Fische können sehr laut sein, manche von ihnen machen sogar so viel Lärm, dass sie damit anderen im Wasser lebenden Tieren Schaden zufügen. Einem Forschungsbericht der University of San Diego zufolge sind es männliche Trommlerfische, die zur Paarungszeit an den Küsten Kaliforniens mithilfe ihrer Schwimmblasen laute "Trommelwirbel" erzeugen. Und zwar so laut, dass sie damit das Gehör von in der Nähe jagenden Seelöwen und Delfinen dauerhaft schädigen können. Damit halten die Trommlerfische den Lärmrekord unter den Fischen, sind aber bei Weitem nicht die einzigen, die per Geräusch kommunizieren. Heringe etwa teilen sich ebenfalls akustisch mit, wenngleich nicht ganz so laut wie die Trommlerfische. Heringe drücken dafür Luft aus ihrer Schwimmblase in den Verdauungstrakt, und heraus kommen Fürze, die sogar in der Tonhöhe variiert werden können.

Was sich die Heringe auf diesem Weg erzählen, ist noch nicht erforscht, fest steht aber: Fische sind nicht stumm. Auch wenn sie nicht mit ihrem Maul und nicht mit Worten kommunizieren.

Bevor wir nun weitere überraschende Fähigkeiten von Fischen betrachten, möchte ich auf unseren generellen Umgang mit dieser Tiergruppe zu sprechen kommen. Kulinarisch werden sie nicht immer zu den Tieren gerechnet, wie das traditionelle christliche freitägliche Fischgericht zeigt: Da an diesem Tag gefastet werden soll, kommt Fisch auf den Tisch. Der ist schließlich nicht warmblütig und hat somit kein richtiges Fleisch. Ist es möglich, dass sich hier auch unsere Einschätzung von Fischen spiegelt? Trennen wir moralisch noch immer Fische und andere Wirbeltiere?

Stellen Sie sich bitte einmal vor, Wildschweine würden mit einem großen Netz gefangen und anschließend kollektiv im nächsten Weiher ertränkt. Solcherart gewonnenes Fleisch wäre sicher unverkäuflich, abgesehen davon, dass eine derartige Praxis mit verschiedensten Gesetzen kollidieren würde. Vor allem wären es moralische Skrupel, die jeglichen Handel mit derart zu Tode gekommenen Tieren verhindern würden. Und bei Fischen? Sie werden genau so, also massenhaft im Netz, gefangen – der Unterschied ist lediglich, dass sie an Land ersticken und nicht im Wasser.

Doch darüber regt sich kaum jemand auf. Diskutiert wird meistens über zu hohe Entnahmemengen, also über die sogenannte Überfischung, die zu einem Rückgang etlicher Bestände geführt hat. Es ist also an der Zeit, sich für diese Tiergruppe einzusetzen. Emotionale Verbindungen gibt es reichlich, wir müssen nur genauer hinschauen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/18.

Wenn ich bei meinen Waldführungen die Teilnehmer frage, was für sie das Wichtigste in ihrem Leben ist, dann nennen sie oft "Liebe" oder "Glück". Wer glücklich ist, hat für den Moment alles, was er braucht. Durch unsere Adern werden dann Hormone gespült, etwa Oxytocin. Hormone ermöglichen Verhaltensweisen, die den Verstand zunächst "überspringen" – deshalb gibt es viele Gefühle, die zumindest auf den ersten Blick nicht immer sinnvoll erscheinen. Angst etwa ist die korrekte Antwort Ihres Körpers, wenn Sie allein in der Savanne unterwegs sind und in der Ferne Löwen entdeckt haben. Die Spinne im Schlafzimmer hingegen bedroht Sie nicht und löst trotzdem bei vielen Menschen eine analoge hormongesteuerte Reaktion aus: Angst.

Die Angst ist übermächtig, da hilft es auch nicht, die Emotion ins Bewusstsein zu holen und den Verstand einzuschalten. Denn unser Verstand ist entwicklungsgeschichtlich jünger und deutlich langsamer als die reflexhaft einsetzende Angst. Der freie Wille kapituliert vor hormongesteuerten Abläufen (wie unzählige Diätratgeber beweisen, die nur deshalb so zahlreich sind, weil auch sie dieses Dilemma nicht auflösen können). Das zu erleben ist für uns Menschen besonders unangenehm, weil uns dieses Dilemma bewusst ist.

Ein messbares Schmerzecho

Aber was haben nun Fische mit Ihrer Angst vor Spinnen und vor Löwen zu tun? Auch bei Fischen wurde Oxytocin nachgewiesen. Heißt das, dass auch Fischstäbchen aus Lebewesen hergestellt werden, die lieben können? So weit ist die Forschung noch nicht, doch es drängt sich die Frage auf: Können Fische etwa Emotionen bewusst wahrnehmen, haben sie also Gefühle? Wir kennen unsere Emotionen dadurch, dass sie uns als Gefühle bewusst werden. Unser Bewusstsein ist auch maßgeblich dafür verantwortlich, wie lange wir etwas von unseren Gefühlen haben. Wissenschaftlich werden Langzeitgefühle als "Stimmungen" bezeichnet. Das heißt, wir kosten ein Gefühl aus, egal ob es positiv oder negativ ist, wir sind in der Lage, es zu reflektieren. Liebe beispielsweise kann über einen längeren Zeitraum, also über Jahre oder Jahrzehnte, anhalten und wird nicht nur reflexhaft für einen Moment, beispielsweise beim Anblick unserer eigenen Kinder, ausgelöst und erlebt. Ebenso ist es mit der Angst.

Manche Menschen trauen sich nachts, nachdem sie einen Horrorfilm gesehen haben, nicht mehr allein auf die Toilette. Verantwortlich dafür ist unser Verstand, der eine Art "Nachklang" erzeugt: Wir erleben Gefühle bewusst – nach dem filmischen Horror ängstigen wir uns auch in der Realität. Ist das bei Fischen auch so?

Dass sie Schmerz empfinden können, ist unbestritten. Doch haben sie ebenfalls ein Bewusstsein dafür? Diese Frage versuchten Biologen zu beantworten, indem sie untersuchten, wie und wo Fische wahrgenommene Reize verarbeiten. Peter Laming und sein Team von der Queens University in Belfast piksten dafür Goldfischen in die Kiemendeckel. Sie prüften, wo die Reize messbar waren. Bei reinen Reflexen wäre im Rückenmark Endstation – hier werden (auch bei uns) Signale verarbeitet und vollautomatische Reaktionen eingeleitet. Ob Schmerzen bei solchen Prozessen als Beeinträchtigung des Wohlbefindens überhaupt relevant sind, ist nicht zu klären. Reflexreaktionen wie etwa das Verengen der Pupille bei starkem Lichteinfall werden ebenfalls nicht bewusst wahrgenommen.

Doch bei den Fischen wurden nicht nur im Rückenmark, sondern auch im Gehirn Aktivitäten gemessen, quasi als Schmerzecho – und zwar in drei verschiedenen Arealen: Eines davon nennt sich Telencephalon oder Endhirn. Beim Menschen steckt hier der Verstand. Auch wenn der bei Fischen deutlich primitiver aufgebaut ist, steht für viele Wissenschaftler fest: Fische können Schmerz empfinden, er ist nicht nur Teil einer Reflexhandlung. Das zeigt auch ihr Lernvermögen. Laming stattete seine schwimmenden Probanden mit Elektroden aus, die in einer bestimmten Ecke des Aquariums Stromstöße aussandten. Die Fische lernten, diese Ecke zu meiden. Offensichtlich konnten sie sich an den Schmerz erinnern. Genau das tut das menschliche Bewusstsein: Es hält die Erinnerung an Gefühle wach.

Wenn sich Fische also in ähnlicher Form an Gefühle erinnern, müssen wir uns fragen, zu welchen Gefühlen Fische außerdem in der Lage sind. Weil sich in Experimenten Schmerzreaktionen einfacher erzeugen und eindeutiger interpretieren lassen als Wohlbefinden oder gar Liebe, sind negative Gefühle besser erforscht als positive. Doch was spricht dagegen, dass Fische nicht nur zu negativen, sondern auch zu positiven Gefühlen in der Lage sind? Dazu passt der Befund, dass Fische ebenfalls das Hormon Oxytocin produzieren. Ob es allerdings auch vergleichbare Gefühle wie bei uns Menschen auslöst, bleibt weiterer Forschung vorbehalten. Ich denke aber, dass wir nicht nur bei Schweinen und Rindern, Hühnern und Kälbern darüber diskutieren sollten, wie wir sie nutzen, sondern auch bei Fischen.

Die Frage ist also: Wie wollen wir zu Gefühlen fähige Fische fangen, sie töten und zum Verzehr bereitstellen?