Vier Menschen sitzen in München in einem Büro in der Technischen Uni mit Plakaten voller Zahlen und Grafiken an den Wänden. Jia Chen, Professorin für Umweltsensorik und Modellierung, schenkt hellgrünen Tee in die Tassen und reißt das Fenster auf – für eine bessere CO₂-Konzentration. Dann stellt sie noch eine kleine Aufgabe: Bitte achten Sie darauf, wie sich die Luftmoleküle im Laufe der nächsten zwei Stunden auf den Tee auswirken. Alles klar!

ZEIT Wissen: Frau Chen, im Christentum glaubt man, dass im Himmel die Engel leben, die Gallier hatten Angst davor, dass er ihnen auf den Kopf fällt. Welche Bedeutung hat der Himmel in China?

Jia Chen: Es gibt einen chinesischen Spruch: Tian ren he yi. Das bedeutet wörtlich: "Himmel und Mensch vereinigt als eins" – also sinngemäß: Der Mensch ist ein integraler Teil der Natur. Ich interpretiere das so, dass Himmel und Menschen in Harmonie stehen sollen. Der Mensch soll den Himmel respektieren und schützen. Himmel und Frieden gehören zusammen, vor allem wenn der Himmel blau ist.

Jia Chen wurde 1981 in einer, wie sie sagt, chinesischen Kleinstadt geboren – mit damals acht Millionen Einwohnern. Die Elektrotechnikerin forschte in München, Karlsruhe und Cambridge. Seit 2015 ist sie Professorin an der TU München. © Julian Baumann/ZEIT WISSEN

ZEIT Wissen: Der Himmel über den chinesischen Städten ist aber in diesen Jahren nicht besonders blau, sondern ziemlich grau.

Chen: Als ich in China lebte, dachte ich, Grau sei die natürliche Farbe des Himmels. Manchmal fiel mir schon auf, dass es sehr diesig ist, aber ich glaubte, es liege am Wetter. Ich habe nicht viel zum Himmel geschaut. Das war kein Gesprächsthema.

ZEIT Wissen: Jetzt wird dort viel über Smog geredet.

Chen: Seit es für Chinesen einfacher ist, zu reisen, und sie öfter in anderen Ländern sind, wissen sie, wie blau der Himmel sein kann.

ZEIT Wissen: Die Luft über Ihnen war in Ihrem Leben sehr unterschiedlich – in China aufgewachsen, in Karlsruhe, München und an der Harvard University gearbeitet. Welche Unterschiede sind Ihnen aufgefallen?

Chen: In Tianjin, wo ich die ersten zehn Jahre meines Lebens verbracht habe, war der Air Quality Index, als ich 2015 nachgeschaut habe, 167. Die Ziffer steht für den Grad der Luftverschmutzung, je höher sie ist, desto schlimmer. Dann bin ich nach Peking gezogen, dort war der Wert 153, also ein bisschen besser. München hatte 42, Karlsruhe 28 und Cambridge 48. Das sind nur Tageswerte, die sich ständig ändern, aber eine Richtung geben sie schon an. Bis jetzt geht es mir gut. Ich kann also nicht sagen, dass die chinesische Luft krank macht. Vielleicht wird man sogar robuster, wenn man in so einer Umwelt aufwächst.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/18.

ZEIT Wissen: Am Ende überleben nur die Großstädter die Verschmutzung der Welt.

Chen: Ja! (lacht) Aber Spaß beiseite: Es sterben heute mehr Chinesen an Lungenkrebs als früher. Dabei achten sie sehr auf ihre Gesundheit: Chinesen wissen, zu welcher Tageszeit sie wie viel Obst in welcher Farbe essen sollten. Aber die Luft, die einen umgibt, ist nicht so leicht zu kontrollieren. Wenn ich heute nach China komme, sehe ich natürlich den Unterschied. Es gibt dort jetzt die Idee, die blaue Farbe des Himmels wieder zum Vorschein zu bringen. Regierungschef Xi Jinping lebt in Peking, ihm ist seine Gesundheit und die seiner Familie auch wichtig. Der Slogan lautet: Make the sky blue again. Bis 2020 soll an 80 Prozent der Tage eine gute Luftqualität herrschen. Erreicht werden soll das etwa durch den Ausbau erneuerbarer Energien, da ist China inzwischen sehr stark, und auch durch die Reduktion der Stahlproduktion.

ZEIT Wissen: Genau andersherum als in Amerika also.

Chen: Ja, in der jetzigen US-Politik spielt Klimaschutz keine große Rolle. Ich hoffe nicht, dass Make America great again wiederum Make the sky grey again bedeutet.

ZEIT Wissen: Was gilt eigentlich als Schmutz in der Luft?

Chen: Das kommt auf die Definition an. Was die Luft in China und an anderen Orten so schmutzig macht, sind Stickoxide, Ozon, Feinstaub und Schwefeldioxid. Sie verursachen diesen Smog, den man sieht und der die Lunge und die Schleimhäute reizt. Wir hier am Institut untersuchen dagegen hauptsächlich Treibhausgase, also CO₂ und Methan. Diese Gase sind nicht sichtbar und verursachen keine direkten gesundheitlichen Schäden. Wir zählen sie trotzdem zu den Schadstoffen: Sie erwärmen das Klima, mit einer großen Wirkung auf die Menschheit. Methan ist dabei übrigens viel schlimmer als CO₂, sein Treibhauseffekt ist über 100 Jahre gerechnet rund 28-mal stärker, in den ersten 20 Jahren nach der Emission sogar 84-mal. Allerdings wird Methan auch schneller wieder abgebaut als CO₂.

ZEIT Wissen: Bei den meisten Leuten ist heute angekommen, dass CO₂ schädlich ist und reduziert werden muss. Über Methan dagegen wird wenig geredet. Müsste die Politik, wenn sie Klimaschutz betreibt, dann nicht eigentlich mehr auf das Methan schauen?

Chen: Ein Kilogramm Methan wirkt ungefähr wie 28 Kilogramm CO₂. Da braucht es Regulierungen. Und auch da warnen wir vor den unbekannten Quellen. Die Methan-Emissionen, die wir kennen, können für die beobachtete Zunahme des Methan-Gehalts in der Atmosphäre nicht allein verantwortlich sein, es muss andere Quellen geben, die wir noch nicht kennen. Deswegen untersuchen wir die Methan-Emissionen in den Städten. Nach den Messungen in München gehen wir nächstes Jahr nach Hamburg, um dort den Hafen zu untersuchen.