Am Anfang jeder Gewohnheit steht eine Art Spiel. Man probiert etwas aus, es klappt, man freut sich darüber und wiederholt es in ähnlichen Situationen. So verbringen Kinder einen großen Teil ihrer ersten Jahre: Sie bauen sich einen Fundus an Gewohnheiten auf. Mit jeder erfolgreichen Wiederholung gräbt sich das Muster tiefer in die Basalganglien – und die höheren Zentren des Gehirns vergessen es allmählich. Die Gewohnheit ist in die Tiefe des Gehirns abgetaucht, und zwar für immer. "Das limbische System vergisst nicht", sagt Josef Egger. Über die Jahre sammelt sich dort "ein Museum unserer eigenen Geschichte", sagt er, mit unseren Gewohnheiten als Exponaten. Für Menschen, die von einer schlechten Gewohnheit geplagt sind, ist das zunächst eine schlechte Nachricht: Sie werden mit dem ungeliebten Verhaltensprogramm in ihrem Kopf weiterleben müssen.

Die gute Nachricht ist, dass in der Evolutionsgeschichte seit den Dinosauriern noch einige Gehirnregionen hinzugekommen sind, zuletzt der Neokortex, der stammesgeschichtlich jüngste Teil der Großhirnrinde, der den Menschen zu einem vernunftbegabten und einsichtsvollen Wesen macht und es uns ermöglicht, unsere schlechten Gewohnheiten zu erkennen. Obwohl Neokortex und limbisches System eher lose miteinander verdrahtet sind, haben sich die ungleichen Gehirnteile in ihren gemeinsamen Jahrmillionen zu einem guten Team zusammengefunden.

Der menschliche Neokortex ist besonders clever darin, seinen älteren Mitbewohnern im Oberstübchen neue Gewohnheiten einzureden – und das hängt wohl mit einem Gen namens FOXP2 zusammen, das entscheidend für unsere Sprachfähigkeit ist. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und des Massachusetts Institute of Technology, haben Mäusen die menschliche Variante von FOXP2 eingepflanzt – und beschleunigten damit die Gewohnheitsbildung der Nager.

Deutlich schwerer fällt es unserem Neokortex allerdings, dem limbischen System die Gewohnheiten wieder auszureden. Marotten, die sich im limbischen System festgesetzt haben, lassen sich nur mit ausgeklügelten Gegenmaßnahmen neutralisieren.

Eine wirksame, aber gar nicht kluge Maßnahme gegen eine unliebsame Gewohnheit wäre, die Basalganglien einfach lahmzulegen. Wir können auf die Dinosaurier in unserem Gehirn nicht verzichten. Was wir an den Basalganglien haben, wird deutlich, wenn sie durch eine Krankheit beeinträchtigt sind. Die Parkinson-Krankheit zum Beispiel stört die Funktion der Basalganglien – daher rührt das für Parkinson charakteristische Zittern. Studien zeigen, dass Parkinson-Patienten auch Schwierigkeiten haben, sich neue Gewohnheiten anzueignen und ihre alten zu behalten. Manchmal verlieren Patienten diese Fähigkeiten ganz. Und ohne Gewohnheiten können sie sich nicht mehr selbst im Leben zurechtfinden. Auch die einfachsten Situationen sind zu viel für sie. Sie scheitern daran, eine Tür zu öffnen oder sich zu entscheiden, was sie essen wollen. Sie verlieren ihre Fähigkeit, unwesentliche Details aus ihrem Bewusstsein auszublenden.

Umgekehrt gibt es auch neurologische Erkrankungen, bei denen die Gewohnheiten außer Kontrolle geraten. Der französische Neurologe François Lhermitte beschrieb in den 1980er Jahren eine Krankheit, die er "Gebrauchszwang" (utilization behaviour) nannte. Die Betroffenen haben Schäden in den Frontallappen an der Großhirnrinde. Sie verlieren die Fähigkeit, willentlich ihre Handlungen zu steuern. Wenn man ihnen etwas zu essen hinstellt, dann essen sie, weil sie es so gewohnt sind, ob sie hungrig sind oder nicht. Wenn man ihnen eine Brille hinlegt, setzen sie diese auf. Legt man ihnen noch eine zweite hin, setzen sie diese auf die erste. Sie können nicht anders. Sie sind ihren Gewohnheiten ausgeliefert.

Eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Gewohnheiten spielen die Emotionen. Ein Kind, das Fahrrad fahren lernt, erlebt den ersten Moment, in dem es selbst das Gleichgewicht halten kann, noch mit großer Euphorie. "Sein Organismus wird von Serotonin und Dopamin geradezu überschwemmt", sagt Egger. Die Hormone tragen dazu bei, den Bewegungsablauf in die Basalganglien zu prägen. Doch wenn die Gewohnheit mal ausgebildet ist, verliert sie ihre emotionale Farbe. Ein geübter Radfahrer wird den Rausch von einst nicht mehr erleben. Mit der Gewöhnung verebbt das Gefühl. Das erleichtert die regelmäßige Ausübung unangenehmer Pflichten – gilt aber leider auch für Rauchen, Sex und Beethovens 6. Sinfonie.

Eine fertig ausgebildete Gewohnheit ist nackte Routine, ohne emotionalen oder kognitiven Ballast. "Die Gewohnheit schmeißt Sie direkt von der Situation in die Handlung", sagt Peter Gollwitzer. Ehe man sich’s versieht, steht man schon wieder draußen und raucht. Ganz ohne Willensanstrengung des Rauchers, es passiert einfach mit ihm. Willen brauchte er hingegen dafür, nicht rauchen zu gehen. Anfangs war es noch eine bewusste Überlegung: "Ich bin nervös, was tun?" Die Entscheidung, rauchen zu gehen, wurde mit dem guten Gefühl der Entspannung belohnt. Also macht er es wieder und wieder, bis die auslösende Situation (nervös am Schreibtisch) in seinen basalen Gehirnteilen ohne Umweg über das Bewusstsein mit der Handlung (raus zum Rauchen) verknüpft ist.