Messner: Der Alpinismus entwickelt sich seit seinen Anfängen an dieser einen Prämisse: Möglich oder unmöglich? Und jede Generation versucht, genau das möglich zu machen, was die Generation vorher als unmöglich deklariert hat. Und das ist wiederum nur möglich, wenn jemand seine Fähigkeiten steigert und den Willen dazu. So habe ich immer hohe Ansprüche an mich gestellt und so meine Lebenseinstellung gefunden.

ZEIT Wissen: Sie setzen diesen Willen inzwischen auch in anderen Lebenslagen ein.

Messner: Bei jedem Projekt aufs Neue! Bei jeder neuen Idee. Und zwar immer im Hier und Jetzt, indem ich stets bei der Sache bleibe und alles einsetze, was ich an Gaben habe, um meine Ideen umzusetzen. Dabei kann ich auch scheitern. Wenn ich es nicht versuche, kann ich zwar nicht scheitern, aber auch nichts lernen aus meinem Scheitern. Und sollte ich Erfolg haben, weiß ich, ich kann es. Und das nächste Mal kann ich und will ich ein bisschen mehr. Dann noch ein bisschen mehr, weil ich ja mit jeder Stufe wieder ein kleines bisschen an Willenskraft dazugewinne.

ZEIT Wissen: Hier und Jetzt – das ist stark mit Bergsteigen und Natur verbunden.

Messner: Nicht nur, eigentlich mit dem Leben generell. Glück gibt es nur im Hier und Jetzt. Also nur, wenn man nicht mehr danach sucht in irgendwelchen Büchern. Glücklich ist der Mensch erst, wenn er sich nicht mehr danach fragt, wenn es sozusagen unbewusst in jeder Zelle steckt. Beim Umsetzen von Ideen entsteht gelingendes Leben.

ZEIT Wissen: Eine Art Nebenwirkung ...

Messner: Ja. Eine Nebenwirkung davon, dass man sich mit einer Idee identifiziert und sie real werden lässt. Damit entsteht der Wille, selbst diese Idee zu sein, von ganz allein.

ZEIT Wissen: Kann man diese Willensstärke eigentlich trainieren?

Messner: Ja, indem man sich immer wieder Ziele setzt und alles dransetzt, sie zu erreichen. Wille ist trainierbar wie Muskeln.

ZEIT Wissen: Sie sollen mal Haus und Hof versetzt haben, um eine Expedition finanzieren zu können. Damals konnten Sie nicht aus Nepal kommend auf den Berg, sondern mussten auf China ausweichen – und die Chinesen wollten von Ihnen angeblich 250.000 Dollar.

Messner: Na ja, 80.000 Dollar waren es – und ich musste dafür nur meinen Porsche opfern ...

ZEIT Wissen: Aber es zeigt: Sie finden immer einen Weg, Ihren Willen durchzusetzen.

Messner: Ich habe ein paar Mal zwischen Selbstzerstörung und der Selbstverschwendung operiert. Das heißt, ich war immer bereit, alles auszugeben, was zur Verfügung stand, für meine Projekte.

ZEIT Wissen: Muss das sein?

Messner: Ohne hohen Einsatz kann ich keine hohen Ziele gewinnen. Deswegen habe ich immer wieder alles eingesetzt – meine Zeit, meine Mittel, meine Begeisterung, mein Können – mit dem Risiko, zu scheitern dabei, oft dem Risiko umzukommen. Dieses Modell würde ich aber nicht zur Nachahmung empfehlen. Ich würde aber sagen, wer wirklich weiterkommen will: Es geht nur so.

ZEIT Wissen: Wie findet das Ihre Frau? Besprechen Sie solche Entscheidungen vorab mit ihr?

Messner: Nein, ich treffe sie allein – nicht immer zur Freude meiner Frau. Meine Frau war gegen die Museen, weil sie der Meinung war, wir verspielen unser Vermögen damit. Sie glaubt auch nicht, dass das mit dem Filmen funktioniert, also suche ich eine neue Partnerin.

ZEIT Wissen: Ihr nächstes Projekt?

Messner: Drei Filme habe ich als Regisseur gemacht, halbdokumentarisch, so genannte Reenactments, jetzt geht es um größere Projekte, für die es gilt, die Finanzierung auf die Beine zu stellen.

ZEIT Wissen: Sie haben in Ihrem Leben immer wieder einmal die Richtung gewechselt. Weil Sie dann Ihr Ziel erreicht hatten?

Messner: Ich tue im Leben nichts anderes als Ideen verwirklichen. Das kann ein Buch sein, das kann ein Film sein, das kann ein Museum sein. Ich brauche durchschnittlich für eine Lebensphase zehn Jahre – das ist eine lange Zeit. Im Grunde so lange wie ein akademisches Studium. Aber wenn ich merke, dass ich in dieser Sparte, die ich mir in den Kopf gesetzt habe machen zu dürfen, zu wollen, zu müssen – wenn ich da nicht mehr weiterkomme, wenn ich merke, dass darüber hinaus meine Fähigkeiten, meine Talente nicht ausreichen, lasse ich es, gebe ab, was zu verwalten bleibt. Und ich suche mir eine neue Aufgabe.