Die natürliche Stimmlage eines Menschen heißt Indifferenzlage. In dieser kann jeder ohne Mühe längere Zeit sprechen. Sie zu finden dauert nur wenige Sekunden: Man stelle sich einfach ein entspanntes Gespräch vor, bei dem man gelegentlich ein bekräftigendes "Mmh ... mmh" von sich gibt. Fertig. Dieser Ton entspricht unserer natürlichen Stimmlage.

"Der Körper ist unser Instrument", sagt Cornelia Moore. Und so wie niemand von einem Klavier erwarte, dass es wie ein Cello klinge, sollten wir auch unsere Stimme so annehmen, wie sie ist.

Wie stark Erwartungen Stimmen aber beeinflussen können, zeigt ein interessantes Phänomen: Seit ein paar Jahrzehnten werden die Stimmen der Frauen in mehreren europäischen Ländern immer tiefer. Soziologen halten das für eine Folge der Emanzipation – zumal eine Studie ergab, dass Frauen im fortschrittlichen Norwegen tiefer sprechen als jene im konservativen Italien.

Die Stimmlippen der Frauen sind meist kürzer und dünner als die von Männern und schwingen dadurch vergleichsweise schnell. Je schneller die Schwingung, desto höher der Ton. Das gilt für eine Geige ebenso wie für einen Menschen.

Die Emanzipation aber bringt keine Mädchen mit verändertem Sprechapparat hervor, erst recht nicht so schnell. Das Absinken der Stimmen, so die Vermutung der Wissenschaftler, deute vielmehr darauf hin, dass die Art, wie wir sprechen, auch Rollenvorstellungen offenbart: Wer Schutzbedürftigkeit ausdrücken will, spricht höher, Stärke hingegen klingt tiefer.

Und auch die Hörgewohnheiten sagen etwas über die Ideale einer Gesellschaft aus. Es ist kein Zufall, dass Alexa, Siri und Cortana, die Ansagen von Navigationssystemen oder die in der S-Bahn alle weiblich klingen. Im Alltag lassen wir uns lieber von Frauen sagen, wo es langgeht – das hat eine Studie der Indiana University Bloomington bestätigt, zumindest bei digitalen Sprachassistenten. Dazu gibt es verschiedene Erklärungsansätze: Eventuell liegt es an der frühkindlichen Prägung, die uns lehrt, dass die Mutter allwissend ist. Oder daran, dass Auskunftstätigkeiten in der Vergangenheit meist von Frauen ausgeübt wurden. Oder aber es hat schlicht einen akustischen Grund: Weibliche Stimmen sind in einer lauten Umgebung einfach besser herauszuhören.

Stimme ist Anziehung

"Mehr als die Schönheit selbst bezaubert die liebliche Stimme", schrieb einst der Dichter Johann Gottfried von Herder. Und auch etwa 250 Jahre später scheint das noch zu gelten. Bei einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK, durchgeführt im Auftrag einer Datingplattform, gaben zwei von drei befragten Personen an, Stimme spiele eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl.

Das Grundprinzip dieser Anziehungskraft ist wissenschaftlich gut erforscht: Es geht, wie so häufig, um Fortpflanzung. Wie aus breiten Schultern und breiten Hüften ziehen wir auch aus dem Klang der Stimme Rückschlüsse darauf, ob das Gegenüber sich zum Kinderzeugen eignet oder nicht.

Die Forschung betrachtet Männer und Frauen bei solchen Fragestellungen dementsprechend stets als potenzielle Partner, das gleiche Geschlecht dagegen als potenzielle Konkurrenz. Homosexualität oder Abweichungen vom binären Geschlechtssystem finden kaum Beachtung. Zum Teil auch aus Mangel an Probanden. Heraus kam: Frauen vermuten hinter tiefen Männerstimmen attraktive Menschen, Männer verbinden damit dominante Typen. Dass tiefe Männerstimmen auf Frauen anziehend wirken, ist vielfach erwiesen. Die Rückschlüsse aber, die Probandinnen in Studien daraus zogen, waren meist falsch: Körpergröße, Muskelmasse oder Brustbehaarung eines Mannes lassen sich aus dessen Stimmklang nicht zuverlässig ableiten.