Claudia Peterson wuchs in Cedar City im US-Bundesstaat Utah auf, 300 Kilometer östlich der Nevada Test Site. In den fünfziger Jahren detonierten in Nevada rund 100 Atombomben oberirdisch. Nach einer Testserie Anfang 1953 verendete ein Viertel aller Schafe im Fallout-Gebiet. Wie viele Krebsfälle unter Menschen auf den Fallout zurückgehen, ist schwer zu ermitteln, weil viele junge Erwachsene wegzogen.

ZEIT Wissen: Frau Peterson, wann haben Sie zum ersten Mal eine Atombombe explodieren sehen?

Claudia Peterson: Als ich 1955 geboren wurde, wurden in Nevada schon im fünften Jahr Atombomben getestet. Ich erinnere mich nur an einen einzigen Test. Ich wuchs auf einem Bauernhof im Süden Utahs auf, und eines Abends saß ich mit meinem Bruder auf der Schaukel, als ich plötzlich einen Riesenfeuerball über dem Horizont aufsteigen sah. Ich rannte ins Haus und rief meiner Mutter zu, dass ein Ufo zu sehen sei. Als sie rauskam, hatte sich die Wolke schon wieder verflüchtigt. Wir gingen wieder nach drinnen, als wäre nichts Besonderes passiert.

ZEIT Wissen: Die Regierung ließ in Nevada hundert überirdische Kernwaffentests durchführen. Gewöhnten sich die Leute daran?

Peterson: Die Einwohner von St. George erzählten oft, wie sie mit ihren Familien auf die Redhills gingen und beim Picknick die Atomblitze am Horizont beobachteten. Es war wie eine Grillparty unter Nachbarn.

ZEIT Wissen: Hatte niemand Angst vor der radioaktiven Strahlung?

Peterson: Am Anfang nicht. Wir aßen alles aus dem Garten, wir tranken die Milch unserer Kühe, wir schwammen in den Teichen und spielten in den Gräben. Das Fleisch kam von unseren Hühnern und Rindern. Ich hatte einen älteren Bruder und eine ältere Schwester – eine idyllische Kindheit. Nachdem ich eingeschult worden war, kamen eines Tages Angestellte der Atomenergiebehörde in schwarzen Anzügen in die Schule. Die sahen aus wie die Blues Brothers.

ZEIT Wissen: Was wollten die dort?

Peterson: Sie brachten Geigerzähler mit und erzählten uns, sie würden die Schilddrüsen untersuchen. Wenn die Messgeräte Alarm schlugen, sagten sie: Macht nichts, du hattest wohl mal eine Röntgenaufnahme beim Zahnarzt. Dann gingen wir in den Keller der Schule, und man erzählte uns, wo wir uns verstecken müssten, wenn die Russen uns bombardierten. Im Unterricht ging es immer nur um die Frage, was die Russen uns alles antun würden. Nicht darum, was unsere eigene Regierung uns damals antat. Es gab so viel Propaganda. Wir sollten stolz darauf sein, an diesen historischen Ereignissen teilzuhaben, die so wichtig für die nationale Sicherheit seien.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/18.

ZEIT Wissen: Wann schöpften die Menschen Verdacht, dass der Fallout der Atomwaffentests gesundheitsschädlich sein könnte?

Peterson: Als Kind hielt ich es für das Normalste der Welt, haufenweise Kadaver von missgebildeten Lämmern zu sehen, einige mit zwei Köpfen. Dann gab es erste Gerüchte. Meine Mutter und mein Vater wussten davon, aber wir waren so damit beschäftigt, unser eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen. Wir haben dem wenig Bedeutung beigemessen. Allerdings, wenn ein Test angekündigt wurde, sollten wir nun drinnen bleiben. Meine Mutter hängte an diesen Tagen auch keine Wäsche nach draußen. Sie arbeitete als Krankenschwester und sagte uns, sie habe ein schlechtes Gefühl wegen der Tests. Es war aber nicht so, dass uns irgendjemand gewarnt hätte.

ZEIT Wissen: Wurden die Tests immer angekündigt?

Peterson: Nicht immer. Ich habe später erfahren, dass die großen Tests angekündigt wurden, damit die Fensterputzer in Las Vegas unten blieben. Nicht dass sie irgendwie in Deckung gehen sollten, sie mussten einfach am Boden bleiben. Manchmal wurde den Leuten geraten, die Autos abzuwaschen, wenn sie durch St. George gefahren waren. Aber niemand riet uns, dass die Kinder drinnen bleiben oder duschen sollten. Die Propaganda trichterte uns nur ein, dass die Bombe Amerikas Sicherheit garantiere. Meine ganze Kindheit hindurch begleitete mich die Angst, was die Russen mir wohl antun würden.

ZEIT Wissen: Wann wurde offensichtlich, dass der Fallout gefährlich war?

Peterson: Einige Leute hatten die Regierung auf Schadensersatz verklagt, wegen der toten Lämmer. Die Behörden sagten: Es war ein kalter Winter, und die Tiere haben nicht genug Futter bekommen. Wir wussten alle, dass das eine Lüge war. Die verloren buchstäblich ihre Wolle und kippten um. Tausende von Schafen waren nach einem der Tests gestorben. Als ich in der sechsten Klasse war, erkrankte einer meiner Klassenkameraden an Leukämie. Es war eine kleine Schule, 45 Kinder in meinem Alter, ich weiß noch, wie traurig ich war, als er starb. Kurz darauf erkrankte ein Schüler an Knochenkrebs und starb ein Jahr später. Eine gute Freundin meiner Mutter wurde krank und verstarb, sie war jung. Ihr Arzt sagte, das könnte an der Strahlung liegen. Die Indizien häuften sich, aber viele Leute sagten immer noch: Die Regierung würde uns niemals Schaden zufügen.