Nach ›lieben‹ ist ›helfen‹ das schönste Zeitwort der Welt", schrieb die österreichische Schriftstellerin Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt. Ihr Aphorismus zeigt, wie sehr das Helfen in der abendländischen Kultur auch emotional aufgeladen ist. Schon in der Bibel, etwa im Matthäus-Evangelium oder in der Apostelgeschichte, wird das Helfen als eine der vornehmsten Aufgaben beschrieben. Tatsächlich ist der Impuls, anderen zu helfen, sehr viel älter – und er ist keineswegs ein Produkt der Kultur, so die These des Verhaltensforschers Michael Tomasello. Tomasello ist Co-Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und untersucht seit vielen Jahren die Ursprünge der Hilfsbereitschaft. In einer seiner Studien stellte er beispielsweise fest, dass Schimpansen einem Artgenossen helfen, eine Tür zu entriegeln, wenn dieser es nicht von allein schafft. Für Tomasello ist offensichtlich, dass "die uns am nächsten verwandten Primaten Hilfsverhalten zeigen, das unserem ähnelt". Im Laufe der Evolution habe der Mensch dieses Verhalten verfeinert. Während Schimpansen Futter kaum teilen oder wichtige Informationen nicht mit Gesten weitergeben, tun dies bereits Kleinkinder ab einem Alter von 14 Monaten. Anders als Primaten haben Menschen im Laufe von Jahrhunderttausenden ihre Fähigkeit weiterentwickelt, sich in Artgenossen hineinzuversetzen. Sie sind in der Lage, die Perspektive zu wechseln und eine Situation gleichsam mit den Augen des anderen zu betrachten. Dank dieses Einfühlungsvermögens können sie auch feststellen, ob ein anderer in ernsthaften Schwierigkeiten oder gar in Not ist. Schon Kleinkinder zeigen die Bereitschaft zu helfen, wenn Erwachsene in Verhaltensexperimenten eine Opferrolle spielen.

In diesen Untersuchungen machte es keinen Unterschied, ob Kinder aus traditionellen Gesellschaften oder westlichen Mittelklassefamilien stammten. Auch das ist für Tomasello "ein Anzeichen dafür, dass die menschliche Hilfsbereitschaft nicht durch ein menschentypisches kulturelles Umfeld geschaffen wird". Sie muss genetisch verankert sein. Die Kultur kann indes die Motivation zum Helfen, das bei Kleinkindern noch ohne Bedingungen ist, verändern.

Die christliche Nächstenliebe wird in der Bibel als Schlüssel zur Gnade Gottes dargestellt. Das eher neuzeitliche Motiv der Belohnung verknüpft die Hilfsbereitschaft mit Vorteilen im Hier und Jetzt. Das ist per se nicht verkehrt, kann aber zu Verwicklungen führen. Ein Beispiel ist der "Willkommenssommer" von 2015, als Millionen Deutsche ausschwärmten, um den Flüchtlingen zu helfen. Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Erwachsenen beteiligten sich daran, den geflüchteten Menschen ihre Ankunft zu erleichtern – durch Kleiderspenden, Sprachunterricht, Kinderbetreuung oder gemeinsame Behördengänge.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/18.

Die Euphorie dieser neuen Willkommenskultur endete jäh in der Silvesternacht von Köln. Im und vor dem Kölner Hauptbahnhof war es zu massiven sexuellen Übergriffen von offenbar Geflüchteten auf Frauen gekommen. Innerhalb kurzer Zeit wechselten viele Menschen die Perspektive. Aus Hilfsbedürftigen wurde eine potenzielle Bedrohung. Auch solche, die sich zuvor mit Leidenschaft in der Flüchtlingshilfe engagiert hatten, wandten sich ab. Dieser Bruch ist allerdings so überraschend nicht, denn er hat mit zwei unterschiedlichen Arten von Einfühlungsvermögen zu tun: der emotional wärmeren Sympathie und der kühleren Empathie.

"Sympathie überwindet Unterschiede durch eine in der Vorstellung vollzogene Identifikation", schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett. "Empathie geht auf den anderen nach dessen eigenen Bedingungen ein." Die Sympathie gleicht einer Umarmung, während in der Empathie eine Begegnung stattfindet. Sennett betont zwar, dass es unterschiedliche Situationen gibt, in denen beides jeweils angemessen ist. So kann ein starkes sympathisches Mitleiden mit verschütteten Bergleuten Kräfte mobilisieren, um diese zu retten, auch wenn man selbst noch nie unter Tage war. In anderen Situationen ist es jedoch sinnvoller, Distanz zu wahren und den Mitmenschen als andere Person zu respektieren, der man erst einmal zuhört.