Ein paar Minuten nachdem Rich Lee versucht hat, seine DNA zu verändern, setzt er sich auf sein Sofa und filmt sich mit dem Handy. Er wohnt in einem blauen Holz-Bungalow neben der Autobahn in St. George, Utah, es ist ein Sonntagvormittag im Januar, und viele seiner Nachbarn sind beim Gottesdienst im Mormonentempel. Lee ist schon lange nicht mehr bei den Mormonen, deshalb arbeitet er ja auch an einer Lebensverlängerung für Atheisten.

Er schaut in die Handykamera und sagt: "Es ist 11.15 Uhr, und ich habe mir gerade ein Myostatin-Knockout-Plasmid gespritzt." Es handelt sich um Crispr, so heißt das neue Universalwerkzeug zur Genmanipulation, das seit einigen Jahren Forscherinnen und Forscher in aller Welt elektrisiert. Rich Lee ist kein Wissenschaftler. Er hat kein Labor, sondern braut den Crispr-Wirkstoff in der Garage zusammen. "Mal sehen, was passiert", sagt er ins Handy, "ich muss sichergehen, dass ich keine Immunreaktion oder so etwas habe. Im Moment sieht alles gut aus. Abwarten."

Das Myostatin-Gen kontrolliert das Muskelwachstum, und die Flüssigkeit, die Rich Lee sich in den Bizeps injiziert hat, soll dieses Gen ausschalten. Biomediziner haben etwas Ähnliches an Embryos von Mäusen, Hunden, Kaninchen, Ziegen, Schweinen und Rindern ausprobiert. Als die Tiere groß waren, hatten sie doppelt so viel Muskelmasse wie unbehandelte Artgenossen. Keine Ethikkommission der Welt würde erlauben, solche Experimente an Menschen zu machen. Deshalb experimentiert Lee an sich selbst. Er ist seine eigene Ethikkommission.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Eineinhalb Stunden nach der Injektion postet er das Video auf Facebook: "Update 12.58 Uhr: Ich bin nicht tot. Ich habe keine Immunreaktion. Keine spürbaren Nebenwirkungen." 38 Likes.

Es ist nicht das erste Mal, dass Rich Lee seinen Körper malträtiert. Er hat zurzeit sechs Implantate, eingesetzt von seinem Freund Jeffrey in einer zum OP-Saal umfunktionierten Garage hinter einem trailer home in Südkalifornien. Sein erstes Implantat, eingesetzt 2009, war ein kleiner Magnet unter der Kuppe des linken Ringfingers. Lee möchte damit seine Sinne erweitern. Er spürt ein Kribbeln, wenn die Mikrowellen sein Essen aufwärmen.

Früher war noch ein Ehering an dem Finger, heute ist der Magnet allein. Später kamen hinzu: ein kleiner Magnet im rechten Mittelfinger und zwei Magneten in den Ohren, mit denen er leidlich Musik hören kann, wenn er statt Kopfhörern Drahtspulen aufsetzt. Außerdem ein RFID-Chip in der linken Hand, den er nicht mehr benutzt. Und ein Mikrochip im rechten Vorderarm, den man normalerweise Rindern zur Temperaturmessung unter die Haut setzt. Zuletzt hat ihm Jeffrey Schienbeinschützer implantiert, die bei einem Aufprall hart werden sollten, aber die musste Lee schon nach wenigen Tagen wieder rausziehen, weil die Narben eiterten.

Bodyhacker nennen sich Menschen, die ihren Körper mit Technik verschmelzen, und Rich Lee ist einer der bekanntesten. Er wurde bis nach Russland zu Konferenzen eingeladen, Medien in Brasilien, Europa, Japan und Australien berichten regelmäßig über ihn. Die britische Sun titelte, er wolle seinen Penis in einen batteriebetriebenen Vibrator umbauen. Das ist nicht ganz falsch. In seiner Garage, zwischen Angeln, Werkzeug, Farbeimern und einem Hirschgeweih arbeitet Lee an einem Gerät, das, über dem Schambein implantiert, beim Sex die Partnerin stimulieren soll. Die Erfindung ist noch nicht serienreif, und aus den erhofften Einnahmen will Rich Lee eigentlich nur seine Schulden begleichen.

Aber das sind Spielereien, verglichen mit dem Versuch, seine eigene DNA mit einem genverändernden Cocktail zu manipulieren. An jenem Sonntag im Januar, als Lee eine Spritze in beide Oberarme pikste, erreichte er das nächste Level: Er wurde vom Bodyhacker zum Biohacker. Mit dabei war ein Kamerateam von Netflix. Die Doku-Serie soll im kommenden Jahr ausgestrahlt werden. Der Regisseur ist auf Spielfilme spezialisiert, aber die Biohacker-Realität überflügelte seine Fantasie.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/18.

Sicher, man kann diese Leute für durchgeknallt halten. So versuchte es zumindest Lees Ex-Frau vor dem Amtsgericht von St. George darzustellen, als die beiden um das Sorgerecht für ihre Kinder stritten. Ein Biohacker ist ein Freak, der mit seinen Selbstversuchen die Kinder traumatisiere, so ungefähr war die Argumentation. Aber damit macht man es sich zu einfach.

Die Bio- und Bodyhacker können sich zumindest auf eine lange Tradition berufen. Der sumerische König Gilgamesch von Uruk suchte vor gut 4.000 Jahren ein magisches Kraut, um die Unsterblichkeit zu erlangen. Im Mittelalter experimentierten die Alchemisten mit allerlei Lebenselixieren. Später träumte Nietzsche davon, einen "Typus höchster Wohlgerathenheit" zu züchten, den Übermenschen. Dann kamen die Nazis und brachten solche Ideen in Verruf. Deshalb ist heute seltener vom Übermenschen die Rede und häufiger vom Transhumanismus und dem Nachfolger des Homo sapiens: dem posthuman.