die schmerzhaftesten Realitäten müssen akzeptiert werden, bevor es besser wird, davon ist Linehan überzeugt. Doch als sie diese Idee ihren Patienten unterbreitet, alle mit einem Leben voller Tragödien, schreien die sie an: "Ich soll akzeptieren, wie ich bin? Ich soll akzeptieren, was mir zugestoßen ist? Erkennen Sie denn mein Leid nicht?" Linehan muss feststellen, dass sie selbst nicht weiß, wie das gehen soll: anzunehmen, was man so nie wollte. Auch in ihrem Leben gibt es Dinge, die sie nicht akzeptiert. Und als Therapeutin muss auch sie es schaffen, ihre Patienten anzunehmen, uneingeschränkt, mit all ihren Schwächen, Kämpfen und Rückfällen. Sie entschließt sich, das Akzeptieren erst selbst zu lernen, um es dann weitergeben zu können. Sie fragt Kolleginnen, Freunde, ehemalige Kommilitoninnen, alle, die sie kennt: "Wer ist der beste Lehrer dafür auf der ganzen Welt?"

Der Mensch ist nicht direkt dafür gemacht, zu akzeptieren. Unser Gehirn giert nach Lust. Und tut alles, um Unangenehmes zu vermeiden. Schon Anna Freud erforschte diese Tricks und schrieb darüber 1936 in ihrem Buch Das Ich und die Abwehrmechanismen. Am bekanntesten ist wohl die Verdrängung: Erfassen uns Schuld oder Scham zu stark, um sie zu ertragen, schieben wir sie so tief in unser Unbewusstes, dass wir sie nur noch erahnen können, wenn sie sich von dort in unsere Träume schleichen oder uns dazu bringen, etwas zu tun, was wir nicht verstehen. Auf der Flucht vor unangenehmen Gefühlen fangen wir an zu pöbeln, zu trinken, uns anzubiedern, die Klaviatur ist groß. Wir leugnen die Realität, vermeiden Menschen oder treten unseren Hund anstelle des Vorgesetzten. Wir sagen: "Ich empfinde überhaupt nichts für dich", oder: "Alles gut bei mir", und glauben auch daran. Weil alles andere zu sehr wehtun würde. Wir entwickeln Schmerzen im Rücken oder Kopf, bekommen Lähmungen und können blind werden, damit wir manch seelisches Leid nicht erkennen müssen. Wir verletzen uns selbst oder verzichten sogar ganz aufs Dasein, um dem Elend zu entkommen. Akzeptanz allerdings setzt voraus, dass man dem Übel erst einmal ins Gesicht schaut.

Die Abwehr unangenehmer Gefühle ist nicht immer schlecht. Wenn der Mann auszieht, die Kinder schreien, Möbel fehlen und das Geld mühsam verdient werden muss, dann ist es verständlich, wenn der Körper erst einmal auf Funktionieren schaltet. Er braucht die Kraft, um sich und das, was von seinem Umfeld geblieben ist, zu erhalten. Für Trauer reicht sie nicht, es wird gekämpft. Es ist auch verständlich, dass der Mensch sich erst einmal aufbäumt, wenn die Muskeln schwächer werden, der Bauch wächst, die Haare schwinden. Er muss beweisen, dass er immer noch er ist – und immer noch da. Nur: Die Trauer um die zerbrochene Familie oder die Angst vor der Endlichkeit lassen sich durch Ignoranz nicht löschen. Werden sie auf Dauer nicht beachtet, nisten sie sich ein in ihrer Nische und bleiben dort. Still und heimlich entfaltet die Trauer dann ihr großes Gewicht, bis alles schwer wird. Und auch die Angst, alt zu werden, kann eine zerstörerische Kraft entwickeln. Sie malträtiert Familien, produziert junge Geliebte, verursacht Unfälle, Geldprobleme, Burn-outs.

Schemata werden die komplexen Prozesse genannt, in denen die eigenen Gefühle, Gedanken und Handlungen nach einem individuellen, immer wieder ähnlichen Muster ineinandergreifen. Es sind die typischen Verhaltensweisen, die wir von uns selbst oder vertrauten Menschen kennen, die wir an den Tag legen, ohne nachzudenken: Der eine vermeidet Streit, die andere wird immer gleich aggressiv. Der eine jammert die ganze Zeit, wenn er mit eigener Unsicherheit konfrontiert wird, die andere kämpft dann bis zum Umfallen. Ein Schema ist ein Trick des Körpers, um Energie und Zeit zu sparen. Statt sich bei jedem Blick, Wort, Geruch oder auch in wiederkehrenden Situationen neu zu überlegen, was er tun soll, speichert der Körper in Kindheit und Jugend bestimmte Kombinationen ab, auf die er schnell zurückgreifen kann. Manche Reize lösen ab dann immer dieselben Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen aus, sehr schnell und ganz automatisch. Nur so schaffen wir es, in dieser komplexen Welt zurechtzukommen. Zieht ein Mensch sich beispielsweise bei kleinsten Streitigkeiten oder Kritik immer sofort zurück, liegt das vielleicht daran, dass er als Kind erleben musste, wie seine Umwelt ihn zurückwies, enttäuschte, verließ, wenn er versuchte, Kontakt aufzunehmen. Er hat gelernt, dass Beziehungen gefährlich sind und wehtun. Durch seinen Rückzug vermeidet er die Gefahr, sobald er das geringste Indiz entdeckt. Schemata sind Erinnerungsspuren, die unangenehme Erlebnisse verhindern sollen. Leslie Greenberg hat dieses Phänomen an der York University in Kanada erforscht und Emotionen in primäre und sekundäre unterteilt. Eine primäre Emotion ist unsere erste Reaktion auf einen Reiz: Noch bevor dieser in das Bewusstsein dringt, bewertet das Gehirn ihn rein emotional – je nach Erfahrung – und aktiviert ein Schema. Eine entscheidende Rolle spielt dafür die Amygdala. Das Areal ist im Gehirn der Gegenspieler des präfrontalen Kortex. Steht der für das Denken, so ist sie das emotionale Gedächtnis. Sie ordnet Reize blitzschnell ein, lässt Gefühle entstehen und tritt Schemata los. Noch vor dem ersten Gedanken. Was am Ende dieses Automatismus herauskommt, ist die sekundäre Emotion: das Ergebnis eines Bewältigungsprozesses, der vor langer Zeit gelernt wurde und oft recht unabhängig von dem abläuft, was aktuell wirklich passiert. Liebe kann sich als Hass äußern, Trauer als Aggression, wenn wir früh gelernt haben, dass sie gefährlich sind. Es gibt unzählige Schemata, die uns gute Dienste erweisen, ohne sie wären wir nicht überlebensfähig. Die schädlichen Schemata aber bringen unsere wichtigsten Botschafter auf dem Weg zur Lust durcheinander: In der Absicht, uns zu schützen, verwischen sie die Information darüber, was wirklich gut für uns ist, und verleiten uns zu Handlungen, die unser Leid nicht lösen. Immer und immer wieder. So unterschiedlich die psychotherapeutischen Schulen sonst sind, postulieren sie fast alle, dass das Ertragen von unangenehmen Gefühlen zentral ist für das Überwinden von Problemen. Schon Buddha hat als erste Wahrheit gelehrt: Leben bedeutet Leid; die Vermeidung des Leids führt zu schlimmerem Leid.