Dieser Artikel ist Teil der ZEIT Wissen-Serie "Das Geheimnis der guten Austrahlung". Im ersten Teil ging es um Auftreten und Charisma.

Schönheit, nun ja. Einerseits investieren wir viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit in den Versuch, schön zu sein und zu bleiben. Andererseits unterstellen wir der Schönheit Oberflächlichkeit. Wahre Ausstrahlung komme von innen, heißt es, sie sei ein Resultat geistiger Fähigkeiten und Charaktereigenschaften. Wir haben kein Problem damit, jemanden für seinen Humor oder seine Intelligenz zu loben. Aber geht es um die Schönheit, werden Menschen sparsamer mit dem Lob.

Dabei komme es sehr wohl auf das Aussehen an, sagt die Philosophin Lisa Schmalzried: "Stellen Sie sich zwei Personen mit den gleichen gefälligen Charaktereigenschaften vor. Es ist problemlos möglich, dass nur eine von beiden anziehend oder charismatisch ist." Schöne Menschen faszinieren uns, sagt Schmalzried. Vielleicht haben sich deswegen so viele Wissenschaftler daran versucht, eine Formel für das Schöne zu finden. Aristoteles definierte einen Dreiklang von Harmonie, Symmetrie und Wohlproportioniertheit. Und der Arzt Stephen Marquardt entwarf in diesem Jahrhundert die sogenannte golden mask, die Mathematik des perfekt-schönen Gesichts nach den Regeln des Goldenen Schnitts. "Seit über 2000 Jahren versuchen wir Formeln für das Schöne zu finden, aber scheitern daran", sagt Schmalzried. "Denn für jede Formel gibt es immer wieder Gegenbeispiele."

Auch Kunstwerke, Landschaften und Tiere können wir als schön empfinden. Selbst gewöhnliche Postkarten folgen den Regeln des Goldenen Schnitts. Der parodistische Twitter-Account Fibonacci Perfection treibt es ins Absurde, indem er die Proportionen des Goldenen Schnitts zum Beispiel auf ein Foto anwendet, das die Schuh-Attacke auf George W. Bush während einer Pressekonferenz im Irak zeigt. Wir bewundern die makellosen Marmorstatuen von Aphrodite, Apollo oder Dorophoros. Aber nicht nur diese Schönheitsideale betören die Betrachter, manchmal faszinieren gerade die Brüche: Selbst Risse in der Brotrinde könnten zur Annehmlichkeit des Ganzen beitragen, schrieb der Stoiker Marcus Aurelius. Was ist also Schönheit? Und was hat Schönheit mit Ausstrahlungskraft zu tun?

Die Philosophin Lisa Schmalzried hat zu dem Thema menschliche Schönheit habilitiert und vielleicht eine Antwort gefunden: Sie bindet Schönheit an das sinnlich Wahrnehmbare und beschreibt die Schönheitserfahrung als eine Erfahrung der Liebenswürdigkeit. Diese Erfahrung, sagt Schmalzried, "ruft Wohlgefallen hervor und weckt in uns den Wunsch, die betreffende Person kennenzulernen und eine positive zwischenmenschliche Beziehung mit ihr aufzubauen, verbunden mit der Überzeugung, dass andere ebenso reagieren sollten".

Aussehen

Schönheit hängt mit rein physischen Merkmalen zusammen, mit Haut, Haaren und Körperproportionen. Einerseits. "Stellen wir uns andererseits zwei physisch sehr ähnliche Personen vor, die sich nur in einem lachenden und einem düsteren Gesichtsausdruck unterscheiden", sagt Schmalzried. "Wir empfinden die fröhliche Person als schöner." Demnach erleben wir charismatische Personen deswegen als anziehend, weil sie uns durch ihre Gestik und Mimik, ihre Körperhaltung und -bewegung versprechen, eine liebenswerte Person zu sein. "Das Entscheidende ist der Ausdruck", sagt Schmalzried, "die Expression."

Ob wir es wollen oder nicht, wir werden danach beurteilt, wie wir aussehen, wie wir uns kleiden und wie wir uns geben. Und, wenn wir Glück haben, eventuell auch danach, ob wir unseren Job gut machen. Es mag unfair erscheinen, aber statistisch gesehen, finden schöne Menschen leichter einen Partner und einen Job, sie sind sexuell erfüllter, werden besser benotet, verdienen mehr Geld und gewinnen eher die Wahl. Die physische Attraktivität ist das zweitwichtigste Kriterium bei einer Bundestagswahl, fand ein Forscherteam um den Soziologen Ulrich Rosar von der Universität Düsseldorf heraus. Rosar verglich die Attraktivitätswerte deutscher Bundestagskandidaten seit 2002 mit ihren Wahlerfolgen. Dabei sollten die Testpersonen die Attraktivität der Politikerinnen und Politiker auf Basis von Porträts einstufen. Außerdem wurden andere Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, akademischer Titel und Bekanntheit verglichen. Ergebnis: Nur die individuelle Bekanntheit war wichtiger als das Aussehen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/18.

Schönheit sei ein Zeichen von Intelligenz, behauptete Andy Warhol einst. Stimmt das? Der Evolutionspsychologe Satoshi Kanazawa von der London School of Economics suchte in einem riesigen Datensatz nach einem Zusammenhang – und klang anschließend wie Warhol. Schöne Menschen seien im Durchschnitt tatsächlich klüger, behauptet Kanazawa: Intelligenz korreliere mit physischer Attraktivität ebenso wie mit Bildung. Seine Erklärung: Einerseits sei Schönheit wirklich Ausdruck von genetischer Qualität. Zweitens könnte die Korrelation mit Intelligenz das Ergebnis bevorzugten Paarungsverhaltens sein. Kulturwissenschaftlern treiben solche Thesen die Zornesröte ins Gesicht, weil sie auf sehr engen Intelligenz- und Schönheitsbegriffen basieren. Und die ändern sich von Zeit zu Zeit und von Kultur zu Kultur.

Die alten Griechen hatten noch einen Begriff für die Einheit von innerer und äußerer Tadellosigkeit: Kalokagathia. Es verbindet kalós (schön) und agathos (meist als "gut" übersetzt, meint aber eine ganze Reihe von positiven Werten). Zu anderen Zeiten hätte man so eine würdige Person vielleicht Gentleman genannt: eine harmonische und souveräne Persönlichkeit, bei der die Affekte sowie die geistigen Kräfte in einem ausgeglichenen und damit auch als ästhetisch empfundenen Verhältnis stehen.