In einem Hochsicherheitstrakt im kanadischen Ontario schauen sich 47 Gefängnisinsassen Kurzvideos an. In jedem der zwölf Filme spielt sich die gleiche Szene ab: Ein junger Mensch geht von einem Raum in einen anderen. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, die Kamera filmt ihn von hinten. Nach jedem Clip sollen die Insassen die jeweilige Person einschätzen: Wie verletzbar ist sie? Ist sie ein leichtes Opfer?

Die Häftlinge, die die Videos schauen, wurden alle wegen mindestens eines Gewaltdeliktes verurteilt. Viele von ihnen haben sogar mehrere Straftaten begangen. Nun sollen sie die Personen, die sie in den Videos gesehen haben, in Opfer und Nichtopfer einteilen. Was die Häftlinge nicht wissen: Einige der zwölf gefilmten Personen – allesamt Studierende, acht Frauen, vier Männer – waren bereits Opfer geworden, hatten Mobbing erlebt oder Schlimmeres. Mit der Studie wollten kanadische und amerikanische Forscher herausfinden, ob man ihnen das ansieht. Also: Wirken sie auch wie Opfer?

Vor allem diejenigen Insassen, die als selbstsüchtig, gemütsarm und gewissenlos galten, lagen mit ihrer Einschätzung oftmals richtig. Sie konnten besser Opfer von Nichtopfern unterscheiden als die anderen Insassen. Ihr manipulatives und egozentrisches Verhalten befähige sie besonders, die Schwächen anderer zu erkennen und auszunutzen, so die Vermutung der Psychologen, die ihre These, dass man ein Opfer erkennen könne, damit bestätigt sahen. Aber woran genau machten die Häftlinge ihre Einschätzung fest? Besonders häufig nannten sie neben dem Geschlecht auch Körperbau und Fitness, also die Fähigkeit, sich zu wehren. Darüber hinaus erwähnten sie oft den Gang. Sie achteten auch darauf, wie sich die gefilmte Person bewegte. Können wir also mit unserem Gang beeinflussen, ob wir wie ein Opfer wirken?

Der Gang sagt viel über die körperliche Verwundbarkeit. Und was verrät er über unser Seelenleben?

Bereits vor 30 Jahren arbeiteten die amerikanischen Forscher Betty Grayson und Morris Isaac Stein mit einer ähnlichen Versuchsanordnung. Heimlich filmten sie auf einem öffentlichen Platz in New York etwa 60 Passanten von hinten und zeigten die Videos anschließend 53 Gefängnisinsassen, die Menschen überfallen hatten, die sie davor noch nie gesehen hatten. Die Häftlinge sollten einschätzen, welche der gefilmten Personen sich besonders gut als Opfer eigneten. Experten analysierten anschließend das Gangmuster der als Opfer beziehungsweise als Nichtopfer bewerteten Menschen. Dabei stellten sie erhebliche Unterschiede in der Gangart fest und leiteten daraus "Opfer-Merkmale" ab: Unverhältnismäßig große oder kleine Schritte, angehobene anstatt geschwungene Füße sowie eine eher einseitige Körperbewegung, sprich, wenn das rechte Bein angehoben wird, bewegt sich auch der rechte Arm mit. Die Bewegungen wirkten eher unstimmig, die Körperteile schienen gegeneinander zu arbeiten, anstatt sich zu ergänzen. Ein äußerliches Zeichen von Schwäche? Offenbar interpretierten es zumindest die Häftlinge so.

Es scheint, als verrate der Gang etwas über unsere körperliche Verwundbarkeit. Aber sagt er auch etwas über das Seelenleben? Aus Studien ist bekannt, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Gangbild und einer Depression gibt. Demnach gehen depressive Patienten oftmals langsamer und mit stärker gebeugten Knien, sie schwingen ihre Arme weniger und nehmen eine eher in sich zusammengesackte, nach vorn gekrümmte Haltung ein.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/18.

Der Psychologe Johannes Michalak hat sich dieses Wissen zunutze gemacht und ein Experiment mit 39 (gesunden) Studierenden der kanadischen Queen’s University durchgeführt. Er brachte sie dazu, entweder die typischen Gangmerkmale eines depressiven oder eines glücklichen Menschen zu imitieren. Die Probanden wussten nichts von dem eigentlichen Ziel des Experiments. Sie stiegen auf ein Laufband, auf das 17 Kameras gerichtet waren. Aus den Aufnahmen wurde ein Bewegungsmuster erstellt, das als Zeigerausschlag auf einem Monitor visualisiert wurde. Die Probanden, die beim Gehen auf den Monitor schauten, sollten ihre Körperhaltung nun so verändern, dass der Zeiger ausschlug – diese Rückkopplung wird als Biofeedback bezeichnet. Dass es sich dabei um Gangmuster von Menschen des depressiven oder des fröhlichen Typs handelte, wussten die Probanden nicht.