Es war gut, dass wir seine Antwort auf unsere letzte Interviewfrage noch nicht kannten, als wir zu ihm gebracht wurden, sonst wären wir noch nervöser gewesen. Das Auffälligste an John Neumeier sind seine Augen. Man spürt: Er richtet Präzisionsinstrumente besonderer Art auf sein Gegenüber.

ZEIT Wissen: Herr Neumeier, man kann gerade die Arbeit der Trainer bei der Fußballweltmeisterschaft mitverfolgen. Sehen Sie Berührungspunkte zu Ihrem Job?

John Neumeier: Vielleicht in dem Sinn, dass ich ein Team sehr unterschiedlicher Charaktere zusammenschweißen und zusammenhalten muss. Wenn im Fußball angepfiffen wird, geht bei uns der Vorhang hoch. Und ganz egal, was bis dahin passiert ist: Ab diesem Augenblick muss das ganze Team so harmonisch wie möglich zusammenarbeiten.

ZEIT Wissen: Bundestrainer Joachim Löw hat den Torhüter Manuel Neuer für den erweiterten WM-Kader nominiert, obwohl er ein Dreivierteljahr verletzt war und nicht gespielt hat. Trotzdem hatte Löw die Hoffnung, dass er bei der WM auflaufen kann. Würden Sie einen großartigen, aber verletzten Tänzer mit auf Tournee nehmen?

Neumeier: Ich kann Löws Entscheidung sehr gut verstehen. Physisch gesehen ist der Tanz, wie der Fußball, ein gefährlicher Beruf. Wir trainieren, um mit unseren Körpern etwas ausdrücken zu können, und wir trainieren hart, auch um Verletzungen vorzubeugen. Aber von Tänzern wird ein enormes Pensum verlangt, und natürlich kann durch irgendeinen Umstand, irgendein Versehen ein Unfall passieren. Tatsächlich gibt es nichts Furchtbareres als Tänzer oder Tänzerinnen, die nicht tanzen können.

ZEIT Wissen: Wie kommen die wieder auf die Beine?

Neumeier: Ich habe da meine eigene Philosophie; ich denke, um eine Verletzung auszuheilen, braucht man eine positive Atmosphäre. Ich habe selber ein paar Unfälle gehabt, nicht besonders viele. Aber einmal habe ich mir eine schwere Knieverletzung zugezogen, und weil ich die Situation überhaupt nicht gewohnt war, war ich regelrecht böse mit meinem Körper. Ich stand nachts auf, um zu schauen, ob die Schwellung noch da ist, ich habe einfach nicht lockergelassen. Prompt hat die Rekonvaleszenz viel länger gedauert. Daraus habe ich gelernt, dass man dem Körper vertrauen muss, nichts forcieren darf. Das hat mir ein paar Jahre später, als das andere Knie verletzt war, geholfen. Es ist wichtig, den Heilungsprozess mit allem zu unterstützen, was einem Tänzer, einer Tänzerin hilft, gesund zu werden.

ZEIT Wissen: Bezieht sich das auch auf die Seele?

Neumeier: Ja, natürlich. Ich bin kein Psychiater, aber selbstverständlich führt man in einem solchen Fall Gespräche und bittet auch Mitarbeiter, mit den Betroffenen zu sprechen. Wenn ich selbst zu oft mit ihnen rede und zu viel nachfrage, entsteht ein gewisser Druck. Das muss man vermeiden. Man muss das Gefühl vermitteln: Du hast Raum, du hast Zeit. Was mir nicht so schwerfällt, ich bin grundsätzlich Optimist.

ZEIT Wissen: Was geschieht, wenn der Zustand trotzdem chronisch wird?

Neumeier: Natürlich gibt es irgendwann eine Grenze. Ich hatte mal einen Tänzer in der Kompanie, einen Star, der von einer anderen Kompanie kam, wo ich mit ihm gearbeitet hatte. Das wollte er gern dauerhaft tun – aber als er hier ankam, war er verletzt. Vom ersten Tag an. Er blieb fast zwei Jahre in der Kompanie, ohne ein einziges Mal zu tanzen. Da musste ich dann sagen: "Ich glaube, wir müssen eine andere Lösung finden, denn das ist nicht fair gegenüber den anderen Kollegen." Fairness ist ein ganz wichtiger Aspekt, wenn man eine Kompanie führt. Da muss das Gefühl sein: Niemand wird bevorzugt, die Ansprache ist für alle gleich. Und was für den einen okay ist, ist auch für die anderen okay. Es muss eine positive Atmosphäre herrschen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/18.

ZEIT Wissen: Atmosphäre als Führungsinstrument?

Neumeier: Ja! Ich bin seit 1973 hier, davor war ich dreieinhalb Jahre Ballettdirektor in Frankfurt – und vom ersten Tag an war für mich die Atmosphäre ganz wichtig. Und zwar keine verlogene familiäre Atmosphäre. Eine Familie ist normalerweise kleiner, wir sprechen hier aber von sechzig, siebzig Menschen, denen man das Gefühl geben muss: Alle werden gesehen, man weiß, dass sie da sind – selbst in einer Probensituation. Übrigens vergesse ich da immer die Namen der Tänzer, weil ich so in meine Arbeit vertieft bin. Ich gebe ihnen immer irgendwelche Namen, die mir gerade durch den Kopf schwirren. Sie wissen das und nehmen es mit Humor – schauen mich an und sagen: "Meinst du mich?"

Wenn ich ein Schwan bin, stehe ich eben wie alle anderen Schwäne in einer Linie. Und das nicht, weil ich doof bin und nichts anderes kann
John Neumeier

ZEIT Wissen: Die nehmen das nicht persönlich?

Neumeier: Absolut nicht. Als ich hier antrat, hatte ich klare Vorstellungen und ebenso klare Vorsätze: Ich wollte denkende Tänzer haben. Deshalb habe ich anfangs versucht, jede Entscheidung öffentlich zu begründen und zu erklären. Das war furchtbar. Damals hatte die Kompanie 35 Tänzer, wenn du also etwas gesagt hast, ist das in fünfunddreißig Versionen angekommen. Mir kam dann zu Ohren, dass jemand gesagt hat, dass ich gesagt hätte ... Was ich gar nicht gemeint hatte. Also berief ich nochmal eine Versammlung ein, um das zu klären. Das ging endlos so, es gab die erste Zeit fast nur Versammlungen ... (lacht) Aber es war eben mein Ehrgeiz, dass jeder in dieser Kompanie jede Regelung, jede Entscheidung versteht. Und versteht, dass sie nichts mit ihm persönlich zu tun hat. Sondern zum Beispiel mit der Tatsache, dass in Schwanensee nun mal alle Schwäne gleich sein sollen – wenn ich ein Schwan bin, stehe ich eben wie alle anderen Schwäne in einer Linie. Und nicht weil ich doof bin und nichts anderes kann.

ZEIT Wissen: Wie verträgt sich das mit der Hierarchie innerhalb der Kompanie? Es gibt ja die Gruppe, und es gibt die Solisten.

Neumeier: Mein Prinzip war und ist es, dass alle auf dem gleichen Stand sind, sobald es die Kompanie insgesamt betrifft. Alle müssen wissen: In der nächsten Spielzeit machen wir Romeo und Julia oder dieses oder jenes – und warum wir das machen.

ZEIT Wissen: Totale Gleichbehandlung für alle?

Neumeier: Man mag immer den einen oder anderen lieber, aber das hat bei den Proben nichts zu suchen. Man kann freundlich sein, lächeln – aber das ist die Grenze, und die ist wirklich wichtig. Auch Lob darf man nicht übertreiben. Wenn man einen Tänzer gut findet, kann man das schon sagen. Aber ständig zu sagen: "Ihr seid alle großartig und wunderbar", fördert keine gute Stimmung. Weil jeder, der was im Kopf hat, das als taktisches Manöver durchschaut. Ich denke, wir arbeiten gemeinsam an der gleichen Sache, und wenn wir einander dabei nicht vertrauen, müssen wir uns trennen.

ZEIT Wissen: Die gemeinsame Vision ...

Neumeier: ... ist das Entscheidende, für mich das absolut Entscheidende. Und ich denke, das sieht man auch. Ich schaue jede Vorstellung der Kompanie an, jeden Abend, und ich schaue nicht nur die Tänzer an, die im Vordergrund stehen, sondern ich schaue alle an: Inwieweit sind sie involviert, inwieweit verstehen sie, was sie darstellen, was sie machen? Das finde ich sehr wesentlich.