In Studien zeigten Forscher, dass Menschen offene, abwechslungsreiche Landschaften bevorzugen, die Überblick und Schutz zugleich bieten, also Grünflächen mit Bäumen und Gewässern, Wälder mit Lichtungen. Ist es Zufall, dass dieses Landschaftsbild der ostafrikanischen Savanne entspricht, der Wiege des Homo sapiens? Der amerikanische Ökologe Gordon Orians fand heraus, dass wir Bäume mit hohen, ausladenden Kronen schätzen, die uns Schatten spenden. Außerdem Bäume, deren Äste so angeordnet sind, dass wir leicht an ihnen hochklettern könnten, und Bäume, die essbare Früchte bieten – und natürlich verwertbares Holz für ein wärmendes Feuer.

Wahrscheinlich, so die These, steckt uns die Vorliebe für bestimmte Biotope immer noch in den Genen. Diese Qualitäten eines natürlichen Waldes richtig einschätzen zu können, dazu seien Menschen auch heute noch in der Lage, sagt Peter Wohlleben, der Förster aus der Eifel, der in Bestsellern die Wechselwirkungen zwischen Bäumen und Menschen beschreibt. "Um zu überleben, mussten unsere Vorfahren beurteilen, ob ein Wald gesund ist, ob seine ökologischen Rahmenbedingungen stabil sind", sagt er, "Menschen reagieren also auf den Zustand eines Walds und auch auf seine Botenstoffe". Wohlleben lebt seine Philosophie, er wohnt mitten im Wald. Hinter dem Forsthaus von Hümmel liegen Hühnerstall, Pferdekoppel, Gemüsebeet. Morgens, noch vor dem Frühstück, füttert er die Tiere, mistet die Ställe aus, beobachtet Krähen und Elstern bei ihrer Futtersuche. Auf der Straße, die am Forsthaus vorbeiführt, hört man nur selten ein Auto.

Ein anderer Waldexperte dagegen hat sein Quartier an einer viel befahrenen Straße in einer der größten und am dichtesten bevölkerten Städte der Welt: in Tokio. Aber wenn Qing Li an seinem Schreibtisch vom Computer aufblickt, sieht auch er ein paar Bäume. Sie stehen in einem Park neben einem berühmten Schrein. Dort wachsen Ginkgos, Kirschbäume, eine 300 Jahre alte Azalee. Täglich flüchtet der Professor für Umweltimmunologie in seiner Mittagspause auf diese grüne Insel. Li forscht an der Nippon Medical School und ist so etwas wie der globale Oberwaldbademeister, eine Koryphäe der Waldmedizin. Sein Ziel: die Waldmedizin zu einer international anerkannten Wissenschaft zu machen.

Jeden Montagnachmittag geht Li mit seinen Studenten nach draußen. "Natürlich machen wir dann nicht einfach einen Spaziergang", schreibt er in seinem Buch Forest Bathing, das gerade erschienen ist. Der Professor praktiziert mit seinen Studenten Shinrin-yoku: "Schau dir die Farben der Bäume an, atme tief ein, hör die Blätter rauschen. Wenn du müde bist, darfst du dich ausruhen, wo und wann du willst. Wenn du durstig bist, darfst du etwas trinken, wo und wann du willst. Dreckige Hände machen dich gesund. Waldgänge klären deine Gedanken." How trees can help you find health and happiness lautet der Untertitel seines Werks. In mehreren Studien hat Li gemeinsam mit japanischen und koreanischen Kollegen gezeigt, dass schon ein kurzer entspannter Spaziergang durch den Wald einen Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Im Wald steige die Zahl der Killerzellen, und das Immunsystem verbessere sich, schreiben die Wissenschaftler. Blutdruck, Kortisol und Puls würden sinken – "schon nach einer Stunde im Wald".

Bereits 1984 sorgte der schwedische Forscher Roger Ulrich mit einer Studie für Aufsehen, der zufolge Patienten schneller gesund werden, wenn sie ins Grüne schauen. Ulrich hatte die Krankenakten von 46 Patienten in einem Krankenhaus von Pennsylvania verglichen. Die eine Hälfte hatte aus ihren Zimmern auf eine Mauer geblickt, die andere auf eine Grünfläche mit Bäumen. Ergebnis: Wer die Aussicht ins Grüne hatte, wurde einen Tag früher entlassen als die Vergleichsgruppe (acht statt neun Tagen). Außerdem kamen diese Patienten mit weniger Schmerzmitteln aus. In einer späteren Studie an einem schwedischen Krankenhaus untermauerte Ulrich seine Ergebnisse. Er ließ auf einer Intensivstation unterschiedliche Bilder aufhängen und verglich die Genesungsgeschichte von 160 herzkranken Patienten. Diejenigen, die auf das Foto von einem licht bewaldeten Flussufer geblickt hatten, erholten sich schneller und brauchten weniger Medikamente als diejenigen Patienten mit abstrakter Malerei oder gar keinen Bildern vor Augen.

Muss man also wirklich im Wald "baden", um die Jungbrunnenwirkung zu spüren, wenn schon der bloße Anblick von Natur einen positiven Effekt hat?

"Ein Blick auf Berggipfel, ins Grün eines Waldes oder aufs Wasser führt uns zu unseren Ursprüngen zurück", sagt Angela Schuh vom Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Schuh ist Professorin für Medizinische Klimatologie und hat im Auftrag des Bäderverbandes Mecklenburg-Vorpommern aktuelle Studien daraufhin ausgewertet, ob naturbelassene Landschaft positive Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden hat. Bäume anzuschauen tut gut, aber auch das Mikroklima hat einen Effekt. "Wir wissen, dass Menschen im grünen Umfeld schneller gesund werden", sagt Schuh. Die Atmosphäre des Waldes, das gedämpfte Licht, die Stille, die Anwesenheit von Wasser ließen uns zur Ruhe kommen. "Wir fühlen uns weniger gestresst. Wir erholen uns, schlafen besser. Der Wald wirkt entschleunigend, die frische, kühle Luft stärkt und vitalisiert."

Das schonende Klima des Waldes führe "nachgewiesenermaßen zu einem Erholungseffekt durch Stressreduktion", sagt Schuh. Auch gebe es Hinweise für "eine Zunahme der Leistungsfähigkeit des Immunsystems". Es lohne sich daher, das Waldbaden zu untersuchen. "Aber wir brauchen mehr Studien, mehr Evidenz, vor allem müssen wir untersuchen, welche Länge eines Waldaufenthalts positive Effekte bringt."

Das bestätigen Forscher, die für eine Metaanalyse 127 Studien aus den Jahren 2007 bis 2017 untersucht haben. Sie stützen die Biophilia-Hypothese, dass Menschen eine innere Anziehung zu grünen Landschaften haben, stellen aber ebenso wie Angela Schuh fest, dass die Langzeitwirkung des Waldbadens noch nicht ausreichend belegt sei. Nur die japanischen und koreanischen Studienergebnisse ließen darauf schließen, dass ein Aufenthalt im Wald auch einen präventiven, also vorbeugenden Einfluss auf die Gesundheit habe. Die asiatischen Ergebnisse müsse man für den europäischen Raum erst noch "abchecken", sagt Schuh – möglicherweise haben unsere bewirtschafteten Buchen-, Eichen- und Kiefernwälder andere Effekte als japanische Wälder im teilweise subtropischen Klima.