Auch wenn es nicht immer angenehm ist, es ist ganz normal, ein schlechtes Gewissen zu haben. Fehlt es komplett, kann das sogar richtig gefährlich werden. "Bei dissozialen Persönlichkeiten fehlt die Einsicht in eigenes Verschulden", sagt Karen Kocherscheidt, Psychotherapeutin am Zentrum für psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg. Das betrifft ausgeprägte Narzissten, die dazu neigen, immer die Schuld beim anderen zu suchen. Und es betrifft in noch viel radikalerer Form die deutlich kleinere Gruppe der Menschen mit schwersten Persönlichkeitsstörungen: die echten Psychopathen, denen Empathie, soziale Verantwortung und Schuldgefühle komplett fremd sind. Während die meisten Menschen schon ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie jemand anderem versehentlich auf die Füße treten, können diese Menschen vergewaltigen und morden und anschließend in einem Restaurant essen gehen, als wäre nichts geschehen.

Dass solch eine Gewissenlosigkeit selten ist, hat Karen Kocherscheidt zufolge einen evolutionsbiologischen Grund: "Hinter dem schlechten Gewissen steckt die Angst, aus der Gruppe ausgestoßen zu werden", sagt sie. Einsicht und Reue zu zeigen sei seit Jahrzehntausenden überlebenswichtig, "um im Schutz der Gruppe bleiben zu können".

Und das wissen all jene auszunutzen, die uns gezielt ein schlechtes Gewissen machen wollen. Wenn Religionsgemeinschaften nicht nur beim Verstoß gegen sehr grundlegende Regeln wie das Tötungsverbot mit Ausschluss drohen, sondern auch bei Verhaltensweisen wie vorehelichem Sex oder dem Abschneiden eines Barts. Wenn Politiker uns suggerieren, diese oder jene Maßnahme sei alternativlos, weil sonst das ganze Land leide. Oder wenn Firmen ihre Werbung so gestalten, dass das Gefühl entsteht, man müsse bestimmte Produkte unbedingt haben, um dazuzugehören.

Wird das schlechte Gewissen dabei überstark, kann das auf eine Depression hindeuten. Wenn depressive Patienten zu Karen Kocherscheidt kommen, erzählen sie meist rasch von starken Schuldgefühlen, die sie plagen. Oft geht es um Erwartungen anderer, die der Betroffene nicht erfüllen kann, ob in der Familie, im Beruf oder in der Liebe. Neben den bekannten Symptomen von Traurigkeit und Antriebslosigkeit gehören Schuldgefühle zu den diagnostischen Kriterien für eine Depression.

Wie schnell es gelingt, die Macht des schlechten Gewissens zu brechen, hängt im Normalfall von einer Frage ab: Ob nämlich das, was ein Mensch als schlechtes Gewissen empfindet, wirklich aus einem klassischen Schuldgefühl heraus entstanden ist oder aber durch etwas Verwandtes, viel Tieferes: durch Scham. Beides sind moralische Gefühle und an der Oberfläche leicht zu verwechseln. Aber sie unterscheiden sich stark.

"Schuldgefühle haben einen konkreten Anlass, die Menschen haben etwas getan, was sie nicht tun wollten oder sollten, und wollen das möglichst schnell wiedergutmachen", sagt Kocherscheidt. Scham dagegen käme eher aus einem allgemein verringerten Selbstwertgefühl, entwickle sich langsamer. Die Folgen: Rückzug, Verstecken und Wut.

Das schlechte Gewissen, das aus Scham resultiert, ist oft ungleich mächtiger als das, was nach einem konkreten Fehler aufkommt. Das Unwohlsein am eigenen Körper, das Werbung mit gephotoshopten Frauenkörpern und Waschbrettbauch-Männern erzeugt, fällt in diese Kategorie. "Bei der Depression tritt besonders klar hervor, dass hinter dem, was Menschen für Schuldgefühle halten, in Wahrheit eine tiefere Scham steckt, der viel schwerer beizukommen ist", sagt Karen Kocherscheidt.

Klaus-Thomas Kronmüller, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Leiter des Klinikums Gütersloh, beschreibt dieses Empfinden als "schlechtes Gewissen, ohne genau zu wissen, was ich falsch gemacht habe".

Scham gehe mit dem vagen Gefühl einher, ein schlechter Mensch zu sein, zu versagen, nicht zur Gemeinschaft zu gehören. Sie sei gerade bei Kindern und Jugendlichen weit verbreitet, mit großen Risiken für die weitere Entwicklung, sagt er. Sie tritt schon im Vorschulalter zum ersten Mal in Erscheinung, etwa wenn die Eltern ständig mit Kindern schimpfen – oder wenn sie ständig streiten. "Kinder neigen dazu, sich immer selber schuld zu fühlen, sie denken auch, dass sie für den Regen verantwortlich sind", sagt Kronmüller.

Für die Pubertät ist Scham regelrecht typisch: "Pubertierende haben die Aufgabe, ein sicheres Selbstwertgefühl zu entwickeln, aber das ist eine Riesenherausforderung", sagt Kronmüller. Bin ich zu dick oder zu dünn? Finden andere mich cool? Gehöre ich dazu? Bin ich peinlich? Das sind Fragen, die vielen Teenagern ständig durch den Kopf kreisen, sie sind eine Quelle von schlechten Gefühlen und auch von schlechtem Gewissen. Und sie sind eine perfekte Einfallsschneise für diejenigen, die andere mithilfe des schlechten Gewissens manipulieren wollen – vor allem Werbetreibende sind Meister dieses Spiels. Sie setzen Schönheitsnormen und bringen die Leute dazu, Unmengen an Geld für Klamotten und Kosmetika auszugeben oder ihren Körper durch Diäten und im Fitnessstudio zu malträtieren, um sich den Idealbildern anzunähern.