Charisma sei eine Gnade, behauptet die Bibel. Coaches sagen, Ausstrahlung, wie manche Künstler oder Politiker sie besitzen, könne man erlernen. Aber was ist überhaupt Charisma? Persönlichkeit? Stil? Ein Effekt einer Inszenierung? Ein magisches Resultat aus Hoffnungen und Projektionen? Jesus Christus und Julius Caesar galten als Charismatiker. Mutter Teresa, Adolf Hitler oder Barack Obama. Kein Begriff ist so aufgeladen. Und wieso diese erstaunliche Renaissance eines einst biblischen Wortes?

Was ist Charisma in unserer heutigen Zeit? In einer Zeit, die zu komplex, zu unsicher geworden scheint und in der man sich von der Zukunft schon gar keine Verlässlichkeit mehr erhofft. Liegt der eigentliche Wert da vielleicht im Vergangenen? Sind die Charismatiker jene, denen deutlich klar ist, wie sie wurden, wer sie sind? Wo genau ihre Wurzeln liegen? Liegt die Ausstrahlung deswegen nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit?

Wer bin ich? Warum bin ich? Diese Fragen waren dem Designer William Fan immer schon wichtig. Ein Showroom in Berlin-Mitte, Fan serviert Tee. Selbst wenn es darum ginge, einen Türknauf zu bestellen, frage er sich, bin das ich, passt das zu meinen Räumen? Und erst wenn Fan die Antwort findet, reagiert er. Ein Typ, der in sich ruht.

Trotz der Ruhe hat er es schnell nach oben geschafft. William Fan ist innerhalb kürzester Zeit in einer hart umkämpften Branche aufgestiegen, in einer Branche, in der jeder gern strahlen und glänzen möchte. Nur drei Jahre brauchte er von der Meisterschule bis zum eigenen Unternehmen: Die "Fan Dynasty", so hieß eine seiner Kollektionen. Fans Konzept ist es, mit seinem Label seine eigene Geschichte zu erzählen. Es ist eine sehr nach innen gekehrte Haltung, aber die macht ihn unverwechselbar. Sein Label trägt seinen Namen. Von Saison zu Saison steht in den Modezeitschriften geschrieben: Wieder erfahren wir mehr von Fans persönlicher Geschichte und Vergangenheit. Einmal lockte Fan mit seiner Kollektion in ein imaginäres Chinatown und erinnerte damit an seine Eltern, Hongkong-Chinesen, die nach Deutschland immigriert waren. Ein anderes Mal zitiert Fan seine Jugend, ein Kinderzimmer in Garbsen, passend dazu Kapuzenpullis, Baggyhosen und bunte, metallen glänzende Techno-Stoffe. Die Gefühlswelt eines pubertierenden William in der westdeutschen Provinz.

Es sei ein offenes Geheimnis, sagt William Fan, dass er immer das Gleiche mache. Wohlgemerkt in einer Branche, die sonst von den schnellen Modewechseln lebt wie keine zweite. Immer wieder die Referenz auf seine Herkunft, seine eigene Geschichte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/18.

Seine Designs werden als selbstbewusst, cool und charismatisch beschrieben. Übrigens gilt das auch für seine Person. Aber warum? Fan versucht sich selbst zu erklären: "Meine Kleider haben Volumen, das sind keine knallengen Röhrenjeans, damit nimmt man Raum ein. Mit den Schnitten geht man außerdem ein bisschen aufrechter."

Trotzdem, woher kommt das Charisma? "Von einem positiven Kern. Ich glaube, der Ursprung hat immer einen positiven Kern, und wenn man den mit Leichtigkeit nach außen transportieren kann, entsteht automatisch Charisma."

Dass uns die Philosophie der Mode etwas über den Menschen und seine Geschichte erzählt, hat schon der berühmte Soziologe Georg Simmel beschrieben. Seine Grundannahme: Das Phänomen Mode spiegele den Dualismus von Nachahmung und Absonderung. Und damit die ganze Geschichte der Gesellschaft, den ewigen Kampf, die immer streitenden Kräfte, die gewonnenen und verlorenen Versöhnungen, die Verschmelzung mit unserer sozialen Gruppe und gleichzeitig die individuelle Heraushebung. Das ganz Große im Kleinen.

Vielleicht ist es mit dem Charisma wie mit einem eingängigen Popsong. Das Schönste an der Popmusik ist doch: Noch immer gibt es Lieder, die innerhalb von ein paar Minuten das gefühlte Wissen von ein paar Hundert Buchseiten vermitteln können. Wenn man sich Charisma einmal nicht an eine Person gebunden vorstellt, was wäre das dann? Wäre dieser Gegenstand eher neu, oder wäre er eher antik?

Wäre dieser Gegenstand vielleicht wie ein Eames-Chair? Ein Stuhl, der nicht mehr einfach nur als Stuhl wahrgenommen wird, weil er zugleich in die Geschichte von Ray und Charles Eames und damit wiederum in die gesamte Geschichte des amerikanischen Modernismus der 1970er Jahre eingebettet ist – also an narrativer Komplexität gewinnt.

"Davon lebt doch die gesamte Luxusindustrie", sagt William Fan, "von den Ikonen ihrer eigenen Historie." Luxus. Wenn man schon alles hat und sich dann noch aufwerten will, braucht es etwas wirklich Besonderes. Vielleicht ist Charisma am ehesten vergleichbar mit einem Schmuckstück, vielleicht ist es wie ein seltener Diamant?