Wenn James Brown der "Godfather of Soul" ist, könnte man James Sutherland durchaus als "Godfather of the Smart Home" bezeichnen. Als James Brown 1966 mit Hits wie It’s a Man’s Man’s Man’s World die Charts eroberte, brachte Sutherland in seinem Haus den Echo IV an den Start. Der "Electronic Computing Home Operator", den der junge Ingenieur aus ausgemusterten Rechnerbestandteilen seines Arbeitgebers, der Westinghouse Electric Corporation, zusammengebaut hatte, war der Prototyp eines vernetzten Eigenheims. James Sutherland und seine Frau Ruth nutzten ihn, um Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu kontrollieren, die Fernsehzeit ihrer Kinder automatisch zu begrenzen oder Kochrezepte für die Zahl der Gäste umzurechnen und dazu passende Einkaufslisten zusammenzustellen. Der Echo IV schaffte es am Ende nicht zur Serienreife. Aber die Idee, Wohnungen mit Computertechnik und Sensoren auszustatten, war fortan in der Welt – und wurde begeistert vorangetrieben von Ingenieuren. Das Publikum indes blieb seltsam ungerührt. So ist im Laufe der Jahre der "intelligente Kühlschrank" zum Symbol einer Technologie geworden, die keiner zu brauchen scheint. Oder vielleicht doch?

Welche Smart Homes sind überhaupt schon gebaut worden?

Die ersten kommerziellen Konzepte für eine "Heimautomatisierung" entstanden in den siebziger Jahren. Im Jahr 1975 wurde das X10-System entwickelt, 1984 folgte der Standard CEBus. Mit ihrer Hilfe war es bereits damals möglich, über im Haus verlegte Leitungen Thermostate, Lampen und – mit dem CEBus – auch Alarmanlagen und Unterhaltungselektronik digital zu steuern. Diese frühe Form des Smart Homes war jedoch nur für Neubauten geeignet, in denen Kabel gleich mitverlegt wurden. Eine jüngere Version dieses Ansatzes ist der KNX-Standard, der 2002 von einem europäischen Konsortium entwickelt wurde. In Deutschland sind einige Zehntausend Eigenheime damit ausgestattet. Die Automatisierung ist nicht billig: Rund 15.000 Euro kostet eine vollständige Installation, die Rollläden, Leuchten, Heizung und die Musikanlage steuern kann.

Warum war das Smart Home bisher kein Erfolg?

"Der große Durchbruch ist ausgeblieben, weil das Smart Home bisher ein Luxus war", sagt Andreas Braun vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt, wo er für das Thema Smart Living zuständig ist. Seit Mitte der 2000er Jahre kommen aber immer mehr Geräte auf den Markt, die drahtlos in ein Smart Home eingebunden werden können. Sensoren, die anzeigen, dass ein Fenster noch offen ist, oder "intelligente Thermostate" funken Daten an eine Steuerzentrale, die inzwischen per App auf dem Smartphone aufgerufen werden kann. Das ist nicht nur bequem, sondern für viele, die in Altbauten wohnen, auch eine viel günstigere Alternative zur Verkabelung. In der Theorie.

In der Praxis ist ein wahrer Wildwuchs an Datenprotokollen entstanden, über die die Geräte sich mitteilen. Zigbee, Z-Wave, EnOcean, Thread, AllJoyn oder Dect ULE heißen Standards, hinter denen jeweils internationale Unternehmen stehen. Nur kann eine Zigbee-Zentrale einen Z-Wave-Sensor genauso wenig verstehen wie ein chinesischer Tourist einen deutschen Barkeeper. Die Situation erinnert ein wenig an die Anfangstage des Videorekorders. In dem berühmten Formatkrieg der späten siebziger Jahre mussten sich Verbraucher zwischen Betamax, VHS und Video 2000 entscheiden. Videokassetten des einen Standards konnten auf Geräten eines anderen nicht abgespielt werden.

Ein weiteres Hindernis ist, dass von Plug-and-play, also dem Einschalten und Loslegen, noch keine Rede sein kann. Viele Gerätehersteller versprechen zwar eine schnelle Installation, aber das Netz ist voll von Schilderungen, in denen Nutzer heldenhaft mit der Einrichtung ihrer Smart-Home-Geräte kämpfen. Die eigentlich übersichtliche Steuer-App erkennt sie auch im fünften Anlauf nicht, und wenn es dann doch klappt, kann es zu Überraschungen kommen. Ein Leser der New York Times berichtete, sein intelligenter Thermostat habe im Sommer die Heizung hochgeregelt und so den Goldfisch im nahebei stehenden Glas umgebracht.

Was könnte dem Smart Home zum Durchbruch verhelfen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/18.

Wenige erinnern sich heute daran, dass man bereits im Jahr 2000 mit dem Handy im Internet surfen konnte. Die Seiten liefen in den WAP-Browsern der Mobiltelefone quälend langsam, das mobile Internet kam nicht vom Fleck. Bis Apple 2007 das iPhone herausbrachte. Der Rest ist Geschichte. Die könnte sich nun mit den Smart Speakers, den intelligenten Lautsprechern, für das Smart Home wiederholen. Diesmal ist es nicht Apple, das den neuen Takt vorgibt – sondern der Onlinehändler Amazon, der längst mehr ist als ein Internet-Shop. Mit dem Amazon Echo und dem darin befindlichen Sprachassistenten Alexa hat Amazon einen echten Hit gelandet. Allein im dritten Quartal 2017 hat der Konzern rund fünf Millionen Echos verkauft. Ob der Name "Echo" eine Hommage an James Sutherland ist, wissen nur die Amazon-Strategen. Sicher ist, dass er bereits den Zugang zum Smart Home verändert hat: Anstatt auf einem Bildschirm herumzutippen, können Bewohner nun Alexa mitteilen, dass sie die dimmbare Wohnzimmerlampe etwas dunkler haben wollen.

Und so wie Apple damals einen riesigen Markt für Smartphone-Apps eröffnete, hat Amazon für Alexa die "Skills" eingeführt – Sprachmodule, die von beliebigen Entwicklern für neue Fähigkeiten von Alexa programmiert werden können. Die Konkurrenz zieht mit: Auf dem Google Home wartet der Google Assistant auf Befehle, auf dem Apple HomePod ist es Siri, auf Microsofts Invoke spricht Cortana. Die Telekom will im Frühjahr mit einem eigenen Gerät herauskommen, das man dann mit "Hallo, Magenta" ansprechen muss. Nun ja.