Er geht voraus. Eine steile und sehr schmale Wendeltreppe im Turm der Burg. Der Raum, in dem wir mit Reinhold Messner das Gespräch führen werden, liegt – wie könnte es anders sein – ganz oben. Man kann nicht anders, als auf diese Füße zu starren, die vor einem die Stufen nehmen. Man weiß einfach zu viel von diesen Füßen: dass sie 14 Achttausender bestiegen haben, dass sie die Wüste Gobi und die Antarktis durchquert haben, dass ihnen sieben Zehen fehlen, amputiert nach der Besteigung der schrecklichen Rupalwand des Nanga Parbat. Jetzt stecken sie in Turnschuhen. Messner sperrt eine Tür auf. Wir befinden uns im Schloss Sigmundskron, dem größten der sechs Messner Mountain Museums in Südtirol. Der Raum ist das Büro seiner Tochter, die inzwischen die Museen leitet. Es ist früher Abend, draußen senkt sich die Dämmerung über die Südtiroler Bergketten. Seine Haare sind eisgrau, sein Lächeln ist berühmt.

ZEIT Wissen: Herr Messner, Sie haben einmal gesagt, die entscheidenden letzten 800 Meter vor dem Gipfel schafft man nur, wenn man seinen Willen über jeden Schmerz und jede Erschöpfung stellt – die Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff sollen Sie am Ende nur noch auf allen vieren kriechend geschafft haben ...

Reinhold Messner: Es ist einfach leichter, wenn der Schnee tief ist, auf den Knien und auf den Ellenbogen zu gehen. Man bricht nicht so ein, und man kommt weiter ... Aber generell ist das natürlich eine Frage des Willens.

ZEIT Wissen: Und was muss dieser Wille dann vor allem besiegen?

Messner: Unseren Selbsterhaltungstrieb. Dem verdankt die Menschheit ja eigentlich ihr Überleben, neben dem Altruismus natürlich, denn der Mensch ist ein soziales Wesen, aber der Selbsterhaltungstrieb ist unser stärkster Trieb. Und der will nicht, dass ich da raufgehe, der sagt, da oben ist es gefährlich. Es ist kalt, man kann herunterfallen, man kann von einem Stein getroffen werden. Ich nutze also meinen Willen und meine "Selbstmächtigkeit", die mir sagt: Theoretisch kann ich das! Ich habe es gelernt, ich weiß genau, ich kann das schaffen, bin physisch gut vorbereitet, für die Kälte habe ich die Jacke, die Daunenjacke, Mütze und so weiter. Also theoretisch schaffe ich das, ich muss mich trotzdem zwingen, weil der Selbsterhaltungstrieb immer noch sagt, lass es lieber bleiben, du weißt nicht, was alles passieren kann.

ZEIT Wissen: Mach es nicht, sagt der Selbsterhaltungstrieb, geh zurück!

Messner: Mach es lieber nicht, sagt der. Und wir tun es doch!

ZEIT Wissen: Wir nicht. Aber Sie.

Messner: Na ja, noch ein paar Grenzgänger mehr als ich. Dabei tun wir alles dafür, um zu überleben. Im Grunde ein Widersinn.

ZEIT Wissen: Eben!

Messner: Es liegt daran, dass wir den letzten Schritt ins Jenseits getan haben – den über uns selbst hinaus, über unseren Selbsterhaltungstrieb hinweg, und wenn wir überleben, dann haben wir uns damit bewiesen, dass wir die Kunst des Überlebens beherrschen. Und das ist im Grunde wohl der Schlüssel zum Glück oder was man sich als Glück vorstellt.

Das ist wie eine Wiedergeburt: Ich habe mir damit mein Leben, obwohl es in absoluter Gefahr stand, neu geschenkt, habe jetzt alle Möglichkeiten vor mir, es neu auszufüllen. Ich kann also morgen wieder aufbrechen, einen Schritt weiter tun. Ich kann vielleicht, in einigen Wochen, einer neuen Idee folgen. Dieser Rückfluss von Energie ist unvergleichbar.

ZEIT Wissen: Wann ging das los, wann haben Sie diese Energie zum ersten Mal gespürt?

Messner: Ich bin als Fünfjähriger auf meinen ersten Dreitausender geklettert. Vielleicht weil ich besonders geschickt war, kein Lob, ich weiß nicht. Nur dass ich relativ früh eigenständig geklettert bin, also sehr früh.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/18.

ZEIT Wissen: Schon damals war Ihr Wille stärker als Ihre Angst?

Messner: Kinder haben kaum Angst. Und unsere Eltern haben uns zum Glück gehen lassen. Bei mir entwickelte sich rasch eine Dynamik, dieser Wunsch, mich zu steigern, das Können, den Willen, die Ziele. Diese Wand, und dann die höhere Wand. Und bald die schwierigste.

ZEIT Wissen: Und wann wurde daraus eine Art Lebensinhalt?

Messner: Wenn man erwachsen wird, kommt der Ehrgeiz dazu, man lernt, dass es da draußen eine sogenannte "Szene" gibt. Wir haben ja anfangs nur daheim in den Geislern geklettert (die "Geislergruppe", benannt nach der Geislerspitze, liegt zwischen dem Villnösstal und dem Grödnertal im Naturpark Puez-Geisler, Anmerkung der Redaktion).

Wie die ersten Menschen. Wir wussten gar nicht, dass es auch andere gibt, die das tun. Dann habe ich die besten Kletterer Tirols kennengelernt, so mit zwanzig. Echte Spitzenkletterer. Und dann kam es natürlich zu diesem Spiel: Möglich oder unmöglich?

Natürlich nicht als Wettkampf.

ZEIT Wissen: Was ist das für ein Spiel?