Damit ein Gespräch zum Gespräch wird, muss ein Sprecher das Wort abgeben. Damit der Zuhörer rechtzeitig auf das Gesagte antworten kann, muss er, noch während der Sprecher seine letzten Silben spricht, die Informationen auswerten und vorausahnen, wann dieser seinen Satz möglicherweise beenden wird.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/18.

Diese Vorhersage ist sehr erfolgreich: In 95 Prozent der Fälle liegt der Zuhörer richtig. Dafür sorgen viele versteckte Hinweise in der Sprache. Wenn die Mutter zum Beispiel sagt: "Du musst deine Zähne ...", stöhnt das Kind schon, bevor das letzte Wort "putzen" gefallen ist. Die starke Assoziation zwischen den Worten "Zähne" und "putzen" und die sprachliche Gewöhnung – das Kind hört den Satz vermutlich häufig – lassen es schon erahnen, welches Wort folgt.

Manchmal treiben Kinder ihre Eltern in den Wahnsinn. Regelmäßig werden ihre Gespräche von den Kleinen torpediert. Doch ihre Wahrnehmung trügt: Tatsächlich unterbrechen Eltern ihre Kinder häufiger als umgekehrt, weiß Marisa Casillas, Psycholinguistin am Max-Planck-Institut in Nimwegen. Kinder antworten langsamer und lassen größere Pausen als ihre Eltern. Erwachsene sind so lange Wartezeiten nicht gewohnt, ungeduldig unterbrechen sie.

Dass Eltern Störaktionen ihrer Kleinen aber umgekehrt viel stärker wahrnehmen, liegt daran, dass jüngere Kinder oft komplett am Thema vorbeireden, wenn sie unterbrechen. Erst in ihrer weiteren sprachlichen Entwicklung unterbrechen sie mit einer zum Gespräch passenden Geschichte. Dann fällt weniger auf, dass sie noch genauso viel dazwischenreden wie früher.

Wer unterbrochen wird, muss nicht gleich nachgeben und seinem Gegenüber das Feld überlassen. Andererseits ist die Unterbrechung ein Konkurrenzkampf um das Wort, der Silbe für Silbe ausgefochten wird. Die Kontrahenten verlangsamen ihr Sprechtempo, ihre Stimme wird höher und lauter. Einzelne Silben und Worte werden wiederholt, bis einer der Gegner aufgibt. Der Sieger des Hahnenkampfes gewinnt das Wort – bis zur nächsten Unterbrechung. Dieses Machtgefälle wird in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich gedeutet wie bei diesem abendlichen Gespräch unter Freunden: Drei New Yorker, zwei Kalifornier und eine Britin sitzen an einem Tisch und reden. Eigentlich ein gutes Gespräch – trotzdem sind die Kalifornier und die Britin frustriert, weil die New Yorker am Tischende sie kaum zu Wort kommen lassen und sie sogar unterbrechen. Die New Yorker wiederum wundern sich, warum ihnen Informationen vorenthalten werden.

Zu den anwesenden New Yorkern gehört die Sprachwissenschaftlerin Deborah Tannen von der Georgetown University in Washington. Sie hat das Gespräch aufgezeichnet und kann ihren Freunden eine Erklärung liefern: "Je nachdem wo die Freunde aufgewachsen sind, unterscheidet sich ihr Konversationsstil." Kalifornier und Briten gelten als rücksichtsvoller. New Yorker dagegen zeichnen sich durch ihre hohe Beteiligung aus. "Deutsche sind New Yorkern da ähnlich. In Deutschland gelten Konversationen mit vielen Unterbrechungen als lebhaft und interessant", so Tannen.

Markus Söder: Lassen Sie mich doch mal ausreden!

Frank Plasberg: Herr Söder, seien Sie nicht so mimosenhaft, Sie sind jetzt 50!

Söder: Mit der Weisheit des Alters darf man auch erwarten, dass einem nicht immer jemand ins Wort fällt. Ich höre nämlich jedes Mal allen Beteiligten immer lange zu, auch wenn es mich –

Plasberg: Aber es war doch jetzt ein Gedanke, der den Widerspruch von Herrn Prantl –

Söder: Nein, den akzeptiere ich nicht, weil –

Prantl: Sie haben doch nichts gehört, weil Sie nicht zugehört haben.

Söder: Wie kann ich denn zuhören, wenn Sie mir ständig ins Wort fal –

Plasberg: So, weiter!

("hart aber fair")

Auch in Osteuropa und den Mittelmeerstaaten finde sich der forsche Unterhaltungsstil der New Yorker wieder. Anders unterhält man sich im Norden Europas: Die Skandinavier haben den Ruf, längere Pausen zwischen ihren Sätzen einzuschieben. Die Finnen wären noch stiller. Wenn Norden und Süden im Gespräch aufeinandertreffen, passen sich die Unterhaltungsstile mehr und mehr an: Ist ein Schwede etwa in Griechenland unterwegs, wird er versuchen, die Pausen zwischen seinen Sätzen zu verkürzen, um nicht ständig unterbrochen zu werden.

Angela Merkel: Wir haben im Krankenhaus jetzt Mindestpflegestandards, damit man wenigstens weiß, was das Minimum –

Alexander Jorde: Auf Normalstation auch?

Merkel: Wie bitte?

Jorde: Haben Sie das auf einer normalen Station gesetzlich geregelt: Eine Pflegekraft darf maximal soundso viele Patienten betreuen?

Merkel: Also ...Wir haben in den Intensivpflegestationen bereits, dass –

Jorde: Ich meinte Normalstationen –

Merkel: Ich habe schon verstanden! Ich möchte jetzt den Zuschauern, die nicht ganz so sachkundig sind, was dazu sagen.

("Wahlarena")

Sprachwissenschaftlich lässt sich dieses Verhalten durch die Communication accommodation theory (CAT) erklären. Sie geht davon aus, dass Gesprächsteilnehmer die Tendenz haben, sich dem Partner sprachlich anzupassen, um Macht oder soziale Anerkennung zu erhalten.

So mancher Gang zum Arzt gleicht einer königlichen Audienz. Im Sprechzimmer sind die Verhältnisse streng geordnet: Der Fachmann ist die Autorität, der Ratsuchende der Unterlegenere. Ärzte erzielen diese Dominanz auch durch ihre störende Art, sagt Han Li, die an der kanadischen University of Northern British Columbia forscht. Die Psychologin hat die Anzahl und Art der Unterbrechungen in Arzt-Patienten-Gesprächen ausgewertet. Han stellte fest, dass Ärzte häufiger intrusiv unterbrechen: Sie reden dazwischen, um das Thema zu wechseln oder selbst das Wort zu erhalten. Darunter leide die Beziehung zu den Patienten. Durch ihre intrusive Art könnten unter Umständen wichtige Informationen verloren gehen. Im schlimmsten Fall ist die gestellte Diagnose dadurch falsch. Versucht der Patient das Wort zurückzugewinnen, gelingt ihm das häufig nicht. Ärzte hätten dagegen eine Erfolgsquote von 94 Prozent. Patienten könnten sich von den deutschen Talkshows in puncto Unterbrechungen einiges abgucken, um ihre Meinung zu sagen.

Vielleicht könnten sich auch Frauen dort inspirieren lassen. Forscher der Northwestern University Pritzker School of Law haben Debatten aus dem Obersten Gerichtshof in Nordamerika ausgewertet und herausgefunden, dass Richterinnen dreimal mehr unterbrochen werden als ihre Kollegen. Sogar männliche Anwälte trauen sich, die ranghöheren Richterinnen zu unterbrechen – obwohl sie das laut Gesetz gar nicht dürfen. Im Jahr 2015 wurde in knapp zwei Drittel aller Fälle eine der nur drei amtierenden Richterinnen unterbrochen. Weil sich Sonia Sotomayor, eine der Richterinnen dort, das aber nicht gefallen lässt, gilt sie als aggressiv.

Deborah Tannen, die auf ihrem Gebiet an ähnlicher Stelle steht wie die Richterinnen, kennt das aus eigener Erfahrung und sieht sich in ihrer Forschung bestätigt: Wenn Frauen so reden, wie man es von ihnen erwartet – sei bescheiden, widerspreche nicht, unterbreche nicht –, dann werden sie unterschätzt und erscheinen nicht selbstbewusst. "Reden sie aber so, wie man es von einer männlichen Autoritätsperson erwartet, werden Frauen als einschüchternd und aggressiv wahrgenommen ...

Lutz van der Horst: Es geht um das Thema Bildung.

(Cem Özdemir geht weiter.)

Van der Horst: Warum hauen Sie –

Özdemir (mit gespieltem Akzent): Ich nix haben Bildung.

Van der Horst: Das ist sehr schön, sehr selbstkritisch von Ihnen –

Özdemir: Ich in Baumschule gewesen. Ich können Baumsorten erkennen, aber sonst nix. Gute Frisur, ich nix verstehen. Tschüss!

(aus der "heuteshow")

... Es ist zum Verrücktwerden."