1. Vorkommen

Zwei Brüder, zwei Opfergaben. Gott, so steht es in der Bibel, wählt eine aus, es ist ein Lamm aus Abels Herde. Das Bündel Getreide, das Kain ihm schenken will, weist er zurück. Gekränkt und sich ungeliebt fühlend, beginnt Kain seinen Bruder zu hassen, bis er Abel mit einem Stein erschlägt und zum ersten Mörder der Menschheitsgeschichte wird. Bis heute ist der Hass unter Geschwistern, deren Beziehung die zu den Eltern in der Regel überdauert, ein verbreitetes Phänomen. Hass entsteht dort, wo Menschen einander besonders nahestehen. In der Familie, unter Partnern, in Gemeinschaften. Die Kränkungen und Zurückweisungen, die sie sich bewusst oder unbewusst zufügen, wirken besonders heftig zwischen Liebenden und sich ehemals zugewandten Menschen: 70 Prozent aller Tötungsdelikte in der westlichen Welt sind Beziehungstaten, schätzt der österreichische Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller.

Und dann gibt es noch eine hohe Dunkelziffer an Hassenden. Menschen, die das Gefühl in sich tragen, es aber nicht zeigen, weil es, wie Neid und Missgunst, verachtet wird: Hass macht den Fühlenden hässlich. Eine Alternative zur Unterdrückung ist der anonyme Hass. Im Schutz der Gesichtslosigkeit wird im Internet unverhohlen gehetzt. Hassrede heißen die rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Kommentare, die Privatpersonen und Institutionen treffen und sogenannte Shitstorms auslösen können. Andreas Zick, Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld, sagt: "Ist der Hass einmal kanalisiert, wächst die Handlungsbereitschaft." Seit vier Jahren mehren sich politisch motivierte Delikte. Insgesamt ist die Gewaltbereitschaft, ein zuverlässiger Seismograf des Hasses, seit der Finanzkrise gewachsen.

2. Merkmale

Im Gegensatz zu Wut oder Zorn ist Hass kein vorüberziehendes Gefühlsgewitter. Wir hassen rational. Körperlich erregt und doch klar bei Verstand, folgen wir einer Idee, die wir mit einem negativen Gefühl verbinden. Keine Emotion wird so stark kognitiv gesteuert wie der Hass, der selten über Nacht verpufft. Anders als Zorn und Empörung, die ihrem Impuls nach begrenzt sind, ist Hass maßlos und macht unfrei: Je länger wir hassen, desto stärker binden wir uns an das Hassobjekt. Das erzeugt eine Energie, die uns weder erlöst noch reinigt, die uns stattdessen schadet. Hass gilt deshalb neben Neid und Missgunst als das destruktivste aller Gefühle, sowohl für den Hassenden als auch für sein Opfer: "Er zielt tendenziell auf die Vernichtung des Gehassten", heißt es in der Philosophie der Gefühle von Christoph Demmerling und Hilge Landweer. Dem Opfer bleibt nur mehr der Rückzug, es ist in seiner Existenz bedroht. Das Opfer hat keine Möglichkeit, dem Hass friedenstiftend zu begegnen. Hass ist wie Gewalt final und schließt einen Dialog aus. "Beim Opfer wird meist das gleiche Ohnmachtsgefühl hervorgerufen, das dem Hass des Hassenden vorausgegangen ist", sagt Reinhard Haller.

Hass ist nicht diskutierbar wie ein Konflikt, folglich kann man ihm nur ausweichen. Haben wir es mit reaktivem Hass zu tun, der sich vom persönlichkeitsgebundenen unterscheidet, liegt ihm eine Zurückweisung zugrunde, wie sie Kain durch Gott widerfahren ist: Reaktiver Hass bezieht sich auf konkrete Kränkungen und Verletzungen, die wir nicht verarbeiten können, für die wir uns vielleicht schämen. Persönlichkeitsgebundener Hass hingegen hat sich im Charakter des Hassenden manifestiert und drückt sich unter anderem in krankhaftem Misstrauen aus. Maligne, also bösartige Narzissten zeigen dies zum Beispiel. Sie müssen andere abwerten, um sich selbst aufzuwerten. Sie sind wahlweise sadistisch oder zynisch und in fortdauernden Hass verwickelt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/18.

3. Entstehung

Dem Hass geht ein Ohnmachtsgefühl voraus, er ist eine Reaktion auf empfundenes Unrecht, auf Zurückweisung. In den meisten Fällen ist es die Emotion des Unterlegenen, er fühlt sich der Abwertung durch sein Gegenüber hilflos ausgeliefert und erlebt seine Situation als unerträglich. Und so verengt der Hassende seine Wahrnehmung auf das vermeintliche Unrecht und den Wunsch, dem Gehassten zu schaden, ihn vielleicht zu vernichten. Besonders anfällig für den Hass sind wir in der Pubertät, wenn die eigenen Wertvorstellungen schwanken und das Aggressionspotenzial – auch hormonell bedingt – relativ hoch ist. Gehasst wird in diesen Jahren häufig unter Vorbehalt: Wer gestern verachtet wurde, kann heute engster Freund sein. Um hassen zu können, müssen wir vereinfachen und zuspitzen. Wer abwägt, Ambivalenz zulässt, Zweifel womöglich, verliert an emotionaler Schärfe. Diese Tendenz zur extremen Spaltung in Gut und Böse wird bereits in den ersten Lebensmonaten entwickelt.