Das Gebäude des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach ist komplett wettergesteuert: Je nach Wind und Sonne fahren Rollläden hoch und runter, gehen Fenster auf und zu und Heizungen an und aus. Am energiesparendsten ist aber der Aufzug, den eine Künstlerin im Erdgeschoss an die Wand gemalt hat. Es soll Leute gegeben haben, die sich gedankenverloren davorgestellt und gewartet haben. An diesem Tag ist der Himmel über dem Haus blau und wolkenlos. Die einzigen Tropfen kommen von einem Sprinkler, der sich auf dem Rasen vor der Tür dreht.

ZEIT Wissen: Frau Jones, tropische Wirbelstürme gehören zu den gewaltigsten Wettererscheinungen auf der Erde. Manche haben einen Durchmesser von Hunderten von Kilometern, sie zerstören Landstriche, Häuser und Menschenleben. Sie sind mit Propellermaschinen durchgeflogen – warum?

Sarah Jones: Um zu verstehen, wie sie funktionieren, und sie dadurch besser vorherzusagen. Das sind Überwachungsflüge. Mein erstes Mal war ein Nachtflug 1996, das war ein Jahr mit relativ vielen Wirbelstürmen. Wir sind viermal durch das Auge geflogen.

ZEIT Wissen: Muss man Propellermaschinen nehmen?

Jones: Ja, unter anderem wegen der Vereisungsgefahr. Das sind aber stabile, viermotorige Propellermaschinen mit erfahrenen Piloten.

ZEIT Wissen: Wie lange hat der Flug gedauert?

Jones: Zehn Stunden.

ZEIT Wissen: Oh Gott! Wie war das?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/18.

Jones: Bei dem Nachtflug haben wir nur auf den Instrumenten gesehen, dass der Wind zunimmt. Man bewegt sich überwiegend mit der Strömung. Um ins Auge zu kommen, muss man leicht quer zur Strömung fliegen, so wie wenn ein Schwimmer einen schnell fließenden Fluss überqueren will. Den Sturm selbst und die hohe Windgeschwindigkeit merkt man nicht. Die nimmt bis ins Auge zu – und kurz davor dann stark ab. Gerade an diesem Übergang treten starke Turbulenzen auf, dann ist es sehr gut, dass man angeschnallt ist.

ZEIT Wissen: Wie ist es direkt im Auge?

Jones: Im Zentrum des Wirbelsturms ist es ganz ruhig. Das Auge ist nur zwischen etwa einem und zehn Kilometer groß. Am Tag sieht man die Wolken um sich herum, als wäre man in einem Stadion. Eine Wand aus stärksten Winden, die sich in die Höhe hin öffnet. In einem Hurrikan ist die Windgeschwindigkeit nah am Boden am stärksten.

ZEIT Wissen: Dann ist es besser, einen Wirbelsturm zu durchfliegen als zu durchfahren?

Jones: Ich würde lieber hindurchfliegen, als am Boden zu sein, wenn der Hurrikan kommt. Fliegen klingt gefährlicher, ist aber sicherer.

ZEIT Wissen: Nehmen Wirbelstürme und anderes extremes Wetter in den vergangenen Jahren zu?

Jones: Bestimmte Ereignisse wie Starkregen und tropische Wirbelstürme werden intensiver. Ob sie auch öfter auftreten, wissen wir noch nicht sicher. Gerade diese extremen Fälle sind schwer zu analysieren, weil sie noch immer selten sind.

ZEIT Wissen: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Klima und Wetter?

Jones: Das Wetter spielt sich auf einer kurzen Zeitskala ab, da geht es um Stunden, Tage oder Wochen. Wenn wir über Klimaveränderungen sprechen, sind wir bei Entwicklungen, die sich über 30 Jahre hinziehen.

ZEIT Wissen: Wenn Sie in den Himmel schauen: Worauf achten Sie persönlich?

Jones: Ich habe schon immer einen Blick auf das Wetter gehabt, weil ich als Kind und Jugendliche viel gesegelt bin. Wenn ich heute in den Himmel schaue, schaue ich auf die Wolken. Ich bewundere sie. In ihrem Inneren gibt es sehr feine Prozesse: Es bilden sich Niederschlagstropfen und Eiskristalle, und es gibt Temperaturunterschiede. Sie haben Auswirkungen darauf, ob Gewitter entstehen, Tiefdruckgebiete oder noch größere Strukturen in unserer Atmosphäre. Beim Wetter steht alles in einer Wechselwirkung: das ganz Kleine – wie die Wolken – und das ganz Große, wie ein sich über Tausende von Kilometern erstreckendes Tiefdruckgebiet.

ZEIT Wissen: Was können Sie aus Wolken lesen?

Jones: Je nach Art der Wolken kann man sagen, wie die aktuellen Wetterbedingungen sind. Sehr hohe Eiswolken bei sonst überall blauem Himmel bedeuten zum Beispiel, dass ein Hochdruckgebiet herrscht. Allerdings muss man dann fragen, warum an einem sonnigen Tag überhaupt Wolken da sind – und schon ist man bei den größeren Strukturen, die das Wetter mitbestimmen. Es gibt große Luftwellen über dem Atlantik, die Einfluss darauf haben, ob wir in Deutschland in den nächsten Wochen Tief- oder Hochdruckgebiete bekommen. Wir kennen das, wenn wir in die USA fliegen: Hin brauchen wir länger als zurück, weil es in zehn bis zwölf Kilometer Höhe diesen sehr starken Wind gibt, den Jetstream. Je nachdem, wie dieser gerade ausgerichtet ist, haben wir eine Wetterlage, die dann entweder viele schöne Tage, einen Wintersturm oder ein Gewitter mit sich bringt.

ZEIT Wissen: Kann sich ein Hurrikan in der Karibik auf unser Wetter in Europa auswirken?

Jones: Ja. Er kann sich zum Beispiel nach Norden bewegen, vielleicht kurz vor Florida abdrehen, an Neufundland vorbeiziehen und dann auf den Jetstream stoßen. Dort ändert er sich durch die starken Winde und wird zu einem Tiefdruckgebiet, das dann bis über Berlin ziehen kann.