In dieser Situation vollzog Kant einen gedanklichen Dreh, der später als "die kopernikanische Wende der Philosophie" bezeichnet wurde. Wenn wir an jene "Dinge an sich" nicht herankommen, dann müssen wir woanders ansetzen: beim Menschen. Ein radikaler Perspektivenwechsel, vergleichbar mit dem, den der Astronom Nikolaus Kopernikus 250 Jahre zuvor gewagt hatte. Er verstieß den Menschen aus dem Mittelpunkt der wissenschaftlichen Welt, Kant holte ihn zurück ins Zentrum.

Vom neuen Standpunkt aus hatte Kant eine neue Sicht auf die Frage "Was soll ich tun?". Gut, schlecht, richtig, falsch – was immer das heißen mag, wir haben nun mal einen Sinn dafür. Wir haben ein Gewissen und ein Moralempfinden. Unsere Aufgabe als Mensch ist es, sie vernünftig zu gebrauchen und ein "sittliches" Leben zu führen.

Aber will man dieses Moralgeschwätz überhaupt hören? "Sittlich" sein, das klingt für mich nach keinem Sex vor der Ehe, Füße vom Tisch und gerade sitzen. Warum soll man sich um Moral bemühen, wenn die Arschlöcher oft glücklicher und erfolgreicher zu sein scheinen? Warum soll ich meinen Müll trennen, wenn andere ihre McDonald’s-Tüten aus dem Auto schleudern? Warum soll ich meine Einkünfte ehrlich versteuern, wenn andere mogeln? Warum also soll ich ein guter Mensch sein wollen? "Weil ich anders mit mir nicht wirklich zufrieden sein kann", sagt Volker Gerhardt, Philosoph und Kant-Experte an der Humboldt-Universität in Berlin. "Weil ich nur so mit mir, meinem Denken und meiner Vernunft in Übereinstimmung bleiben kann."

Der Mensch ist eben ein 'unermüdlicher Lustsucher', und jeder Verzicht auf eine einmal genossene Lust wird ihm sehr schwer.
Sigmund Freud (1856–1939), der österreichische Psychologe ist auch der Begründer der Psychoanalyse.

Wenn Kant "sittlich" sagte, dann meinte er: "gut". Nicht "brav", "fleißig", "glücklich" oder "gottgefällig", sondern schlicht und einfach gut. Das Richtige tun, das Falsche sein lassen. Aber woran entscheidet sich, was richtig und was falsch ist? Gott kann es nicht sein, denn wir wissen ja nicht einmal, ob es ihn gibt. Und Glück? Klar, glücklich sein wollen alle. Aber das ist ein furchtbar schwer zu fassender Begriff. Wer kann schon sagen, wo für ihn das Glück liegt, bevor er es gefunden hat? Womit ein Mensch glücklich wäre, damit wäre ein anderer unglücklich. "Allein es ist ein Unglück", schreibt Kant, "dass der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, dass, obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle."

Menschen haben einen miserablen Riecher für den Weg zum Glück, aber einen sicheren Blick für Gut oder Schlecht. Er ist zumindest zum Teil angeboren, Kinder entwickeln ihn von selbst. Um das zu veranschaulichen, schlägt Kant ein Gedankenspiel vor: Man lege einem zehnjährigen Knaben die Geschichte eines redlichen Mannes vor, "den man bewegen will, den Verleumdern einer unschuldigen, übrigens nicht vermögenden Person (wie etwa Anna von Boleyn auf Anklage Heinrichs VIII. von England) beizutreten". Man lockt ihn zunächst mit großen Geschenken und sozialem Aufstieg. Er bleibt standhaft. Dann laufen seine besten Freunde zu den Verleumdern über. Der Landesfürst droht ihm mit Freiheits-, gar Todesstrafe. Seine Familie wird dazu gedrängt, ihn um Nachgiebigkeit anzuflehen. Der Mann leidet, bleibt aber unbeirrt bei seinem Vorsatz. Und was sagt der Junge dazu? "So wird mein jugendlicher Zuhörer stufenweise", schreibt Kant, "von der bloßen Billigung zur Bewunderung, von da zum Erstaunen, endlich zur größten Verehrung, und zu einem lebhaften Wunsche, selbst ein solcher Mann sein zu können (obzwar freilich nicht in seinem Zustande), erhoben werden; und gleichwohl ist hier die Tugend nur darum so viel wert, weil sie so viel kostet, nicht weil sie so viel einbringt." Ein typischer Kant-Satz. Kurz gesagt: Jeder will so sein wie dieser "redliche Mann". Alle sind sich einig, dass er richtig gehandelt hat, auch wenn er nichts dafür kriegt.

Das ist es, was Kant als Quelle der Moral erkannte: der gute Wille. Er glaubte fest an ihn. Jeder Mensch will gut sein. Gelingt es ihm nicht, dann irrt er sich oder wird getäuscht – jedenfalls scheitert er. Kann passieren, wir sind ja nur Menschen. Aber dafür haben wir ja unsere Vernunft, die uns auf dem rechten Weg hält.

Kants Glaube an das Gute ist nicht so naiv, wie er auf den ersten Blick vielleicht scheint. Ihm war klar, dass die Welt vor Egoisten, Betrügern und Heuchlern wimmelt. Aber die hören nicht auf ihr Gewissen und ihre Vernunft. Sie vernachlässigen die Fähigkeiten, die sie zu Menschen machen. Sie sind nicht erfolgreich (ein Wort, das Kant gern benutzt), sondern gescheitert. Mit dieser Haltung ist Kant mir allemal lieber als beispielsweise Friedrich Nietzsche, der ein Jahrhundert nach Kant erklärte, Moral sei etwas für Schwächlinge, und den "Übermenschen" ausrief, der sich seine eigenen Gesetze schreibt, wie er will. Das tut auch Donald Trump. Was wäre, wenn sich alle so verhalten würden? Das ist der Schlüsselgedanke: Gut und richtig ist, was auch dann okay wäre, wenn alle danach handeln würden. Kant zufolge orientieren sich Menschen in der Welt, indem sie Grundsätze aufstellen. Zum Beispiel "Ich helfe Menschen in Not" oder "Bequemlichkeit ist mir wichtiger als Mülltrennung" oder "Ich will keine Folge der Gilmore Girls verpassen". "Maximen" nennt Kant solche Grundsätze. Ob so eine Maxime moralisch okay ist, hängt davon ab, ob sie als allgemeingültiges Prinzip taugen würde. Wäre es gut, wenn sich alle Menschen immer und überall nach ihr verhalten würden? Wenn ja, hat sie den Kant-Test bestanden. Wenn nicht, dann sollte man sie für sich selbst verwerfen. Kant nennt den Test "Universalisierung" (Verallgemeinerung). Er ist eine ausgetüftelte Version der Ermahnung, die viele Menschen von ihren Eltern kennen: "Stell dir vor, wenn alle das täten!" Bei Kant hat der Test zwei Stufen: Kann man die Maxime widerspruchsfrei als allgemeines Gesetz denken? Und: Können alle Menschen das vernünftigerweise wollen?