Am Abend des 121. Todestages von Alfred Nobel gönnt sich der Physiker, Ex-Diplomat und Langlauftrainer Ole Reistad in einem Osloer Musikclub eine Verschnaufpause. Es ist schon spät im Jahr, Sonntag, der 10. Dezember, aber er schiebt noch 45 Urlaubstage vor sich her. Mittags war er mit Sohn und Tochter langlaufen. Am nächsten Tag will er frühmorgens zur Arbeit fahren und abends mit seiner Frau ein Konzert besuchen, bei dem ein radioaktiv verseuchtes Klavier zum Einsatz kommen soll. Wer 14.935 atomare Sprengköpfe vernichten, Sport treiben und die Familie sehen will, hat einfach eine Menge zu tun. Aber jetzt wird gefeiert.

Denn während Ole Reistad Ski laufen war, wurde im Rathaus von Oslo der Friedensnobelpreis verliehen: an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, kurz ICAN, eine Koalition von 468 Nichtregierungsorganisationen. ICAN hat erreicht, dass die UN im vergangenen Jahr einen Atomwaffenverbotsvertrag verabschiedet haben, unterstützt von 122 Nationen. Ein historisches Ereignis, das in Deutschland kaum beachtet wurde, weil der G20-Gipfel in Hamburg die Nachrichten beherrschte.

Partystimmung also, die ICAN-Basis trifft sich im Club. Ole Reistad gehört nicht zu ICAN, kennt aber einige der Aktivisten, denn sie verfolgen dasselbe Ziel: Global Zero, eine Welt ohne Atomwaffen. Das Projekt erscheint gerade etwas weltfremd. Aber wenn man diesem Mann am Nobelwochenende durch Oslo folgt, kommt so etwas wie Hoffnung auf. Sogar Donald Trump erscheint dann in einem anderen Licht.

Am Buffet begegnet Reistad einer 89-jährigen Ärztin und ICAN-Aktivistin, die er lange nicht gesehen hat. Sie sagt: "Ich habe aufgeräumt und eine Notiz vom Außenministerium gefunden. Die haben uns damals geraten, nicht für weniger Atomwaffen zu kämpfen, sondern für deren Abschaffung." Abrüstung fordert jeder. Aber ein Verbot von Atomwaffen aus humanitären Gründen, das war endlich mal eine radikale Idee.

Norwegen steht sonst eher am Rand der Weltpolitik, aber in der Abrüstungsdiplomatie ist es ein Schlüsselstaat, in dem das Außenministerium schon mal Friedensaktivisten berät. Und Ole Reistad ist in diesem Land eine Schlüsselfigur. Er arbeitete nach dem Physikstudium im diplomatischen Dienst und wurde nach Minsk, Murmansk und Moskau entsandt, bis seine Frau den Osten satthatte. Er promovierte über Atomwaffen auf russischen U-Booten. Heute leitet er einen Forschungsreaktor am Institute for Energy Technology und zieht Strippen zu Atomwaffenstaaten. Seit Jahren begleitet er Delegationen zu Abrüstungsverhandlungen.

Es ist laut im Club, und Ole Reistad muss sich runterbeugen, um die Ärztin zu verstehen. Sie heißt Kirsten Osen und war Norwegens erste Medizinprofessorin. 1982 gründete sie mit anderen die norwegische Sektion der Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs. "Ihr Ärzte seid prädestiniert dafür", ruft Ole Reistad, "aber wir Physiker können auch etwas tun." Er hat etwas gutzumachen: Physiker haben die Atombombe einst gebaut. Nun will er helfen, die Bombe wieder loszuwerden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/18.

Ein seltsames Wochenende ist das. Auf den Infoscreens der Osloer U-Bahn wechseln Bilder von Atompilzen mit Sonderangeboten für Schweinerippchen. Die Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki sind in der Stadt und bohren am Samstag ihre Zeigefinger in Blumentöpfe des botanischen Gartens, um Ginkgobäume zu säen. Die Mutterbäume keimten nach den beiden Atombombenexplosionen von 1945 in den Ruinen. Drei Dutzend hibakusha sind angereist, so heißen die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki, darunter eine Frau ohne Arme und ein 94-Jähriger mit verbrannten Handrücken und Bruchkante im Schädel.

Es ist kalt und still in Oslo, und die Nächte sind lang, durch die Fußgängerzone weht Asche, und alle reden von Atombomben. Dies ist natürlich nicht der nukleare Winter, sondern die Nobelpreiswoche. Die Asche stammt vom Fackelzug zu Ehren der Laureaten, und die Ruhe verdankt die Stadt den Elektroautos.

Abrüsten hat mit dem Zerstören von Atombomben derzeit ebenso wenig zu tun wie Abnehmen mit dem Verzehr von Kalorienbomben.

Auf dem Küchentisch in Ole Reistads Doppelhaushälfte liegt der Economist mit einem Artikel über Nordkoreas jüngsten Raketentest. Mr. Kim könne nun jede Stadt in Amerika treffen, steht darin. Donald Trump twitterte im August: "Meine erste Anordnung als Präsident war, unser Atomarsenal zu modernisieren." Die Botschafter der USA, Großbritanniens und Frankreichs boykottieren die Nobelfeierlichkeiten in Oslo. Kein Nato-Mitglied hat den Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet, auch Norwegen nicht. Würde Deutschland das tun, müssten die USA ihre Atombomben vom Fliegerhorst Büchel in der Eifel abziehen.

Heute über Abrüstung zu reden ist ungefähr so, als würde man in einem brennenden Haus das Wohnzimmer streichen. Aber Ole Reistad meint, gerade jetzt sollte man darüber reden. "Der Verbotsvertrag schafft eine neue Norm gegen Atomwaffen", sagt er. Und in der Wissenschaft hat sich auch etwas getan.

Es geht um ein Argument, das Diplomaten bei Abrüstungsverhandlungen begleitet wie ein Schatten: Niemand könne kontrollieren, ob ein Staat seine Atomwaffen wirklich zerstöre. Abrüsten sei zwar eine gute Idee, aber leider nicht überprüfbar. Ole Reistad arbeitet daran, dieses Argument zu widerlegen. Er will die Zerstörung von Atomwaffen transparent machen. Seine Idee ist, dass Nicht-Atomwaffenstaaten kontrollieren, wie Atomwaffenstaaten ihre Sprengköpfe zerstören. Südkorea zum Beispiel solle eines Tages Nordkorea helfen, sich zu entwaffnen. Kanada könnte die Zerlegung amerikanischer Bomben verifizieren. Er sagt: "Es wird nur dann Global Zero geben, wenn Nicht-Atomwaffenstaaten die Abrüstung überwachen."

Abrüsten ist nicht gleich Zerstören

Ein irrwitziger Gedanke, auch juristisch. Denn laut dem Atomwaffensperrvertrag von 1970 dürfen die Atommächte anderen Staaten nicht verraten, wie man die Bombe baut, oder sie dabei unterstützen. (Als Atommächte gelten in diesem Vertrag die USA, die Sowjetunion, China, Frankreich und Großbritannien. Heute besitzen auch Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea Atombomben. Indien, Pakistan und Israel haben den Atomwaffensperrvertrag nie unterzeichnet, Nordkorea hat ihn aufgekündigt.) Wenn ein Nicht-Atomwaffenstaat die Zerstörung von Sprengköpfen überwacht, würden die Inspektoren unweigerlich lernen, wie die Waffen konstruiert sind. Es bestünde die Gefahr, dass noch mehr Staaten Atomwaffen bauen. Ole Reistad hat einen Vorschlag, wie es trotzdem geht.

Wenn er anderen davon erzählt, sagen die zuerst: Es wird doch längst abgerüstet! Das ist nicht falsch. Aber als abgerüstet gilt eine Atomwaffe in den Verträgen zwischen Russland und den USA schon dann, wenn der Sprengkopf von der Rakete entfernt und die Rakete vernichtet wurde. Auch wenn der Sprengkopf nebenan im Bunker liegt. Abrüsten hat mit dem Zerstören von Atombomben derzeit so wenig zu tun wie Abnehmen mit dem Verzehr von Kalorienbomben.

Am Gefrierpunkt des Kalten Krieges, 1986, besaßen die Atommächte zusammen 64.000 atomare Sprengköpfe, davon waren 99 Prozent im Besitz von Amerika und der Sowjetunion. Anfang 2017 zählte das Stockholm International Peace Research Institute zwar nur noch 3.650 strategische Atombomben im Besitz der USA und Russlands. Und laut dem "New Start"-Vertrag sollen beide Staaten ihr Arsenal bis zum 5. Februar 2018 auf zusammen 3.100 Sprengköpfe reduzieren. Zählt man jedoch die ausrangierten, aber funktionsfähigen Sprengköpfe mit, besitzen Amerika und Russland zusammen fast 14.000 Sprengköpfe und alle neun Atomwaffenstaaten zusammen 14.935. Genug, um die Menschheit mehrfach auszulöschen.

Es ärgert mich, wenn Atommächte so tun, als sei der Besitz von Atomwaffen so etwas wie ein Grundrecht.

Ein weiteres Problem bisheriger Abrüstungsverträge: Amerikaner und Russen kontrollieren sich nur gegenseitig. Kann der Rest der Welt ihren Angaben vertrauen? Und: Keiner der übrigen Atomwaffenstaaten hat jemals ein Abrüstungsabkommen unterzeichnet.

Im Lauf der Zeit hat Ole Reistad etwas gelernt: dass die Front in diesem Konflikt nicht zwischen Ost und West verläuft, sondern zwischen Staaten mit und Staaten ohne Atomwaffen. Er sagt: "Es ärgert mich, wenn Atommächte so tun, als sei der Besitz von Atomwaffen so etwas wie ein Grundrecht. Das sind Länder, die nichts gemein haben außer ihrem nuklearen Arsenal. Aber wenn sie in einem Raum sitzen, dann tun sie sich zusammen, um ihre Exklusivität zu verteidigen."

Alle fünf Jahre beobachtet Reistad dieses Ritual. Dann treffen die Mitglieder des Atomwaffensperrvertrags in New York aufeinander, um über Abrüstung zu sprechen. Im Jahr 2005 beherrschte das iranische Atomprogramm den Gipfel. Im Saal wurde rumgeschrien. Die Diplomaten konnten sich nicht einmal auf eine Tagesordnung einigen. Nach zehn Tagen gingen sie ohne Ergebnis auseinander. "Es war eine Katastrophe", sagt Reistad. "Aber jedes Scheitern gibt Menschen die Gelegenheit umzudenken."

Nach diesem Scheitern setzten sich zwei Züge in Bewegung. Sie haben dasselbe Ziel, Global Zero, aber sie nehmen unterschiedliche Wege. Der eine Zug ist die ICAN-Koalition. Sie bringt das Atomwaffenverbot auf den Weg, den Nuclear Weapon Ban Treaty (NBT). Als Vorbild dient die Ächtung der Bio- und Chemiewaffen. Sechs Staaten unterstützen die Idee bei den UN: Österreich, Irland, Mexiko, Brasilien, Nigeria, Südafrika. In dem anderen Zug sitzen die Physiker. Ole Reistad gewinnt mithilfe des norwegischen Außenministeriums die Briten für eine Zusammenarbeit. So entsteht 2007 die UK-Norway-Initiative, die erste Kooperation einer Atommacht mit einem Nicht-Atomwaffenstaat auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle. Einzige Bedingung von Ole Reistad: keine Treffen während Olympischer Winterspiele und Ski-Weltmeisterschaften. Sein Opa hat 1928 eine Goldmedaille gewonnen. Er selbst verfolgt die Spiele am Fernseher oder fährt hin.

Eine Atombombe besteht aus wenigen Kilogramm Plutonium-239 oder Uran-235, umgeben von konventionellem Sprengstoff. Wie viel Sprengstoff? Geheim. Wie viel radioaktives Material? Geheim. Welche Isotopenmischung? Geheim. Form und Gewicht des Sprengkopfs? Geheim. Alles andere? Auch geheim.

Das ist die Herausforderung: Der Atomwaffenstaat präsentiert den Sprengkopf in einer Kiste, die nicht geöffnet werden darf. Die Kontrolleure müssen fremde Schutzanzüge anziehen und wieder abgeben, weil sie andernfalls anhand von Spuren an der Kleidung herausfinden könnten, aus welchen Elementen die Bombe besteht. Sie dürfen keine eigenen Geräte in den Sicherheitsbereich mitnehmen. Von dem Papier, auf das sie Notizen machen, bekommen sie später eine Kopie.

Das klingt paranoid, aber diese Waffen können eine Großstadt auslöschen. Selbst in Atomwaffenstaaten werden die Experten, die Atomraketen warten dürfen, akribisch kontrolliert. Auf den Raketenbasen der USA braucht es vier Menschen, um eine Schraube auszutauschen: Der Erste liest die Anweisungen vor. Der Zweite kontrolliert, ob der Vorleser richtig vorliest. Der Dritte dreht die Schraube raus. Der Vierte kontrolliert den Dritten. Das klingt wie ein Ostfriesenwitz, aber so erzählen es sich die Norweger. Wie sollen die Kontrolleure in Zukunft also feststellen, ob wirklich eine Bombe in der Kiste steckt, die ihnen etwa nordkoreanische Ingenieure vor die Füße stellen? Es ist so, als müssten sie den Inhalt eines Überraschungseis erkennen, ohne das Ei zu öffnen. Röntgen ist tabu, weil es zu viele Details offenbaren würde.

Fingerabdruckvergleich ohne Fingerabdruck

Sechs Übungen haben Norwegen und Großbritannien seit 2007 veranstaltet, um verschiedene Techniken zu testen. Am Tag nach der Nobelpreisverleihung trifft Ole Reistad am Institute for Energy Technology mit Mitgliedern seines Teams zusammen. Der Reaktor seines Instituts wird vor allem von Materialforschern genutzt. Aber der Sicherheitstrakt dient immer wieder auch als Bühne für Abrüstungstheater. Die jüngste Übung allerdings fand im Oktober auf einer ehemaligen Atomwaffenbasis im britischen Norfolk statt. Auch Schweden und die USA nahmen teil. Unter dem Codenamen "Letterpress" spielten rund 50 Experten die Zerlegung eines Sprengkopfs durch.

Die norwegische Atombombe – ist natürlich nur eine Attrappe. © Tine Poppe für ZEIT WISSEN

Dabei kam ein selbst entwickeltes Messgerät zum Einsatz, das eines der wichtigsten Ergebnisse der zehnjährigen Zusammenarbeit ist. Es ist groß wie ein Hifi-Verstärker und hat nur drei Schalter: Kalibrieren, Messen, Verifizieren. Zunächst misst man die Radioaktivität einer echten Atomwaffe. "Das ist wie ein elektronischer Fingerabdruck", sagt Stykaar Hustveit von der norwegischen Strahlenschutzbehörde und zeigt den anderen Fotos aus Norfolk, wo der Sprengkopf mit radioaktivem Cäsium gefüllt war. Anschließend wird die Radioaktivität der Behälter gemessen, in denen sich die mutmaßlichen Sprengköpfe befinden. Stimmt das Profil mit dem Fingerabdruck der echten Atomwaffe überein, signalisiert eine grüne Lampe: Ja, da ist ein Sprengkopf drin. Ja oder nein, mehr erfahren die Kontrolleure nicht. "Es ist ein Fingerabdruckvergleich, ohne dass man den Fingerabdruck sieht", sagt Hustveit. "Information Barrier" steht auf dem Gerät.

Nach zwei Stunden springt Ole Reistad auf, er möchte jetzt noch die norwegische Atombombe zeigen. Sie steht in der Ecke einer Lagerhalle, eine graue Rakete im Farbton F16, etwas größer als er selbst. Auch das ist natürlich nur eine Attrappe. Sie diente 2008 im ersten britisch-norwegischen Rollenspiel als Testobjekt. Ole Reistads Team spielte damals die Atommacht und die britischen Experten den Nicht-Atomwaffenstaat. Ihre Fantasieländer hießen "Königreich Torland" und "Republik Luvania" – ein bisschen Spaß muss sein, sonst wäre das Leben als Abrüstungsexperte zu deprimierend. Nur als Reistad die Bombe auf sein Autodach schnallte und für das Fernsehen quer durch die Stadt chauffierte, war sein Vorgesetzter nicht so begeistert.

Man muss von Oslo aus die Distanz einer Mittelstreckenrakete zurücklegen, um die politische Wucht dieser Übungen zu verstehen. In Hamburg forscht Götz Neuneck am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. Er ist alt genug, um sich noch an die Kubakrise von 1962 erinnern zu können. Er war acht Jahre alt und spielte draußen, als seine Mutter vom Balkon rief: "Heute könnte die Welt untergehen!" Sie suchte den Horizont nach Atompilzen ab. Die Welt ging dann doch nicht unter, und Götz Neuneck konnte Physik studieren und sich später mit Carl Friedrich von Weizsäcker und Egon Bahr für Rüstungskontrolle einsetzen. Er hat die Entspannungspolitik der siebziger Jahre erlebt, den Rüstungswettlauf der achtziger, die Euphorie nach dem Mauerfall, die Stagnation unter George W. Bush, den Optimismus der Obama-Jahre. In seinem Büro hängt ein dickes Bündel mit Namensschildern von Abrüstungs- und Physikkonferenzen.

"Die Norweger haben exzellente Vorarbeit geleistet", sagt Neuneck. Auf Initiative von Barack Obama gründeten 25 Staaten im Dezember 2014 die Internationale Partnerschaft für Atomare Abrüstungsverifikation (IPNDV). Sie baut auf den Erkenntnissen der Briten und Norweger auf. Donald Trump lässt die Initiative bis jetzt gewähren. Ole Reistad ist für Norwegen mit dabei, Götz Neuneck für Deutschland.

Die IPNDV hat die Zerstörung einer Atombombe von der Raketenbasis bis zum Endlager für Atommüll in 14 Schritte unterteilt. Ende vergangenen Jahres verabschiedeten die Delegierten ein Zwischenfazit: "Inspektionsvorschriften und Technologien wie zum Beispiel die Informationsbarriere zeigen einen Weg auf, wie eine multilateral überwachte Zerlegung atomarer Sprengköpfe möglich wird – als Teil eines künftigen Abrüstungsabkommens." Das bedeutet: Die Ausrede, dass man Abrüstung nicht kontrollieren kann, gilt bald nicht mehr. "Auch Wissenschaft und Technik können zur Diplomatie beitragen", sagt Neuneck. Allerdings nehmen Russland und China nur als Beobachter teil, manchmal kommen sie gar nicht.

Und Nordkorea? "Eine Kubakrise in Zeitlupe", sagt Neuneck. "Die politische Konstellation ist heute eine andere, aber die nukleare Gefahr ist manifest."

Machen Atomwaffen die Welt sicherer? Neuneck sagt: "Während des Kalten Krieges gab es sehr viel mehr Nuklearwaffen und keinen Atomkrieg, das spricht für die Logik der Abschreckung. Es gab Unfälle mit Nuklearwaffen, die aber glimpflich abgelaufen sind. Und es gab damals zwei Supermächte, die mit Glück das Arsenal weitgehend kontrollieren konnten. Heute haben wir sehr viel mehr Akteure und in Regionen wie Pakistan und Nordkorea Irrationalität und ganz andere Interessen. Wir müssen die Sorge haben, dass Nuklearwaffen wieder eingesetzt werden: durch Fehlkalkulation."

Der Zug der Physiker und der Zug der Friedensaktivisten, in Oslo kreuzen sich für ein paar Tage ihre Wege. Am Montagabend besucht Ole Reistad mit seiner Frau das Nobel Peace Prize Concert in einer Allzweckhalle, den Abschluss der Feierlichkeiten. Aus Japan sind viele Journalisten angereist, weil der Popstar John Legend gleich auf dem "Atomklavier" spielen wird, einem Instrument aus Hiroshima, das nach dem Zweiten Weltkrieg restauriert wurde und noch schwach radioaktiv strahlt. Der kalte Krieg um die öffentliche Meinung ist immer auch ein Kampf um Symbole.

Die Ginkgobäume im botanischen Garten werden wachsen. Nordkorea wird Athleten zu den Olympischen Winterspielen nach Südkorea schicken. Ole Reistad wird eine neue UN-Abrüstungskommission beraten. Donald Trump wird vielleicht doch einen Abrüstungs-Deal machen, hoffen Reistad und Neuneck. Die Erinnerung an Hiroshima wird abklingen wie die Radioaktivität im Atomklavier. Aber noch ist sie lebendig.

Setsuko Thurlow sitzt während des Nobel-Peace-Prize-Konzerts auf der Ehrentribüne neben der Kronprinzessin. Sie hat für ICAN den Nobelpreis entgegengenommen. "Ich war 13 Jahre alt, als die Vereinigten Staaten die erste Atombombe abwarfen, auf meine Heimatstadt Hiroshima", sagte Thurlow in ihrer Rede. Ihre Schule war 1,8 Kilometer von Ground Zero entfernt. "Um 8.15 Uhr sah ich einen grellen blauweißen Blitz vom Fenster her. Ich erinnere mich an das Gefühl, in der Luft zu schweben. Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und still. Ich wurde von Trümmern zu Boden gedrückt und hörte die schwachen Rufe meiner Klassenkameraden. 'Mama, hilf mir. Gott, hilf mir.'"

Dann spürte sie Hände an ihrer linken Schulter und hörte eine Männerstimme. "Nicht aufgeben. Weiter drücken. Ich versuche, dich zu befreien. Siehst du das Licht durch die Öffnung? Kriech dahin, so schnell du kannst." Setsuko Thurlow kroch aus den brennenden Ruinen und überlebte. 351 ihrer Schulkameraden waren tot. "Unser Licht heute ist das Atomwaffenverbot", sagte Thurlow. "Für alle Menschen in diesem Saal und in der ganzen Welt wiederhole ich die Worte, die ich in den Ruinen von Hiroshima hörte. Gebt nicht auf. Macht Druck. Seht ihr das Licht? Kriecht darauf zu."

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.