Was würde Kant jetzt tun? Vielleicht sollten wir uns das öfter fragen. Beim Radfahren in der Stadt zum Beispiel. Zugegeben, ich war lange einer dieser Radler, für die rote Ampeln ein Signal sind, sich kurz umzuschauen, ob eine Polizeistreife in der Nähe ist, und dann weiterzufahren. Nun halte ich an roten Ampeln, Kant sei Dank. "Kann ich vernünftigerweise wollen, dass alle so Rad fahren wie ich?", das war der Schlüsselgedanke. Ich habe nicht an Kant gedacht, als ich ihn hatte. Aber inzwischen weiß ich, dass es ein zutiefst kantischer Gedanke ist.

Jeder Mensch, der ein Gewissen hat, fragt sich in manchen Momenten: Was soll ich jetzt tun? Nicht um möglichst schnell irgendwohin zu radeln, nicht um eine Geldbuße wegen Rotlichtverstoß zu vermeiden – nicht um irgendein Ziel zu erreichen, sondern schlicht um das Richtige zu tun.

Was das heißt, hat Immanuel Kant vor 250 Jahren mit bis heute unerreichter Klarheit gesehen. Er hat damals etwas verstanden, was heute in mir wirkt und in jedem anderen Menschen. Warum Menschen manche Dinge tun sollen, dürfen oder müssen und andere nicht. Wer verstehen will, was Moral bedeutet, kommt um Kant nicht herum. Nicht nur beim Radeln. Wie sollen wir mit Flüchtlingen umgehen? Brauchen wir diese Europäische Union wirklich? Darf ich das Handy meines Partners kontrollieren? Zu alledem hätte Kant etwas zu sagen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT-Wissensmagazin 5/18.

Immanuel Kant (1724–1804): Das ist einer dieser Namen, die zu groß scheinen, um etwas mit dem eigenen Leben zu tun zu haben. Warum soll ich mich heute mit ihm befassen? Als er lebte, gab es noch keine Verbrennungsmotoren, nicht mal elektrisches Licht. Aber bei ihm geht es um etwas Tieferes. Um die großen Fragen, mit denen Menschen ringen, seit es sie gibt: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Worauf kommt es dabei an? Warum sind Menschen oft so unglücklich, wenn sie doch so schlau sind?

Dass das mit den roten Ampeln und mir so lange gedauert hat, lag wohl auch an meinen Vorurteilen gegen Kant. Seitdem wir im Philosophie-Unterricht in der Kritik der reinen Vernunft gelesen hatten, hielt ich ihn für zu verkopft und rational überbelichtet, für einen Philosophen für Philosophen. Und dazu dieser Lebenswandel: sprichwörtlich langweilig. Heinrich Heine fasste die Lebensgeschichte Kants so zusammen: "Er hatte weder Leben noch Geschichte."

Ja, stimmt: Kant war nicht der lockerste Typ, auch nach preußischen Maßstäben nicht. Er hatte erklärtermaßen keinen Sex, nicht mal mit sich selbst, machte jeden Tag um die gleiche Zeit den gleichen Spaziergang und ging um die gleiche Zeit ins Bett. Wenn Gäste zum Mittagessen kamen, waren sogar die Tischgespräche streng geregelt: Zur Suppe ging es ums Informieren, zum Braten ums Räsonieren, zum Nachtisch durfte gescherzt werden. Aber dieser Kant interessierte sich wirklich für Menschen. Er wollte sie nicht belehren, er wollte sie verstehen. "Wie soll ich leben?" Darauf kenne ich keine bessere Antwort als die von Kant. Bei ihm finde ich Orientierung, wenn ich in einer moralischen Klemme stecke.

Entgegen den Gerüchten hatte Kant auch durchaus ein Leben. Er wurde am 22. April 1724 als viertes von neun Kindern einer ärmlichen Handwerkerfamilie geboren, war kleinwüchsig und geschwächt von einer Trichterbrust. Als er 13 war, starb seine Mutter. Man kann seine Biografie lesen als einen einzigen Versuch, seine sozialen und physischen Handicaps zu kompensieren.

In jüngeren Jahren trieb er sich fast jeden Abend in den Salons und Theatern herum. Der "elegante Magister" war gern gesehen in der besseren Gesellschaft der Stadt, spielte Billard und Karten, umgarnte die Damen mit Charme. Eine feste Beziehung, geschweige denn Ehe, ging er nie ein. Zweimal hätte er beinah geheiratet, aber beide Male dachte er wohl zu lange nach, wie er später selbst sagte. Er kalkulierte und erwog so lang das Für und Wider der Ehe, bis die jeweilige Verlobte absprang.