Deutschlands zweitgrößte Stadt hat 1,8 Millionen Einwohner und zwei 10-Meter-Türme, einen im Freien und einen in der Alster-Schwimmhalle. Der Turm in der Halle öffnet samstags und sonntags für jeweils eine Stunde. An einem Samstag im April steigt die 15-jährige Meltem aus Hamburg-Wilhelmsburg hinauf. Sie ist vor ein paar Minuten zum ersten Mal von siebeneinhalb Metern gesprungen. Aber noch nie vom Zehner.

Meltem folgt der rechts gewendelten Spindeltreppe, deren Bauweise der Deutschen Industrienorm 18065 für Gebäudetreppen entspricht. 15 Stufen bis zur 3-Meter-Plattform, weitere 12 Stufen bis zum Fünfer, 14 bis auf siebeneinhalb Meter und noch mal 14 zum Zehner. Drei Bademeister haben den Sprungturm im Auge, einer von ihnen steht oben direkt an der Kante und hält sich mit einer Hand am Geländer fest. Bevor jemand springt, schaut er nach unten, ob das Wasser frei ist. Und nachdem jemand gesprungen ist, schaut er, ob die Person unbeschadet wieder auftaucht. Es hat den Anschein, als habe hier alles seine Ordnung. Aber das täuscht.

In Wirklichkeit ist die vordere Kante der 10-Meter-Plattform die Grenze zwischen widerstreitenden Mächten. Sie trennt Nichtspringen und Springen, festen Boden und freien Fall, Ordnung und Chaos. Schmach und Stolz, Verlieren und Gewinnen, Ausgelachtwerden und Angeben. Strafe und Belohnung. Manchmal markiert sie auch die Grenze zwischen gesund bleiben und dem Notarzt. "Edgework" nennt die Sozialwissenschaft eine Grenzerfahrung wie den Sprung vom Zehner. Man arbeitet sich im Wortsinne an der Kante (edge) ab.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/18.

Edgeworker bringen die Menschheit voran, sagt die Evolutionsbiologie. Der Körper wird mit Adrenalin geflutet, sagt die Medizin. Die Amygdala will das nicht, sagt die Hirnforschung. Der Büromensch will seine Entfremdung kompensieren, sagt die Soziologie. Die Aufprallgeschwindigkeit beträgt 50 Kilometer pro Stunde, sagt die Physik. Die 15-jährige Meltem sagt: "Ich habe ein bisschen Angst, aber ich will das trotzdem hinter mir haben."

Nüchtern betrachtet, ist dies ein Mysterium: Der Mensch baut ein Becken und daneben einen Turm, er füllt das Becken mit Chlorwasser und steigt den Turm hoch, und dann steht er da in einem lächerlich spärlichen Outfit wie auf einem Laufsteg, der Hüftspeck eingedellt von der Badehose, beobachtet von Fremden, von Freunden, von feixenden Kindern. Er steht da in seiner ganzen emotionalen und physischen Verletzbarkeit, nur um hinunterzuspringen in der Gefahr, sich die Schulter auszukugeln oder einen Bauchklatscher zu machen. Vögel gehören in die Höhe, aber nicht der Mensch. Was sucht er da oben?

Meltem wartet, bis der Bademeister auf der Plattform ein Zeichen gibt. Sie steigt über ein Seil, das verhindern soll, dass tollkühne Pubertierende mit Anlauf springen. Sie macht noch einen Schritt bis an die Kante. Ihre Mutter ist auch in der Halle, aber sie lernt im Übungsbecken nebenan gerade schwimmen. Sie sieht nicht, wie ihre Tochter die Arme an die Seiten presst und einen Schritt ins Leere macht. Meltem befindet sich im freien Fall. Platsch!

Der Bademeister an der Kante ist seit 25 Jahren im Dienst. Er ist noch nie vom Zehner gesprungen. Er sagt: "Von einem brennenden Kreuzfahrtschiff würde man sofort springen. Aber das hier ist freier Wille." Sein Wille hat den Zehner stets verneint. Für die Bademeisterprüfung reicht ein Kopfsprung vom Dreier.