Am 21. April 2017 feiert die Queen ihren 91. Geburtstag, es ist ein kühler Tag in Großbritannien. Unter den vielen Geschenken ist allerdings eines, von dem sie erst später aus den Nachrichten erfahren wird: Zum ersten Mal seit 125 Jahren ist an jenem Freitag einen ganzen Tag lang keine einzige Kilowattstunde Strom durch die Verbrennung von Kohle erzeugt worden. Und das im Mutterland der Industrialisierung.

Ende 2017 war der Anteil von Kohlestrom am britischen Strommix gar auf ein historisches Tief von sieben Prozent gefallen, während Kohle zum deutschen Strommix immer noch gut 40 Prozent beiträgt. Damit hat Großbritannien binnen fünf Jahren die CO₂-Emissionen aus seiner Stromerzeugung halbiert – eine Verringerung, von der Deutschland nur träumen kann. Was ist da passiert?

Hatten die Briten nicht jahrelang die Energiewende verschlafen? Während das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz aus dem Jahr 2000 bald von Ländern in aller Welt kopiert wurde, setzte Großbritannien auf ein anderes Fördersystem, das lange keine Früchte trug. Im Jahr 2011 hatten erneuerbare Energien auf der Insel nur einen Anteil von knapp 10 Prozent an der Stromerzeugung, während Deutschland stolze 20 Prozent vermeldete. Ein Jahr später war der Anteil des Kohlestroms in Großbritannien sogar um ein Drittel gestiegen. Doch die Regierung reagierte: Im folgenden Jahr läutete sie die Energiewende auf Britisch ein, den Kohleausstieg.

"Ich bin immer noch überrascht, wie weitgehend und wie schnell der Wandel eingetreten ist", sagt der Energieforscher Iain Staffell vom Imperial College in London. "Deutsche Politiker sollten sehr genau hinschauen, was in Großbritannien passiert ist." Das Erfolgsgeheimnis hinter dem britischen Kohleausstieg, der bis 2025 abgeschlossen sein soll, ist nicht kompliziert. Am 1. April 2013 trat ein System namens carbon price floor in Kraft. Es verteuerte den Kohlestrom drastisch.

Dazu muss man wissen, dass Energieerzeuger sich im Emissionshandel der EU für jede Tonne CO₂, die sie für die Stromerzeugung in die Atmosphäre ausstoßen, ein Zertifikat kaufen müssen. Das Problem: Es gibt zu viele Zertifikate. Der Überschuss beträgt inzwischen zwei Milliarden Stück. Ihr Preis ist deshalb im Laufe der Jahre deutlich gesunken, zwischenzeitlich auf nur noch fünf Euro pro Tonne CO₂, derzeit sind es knapp sieben Euro. Kohle wiederum ist auf dem Weltmarkt immer billiger geworden, seit die USA vor zehn Jahren mit der massiven Erdgasförderung begannen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/18.

Beides, der niedrige Preis der Zertifikate und die erschwingliche Kohle, hatte zur Folge, dass Kohlestrom sehr günstig zu produzieren war. Diese Chance ließen sich die britischen Stromerzeuger nicht entgehen, und so kam es 2012 zum Anstieg des Kohlestroms. Die britische Regierung führte deshalb einen Zuschlag ein. Der ist auf jede Tonne CO₂-Emissionen an das Finanzministerium zu zahlen und beläuft sich auf 18 Pfund, umgerechnet etwa 20 Euro.

Dank dieses angehobenen carbon price floor wurde Kohle schlagartig teuer. Erdgas, dessen Preis bis dahin über dem von Kohle gelegen hatte, war plötzlich stark nachgefragt. "Großbritannien hatte viele Gaskraftwerke, die nur schwach ausgelastet waren", sagt Staffell. Seit 2014 sind mehr als zwei Dutzend Kohlekraftwerke vom Netz gegangen, während die Gaskraftwerke hochgefahren wurden. Acht Kohlekraftwerke sind nun noch am Netz, spätestens 2025 sollen sie abgeschaltet werden.

Moment, könnte man einwenden. Stoßen Gaskraftwerke nicht auch CO₂ aus? Geht es nicht darum, erneuerbare Energien zu fördern? Und will nicht Großbritannien, anders als Deutschland, seine Kernkraftwerke weiterlaufen lassen? Die Antwort lautet dreimal: ja, aber.