Und wie lässt sich diese verfahrene Situation überwinden? Wie kann geschehen, was geschehen muss? Das Konzept der Ökoroutine macht hier einen ganz einfachen Vorschlag: Lasst uns Strukturen ändern statt Menschen. Anders gesagt: Verhältnisse ändern Verhalten. Erlöst die Konsumenten von den permanenten Moralappellen! Die machen nur schlechte Stimmung und bewirken kaum etwas. Stattdessen sollten wir die Standards heben und Limits definieren.

Mithilfe von steigenden Standards könnten wir beispielsweise schrittweise auf vollständigen Ökolandbau umstellen. Dafür müsste man nur die Verwendung von Pestiziden und Düngemitteln weiter beschränken. Das Regelwerk ist vorhanden. Schon heute schreibt die Europäische Union den Landwirten detailliert vor, welche Grenzwerte einzuhalten sind. Ein Fahrplan für die Agrarwende müsste nur noch vorgeben, in welchem Ausmaß und Zeitraum der Einsatz von Chemie und Dünger zu reduzieren ist. Das kann eine großzügige Zeitspanne sein, etwa bis zum Jahr 2030. Die Zulassung des Ackergifts Glyphosat wird wohl nicht erneut verlängert werden. Das ist ein Anfang.

Da der Ökolandbau teurer ist als konventionelle Landwirtschaft, werden die Preise langfristig etwas steigen. Das geschieht jedoch nicht von heute auf morgen, sondern allmählich, sodass man den Preisanstieg für Kartoffeln, Gurken oder Äpfel kaum wahrnehmen wird. Zumal die Deutschen ohnehin extrem wenig Geld für Lebensmittel ausgeben.

Bei hundert Prozent Biolandwirtschaft sinken auch die Produktions-, Verarbeitungs- und Vertriebskosten. Das würde im Übrigen das Ende der Zweiklassengesellschaft am Mittagstisch einläuten.

Sie denken vielleicht: Schön, wenn es so einfach wäre! Doch das Konzept der Ökoroutine ist in der Praxis bereits erprobt. Weitgehend unbemerkt haben Politiker im Jahr 2003 den Auslauf für Legehühner in der EU verdoppelt, mit Übergangsfristen für die Landwirte. Und siehe da: Die Landwirtschaft hat mit steigenden Standards kein Problem, solange sie für alle Mitbewerber in der Union gelten. Vor Kurzem erklärte Philipp Skorning, Chefeinkäufer von Aldi Süd, er würde höhere Standards begrüßen – am besten EU-weit.

Auch Elektrogeräte, Häuser und Autos wurden effizienter, nachdem die gesetzlichen Standards schrittweise erhöht wurden. Beispielsweise hatten unsere Geräte im Wohnzimmer häufig einen Stromverbrauch von 30 Watt, wenn sie scheinbar ausgeschaltet waren. Die Stand-by-Verordnung der EU hat den Maximalverbrauch auf 0,5 Watt begrenzt. Von den eingesparten Stromkosten profitieren 500 Millionen Konsumenten in der Europäischen Union. Und auch Gebäude müssen heute viel energieeffizienter sein.

Durch die gleiche Methode könnten alle ab dem Jahr 2028 zugelassenen Autos emissionsfrei sein. Wie die Automobilindustrie dieses Ziel erreicht, darüber muss sich die Politik nicht den Kopf zerbrechen. Darum werden sich die Ingenieure kümmern. Statt mit moralischen Appellen von den Konsumenten das "richtige" Verhalten einzufordern, ist es doch viel effektiver, die Produktion zu verbessern.