Es war im November 2016, als auf dem Spielplatz meiner Kinder gesprayte Hakenkreuze auftauchten. "Go Trump" stand daneben. Meine Kinder gehen da eigentlich gerne zum Schaukeln oder Basketball-Spielen hin. In der hebräischen Ganztagsschule, die sie besuchen, trägt mein Sohn manchmal eine Jarmulke, eine der Kippa ähnliche Kopfbedeckung. Dort erzählte ich anderen Eltern von den Schmierereien. Das Gespräch kam bald auf das Europa der 1930er Jahre. Manche der Vorfahren hatten den Holocaust überlebt, andere nicht. Einer, dessen Familie Deutschland rechtzeitig verlassen hatte, erzählte mir davon, was diese damals zum Aufbruch bewogen hatte. "Mit den Ausgangssperren waren sie zurechtgekommen. Aber als die Nazis der Familie meines Vaters den Hund wegnahmen, flohen sie aus Berlin. Da war Schluss."

Meine Familie ist nach den Spielplatz-Graffiti nicht weggezogen. Auch andere Familien nicht. Die Hakenkreuze wurden weggeschrubbt. Alles in allem ist man heute, anders als in Nazi-Deutschland damals, in unserer Nachbarschaft vor Braunhemden sicher.

Es sind allerdings nicht die Straßen und Plätze, wo der heutige Fanatismus besonders virulent ist, ganz gleich, ob man in einem republikanischen oder einem demokratischen US-Bundesstaat lebt. Die Heimat der Inhumanität ist das Internet. Ein unregierbares, unreguliertes, postnationales und souveränes Reich mit einer Bevölkerung von drei Milliarden Menschen. Natürlich befinde ich mich gleichzeitig auf dem amerikanischen Kontinent, ich lebe hier – und die Zeichen, die für eine Emigration sprechen, erschienen mir bisher nicht eindeutig genug. Aber ich bin nicht geblieben, um aufzustehen und gegen Drohungen zu kämpfen, sondern weil die tatsächliche Bedrohung anderswo ist.

Das Internet ist voll mit Hakenkreuzen, Gaskammer-Cartoons und stereotypen antisemitischen Karikaturen, mit Trollen und persönlichen Drohungen, mit Hass auf farbige Menschen, Einwanderer, Liberale, Akademiker, Journalisten und Frauen – das alles ist sehr eindeutig. Es ist so etwas wie das Grundrauschen des Netzes. Sein eigentliches Signal. Selbst wenn man hitzigen politischen Debatten etwas abgewinnen kann – dieses Signal lässt einen frösteln. Ein paar Tage mit Morddrohungen können selbst den abgebrühtesten Twitter-Nutzer demoralisieren und verunsichern.

Als ich nach kritischen Bemerkungen über Donald Trump wieder ein Trommelfeuer auf mich gezogen hatte, packte ich meine Sachen und machte mich auf die Suche nach einem Ort mit weniger Nazis. Ich verließ New York, ich verließ die USA – und ließ mich in Deutschland nieder. In einem imaginären Deutschland.

Ein schlauer Twitter-Nutzer hatte mir einen Tipp gegeben: Ändere in deinem Twitter-Profil deinen Standort, und im Handumdrehen werden dich die deutschen Gesetze gegen Volksverhetzung schützen. Die Nazis würden einfach aus meinem Nachrichtenstrom verschwinden, hieß es. Oder sollte ich besser an amerikanischen Twitter-Gestaden bleiben und kämpfen? Zum Teufel, nein. In Internetzeiten muss man Internetmaßnahmen ergreifen.

Ich entschied mich für Bad Wildbad als Standort. Ein verträumter, von Wald umgebener Kurort in einer riesigen Schlucht am Rande des Schwarzwaldes. Zumindest auf Google Earth sah der Ort verträumt aus. Ich hatte den Namen Jahre vorher einmal auf einem Autobahnschild gesehen. Für mich als Amerikanerin klang er nach einem Witz über Wildnis, Verderbtheit und Heavy Metal. Und so sah ich mich schon mit der Band Megadeth unter Kiefern sitzen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/18.

Deutschland erließ bereits im Jahr 1960 Gesetze, die Volksverhetzung unter Strafe stellen. Damals war eine Synagoge in Köln mit schwarzen Hakenkreuzen beschmiert worden. Die Gesetze verbieten das Leugnen des Holocaust sowie verschiedene Formen von Hetze und Anstachelung zu Gewalt. Umstritten sind sie vor allem außerhalb Deutschlands, in den USA etwa. Dort wird die Meinungsfreiheit geradezu gefeiert, und jeder Vorfall wird dort nach dem angelsächsischen Fallrecht aufs Neue interpretiert und bearbeitet. Die europäischen Rechtssysteme können hingegen ein neues Statut einsetzen, das auf moralischen Prinzipien fußt. So verbannten die Deutschen beispielsweise Hakenkreuze und verabschiedeten Vorschriften, wie dieses Verbot dann auch durchzusetzen ist.

In den USA finden viele die Vorstellung krass, dass die Justiz die Internetnutzer vor Nazi-Propaganda schützt. Meiner Meinung nach ist es jedoch äußerst beeindruckend, wie entschlossen Deutschland die Schwierigkeiten sozialer Medien angepackt hat, während andere Nationen einfach nur mit den Händen ringen oder das Problem schlichtweg aussitzen.

In einem verträumten deutschen Kurort fand ich meine imaginäre Heimat, ohne Hass und Hetze.

Im Jahr 2012 begann die Bundesregierung, Online-Accounts abschalten zu lassen, wenn dort Nazi-Meme zu sehen waren – etwa Pepe der Frosch, ein Cartoon, der sich bei Rechtsradikalen zunehmender Beliebtheit erfreute. Twitter-Mitteilungen, die antisemitische Inhalte hatten, mussten mit einem Grauschleier überzogen werden. Im Juni 2017 haben die Deutschen die Rechtslage zur Volksverhetzung dann konsequent dem digitalen Zeitalter angepasst: Mit dem sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz wurden neue Vorschriften für die sozialen Netzwerke erlassen. Das ist endlich mal eine Reform.